Lauter kriminelle Fälle

Die Kriminalität in Österreich hat drastisch zugenommen – besonders vergangene Woche.

Schüsse peitschten in der jüngsten Mittwochnacht durch die Wiener Mariahilfer Straße. Die muntere Knallerei hob mich natürlich aus dem Bett, trieb mich ans Fenster, doch der Ort der urbanen Meinungsverschiedenheit war zu weit weg, wohl auf der äußeren Mariahilfer Straße im Bezirk Fünfhaus. Von dem wusste anderntags auch der „Kurier“ zu berichten, dass die noch dem Rotlicht gegenüber resistent gebliebenen Einwohner „Auf die Straße gegen den Straßenstrich“ gegangen waren, denn unter ihren allnächtlich geröteten Augen tobt seit Monaten ein gar grässlicher Dirnen-Auf-und-Umtrieb. Die Eskalation war also begreiflich.
Sie war in diesen Tagen nicht die einzige. Die Sozialdemokraten wetterten, dass nicht nur Karl-Heinz Grasser irgendwas am Stecken habe, sondern dass auch die „Räuber immer brutaler und gewaltbereiter“ würden; der „Standard“ fand heraus, es sei bereits sicherer, im New Yorker Stadtteil Harlem spazieren zu gehen als im dritten Wiener Gemeindebezirk, in dem Taschlzieher frech ins Tageslicht blicken; der „Kurier“ wieder wusste, dass „Wiens Kriminalpolizei“ das „Stuwerviertel“ des zweiten Bezirks schaudernd die „Bronx von Wien“ nennt; die „Krone“ musste festhalten, dass zwar gerade noch ein „Falschgeld-Ring aus Bulgarien gesprengt“ werden konnte, doch eine „‚Nigerianer-Connection‘ lockte mit Millionen!“. profil ließ sich auch nicht lumpen und berichtet in dieser Ausgabe über Heroin, Giftmüll und Sklavenhandel; und der „Presse“ blieb es vorbehalten, den Untergang des Abendlands zu titeln: „Klon-Versuch mit Toten schafft Kuh-Menschen“.

Können Sie sich überhaupt ausmalen, was passiert wäre, wäre auch noch der Finanzminister zurückgetreten? Bebend vor ständig neuen Aufregungen betrachten wir in der Redaktion unser Land (in dem auch noch Verträge platzen, dass es eine Pracht ist, und Firmen eingehen, wie es ihnen passt), das den Eindruck erweckt, ein ganz normales Tollhaus zu sein, das auf einem Vulkan sitzt. Ums Haar wäre auch noch Kurt Krenn zum Republikanischen Konvent geflogen, um George W. Bush seinen Segen zu erteilen, hätte er sich nicht geweigert, drei Sitzplätze zu bezahlen.
So kann es nicht weitergehen; viele Leute, denen wir noch bis vor kurzem zögernd relativ geistige Frische zuerkannt haben, stehen jetzt dem Wort Wahnsinn weit verwandter gegenüber – und manchmal schon mit einem Bein dort drin, wo früher das Kriminal war. Aber dort passt kaum noch wer rein, drum laufen so viele frei herum, es wird gestohlen bei Tag und Nacht, Greise töten Ehefrauen aus Eifersucht, Teenager duschen in Kärntner Discos, es wird geraucht und geraubt, wir kommen mit der Erwähnung der Brezzn und Best of murders kaum noch nach.
Liebe atemberaubende Schurkin, lieber geistloser Unhold, verehrter Abschaum!
Wollen Sie bitte, um sowohl der Rechtssicherheit nicht noch größeren Abbruch zu tun als auch unsere gedeihliche Zusammenarbeit zu gewährleisten, in Hinkunft die anbetungswürdige Güte besitzen, sich ökonomisch über das Jahr zu verteilen? Zum einen würden Ihre extra-ordinären Taten jene Aufmerksamkeit erringen, die sie zweifellos verdienen, zum andern fänden wir Muße, in unserem geschätzten Organ für sie eventuell entschuldigende Argumente einzuwerfen; haben Sie also bitte die menschliche Größe, Ihre verabscheuungswürdige Niedertracht in einer gültigen Ordnung zu offenbaren.

In diesem September bitten wir Untreuhänder, Luftgeschäftler und andere Defraudanten aufzufliegen; im Oktober wären Wechselreiter, Verleumder, Brandstifter, Animal-Exhibitionisten (die sich vor Tieren entblößen) und Abgeordnete an der Reihe; im November Kunstfehler-Ärzte, Drogen-Popstars, Konkursler, Voyeure auf Flugzeug-Toiletten; der Winter bliebe Priestern, Skiliftbesitzern, Gattenwürgerinnen, Spekulanten und Vereinspräsidenten vorbehalten. Für den Februar brauchten wir Erbschleicher, Giftmischer, Heiratsschwindler (Ballsaison!) und Prokuristen; im März Abzweiger, Wasserverseucher, Trickdiebe und leitende Beamte; für den April erwarten wir Amokläufer, Fälscher, Bankräuber, Opferstockmarder (Ostern!) und Bürgermeister; der Mai ist ideal für Schränker, Erpresser, Leichenschänder, Hendldiebe und Generaldirektoren. Ab dann beginnt das von uns flexibler gesehene Sommerloch mit Massenmördern, Fernseh-Moderatoren und Parteisekretären.

Wenn Sie also bitte die zurückhaltende Güte hätten, sich das zutiefst österreichische Immer-mit-der-Ruhe-nur-net-hudeln ein für allemal zu Eigen zu machen, könnten wir dieses Abkommen das Kriminalistische Manifest nennen.
Sie kämen nicht zu kurz, würden im Nu, was für jeden Staatsbürger das offensichtlich Erstrebenswerteste ist: prominent – und wir könnten Ihnen für alle schauerlichen Details ihrer Regsamkeit üppige Farbstrecken anbieten.
Ich glaube, liebes Gesindel, dass wir mit dieser Einteilung bequemer als bisher durchs Jahr kommen, und bin sicher, wenn Sie sich einigermaßen daran halten können, dann ist das der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.