Lesemaschinchen mit variablem Einsatzort -
profil-Test: E-Book der jüngsten Generation

In Österreich wird bald das erste elektronische Buch der jüngsten Generation erhältlich sein. Wolfgang Paterno hat es getestet: Die Zukunft des Lesens kann es für sich nicht in Anspruch nehmen.

Dem Wachsen und Wuchern ist offenbar nur mit radikalen Maßnahmen beizukommen. Die schöne Misere mit den stetig wachsenden Bergen von Druckerzeugnissen hat der deutsche Kolumnist Harald Martenstein in der Kolumnensammlung „Der Titel ist die halbe Miete“ unlängst so beschrieben: „Früher waren Bücher für mich ein Statussymbol. Ich dachte: ‚Wer meine Wohnung betritt, erkennt sofort, dass er es mit einem gebildeten Menschen zu tun hat, einem Menschen, mit dem eine nähere Bekanntschaft intellektuell lohnt.‘ Heute kommt mir das albern vor.“ Und weiter: „Meine Persönlichkeit kann ich doch auch anders rüberbringen. Man braucht nicht so viele Bücher. Das, was man wirklich braucht, ist Platz.“

Also habe er Teile seines über die Jahre ­angesammelten Lesestoffs verschenkt, all die „zerfledderten Freunde“ schweren Herzens außer Haus gegeben – mit klar definierter Zielvorgabe: „Meine kleine Bibliothek wird, für mich, immer besser, wie eine Soße, die man einkocht. Ich werde niemals mehr ein zusätzliches Bücherregal brauchen. Ich werde am Ende nur noch Bücher besitzen, von denen ich überzeugt bin.“

Seit einer Dekade arbeiten findige Gadget-Erzeuger an der Behebung des bibliophilen Grundübels, an einer neuen Lösung für ein altes Problem. Mithilfe der Technik soll die ­raumgreifende, von der „leisen Langeweile der Ordnung“ (Walter Benjamin) umwitterte Büchersammlung für den Hausgebrauch schrittweise in eine digitalisierte Bibliothek en miniature umgewandelt werden, in ein jederzeit verfügbares, transportables Lesemaschinchen mit variablem Einsatzort: am Urlaubsstrand, in der U-Bahn, inmitten der Unwegsamkeiten eines Waldwegs. Kein Buch, so die einstige Vision der E-Book-Vorreiter, geht mehr in den Untiefen der Bibliothek verloren, Zitate sind leicht auffindbar, der einmal gespeicherte Lesestoff sichert die Lektüre für Monate, und die jeweils aktuellen Bestseller sind via Internet schnell und unkompliziert auf die mobile Präsenzbücherei übertragbar. Der Erfolg der Papierlos-Initiative blieb bislang jedoch überschaubar: Die seit zehn Jahren in Abständen auf den Markt geworfenen Leserequisiten für die Handtasche wirken heute bereits wie Steinzeitinstrumente im Digitalisierungszeitalter.

Einen verblüffend erfolgreichen Anlauf, den Absatz mobiler Lesegeräte zu lancieren, unternahm in den USA vor gut einem Jahr das Internetversandhaus Amazon. Der inzwischen in verbesserter Ausführung (ausschließlich in den Vereinigten Staaten) um rund 350 Dollar erhältliche „Kindle 2“ (von englisch „to kindle“ – anfachen) speichert die Textmasse von bis zu 200 Büchern und kann aufs Netz zugreifen; abgespeckte Versionen einiger Tageszeitungen – etwa der „New York Times“, der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und des „New Yorker“ – lassen sich per Abo ebenso auf das Kindle-Display laden wie die Bücher selbst, von denen kaum eines mehr als 9,99 Dollar kostet. (Eine in Wien ansässige Internetfirma – siehe www.mobilebooks.com – bietet neuerdings eine Auswahl an Literatur für die Handy-Lektüre, darunter Klassisches von Mark Twain und Nietzsche sowie Fantastisches aus der Perry-Rhodan-­Rei­he.)

Die Präsentation der schönen neuen Kindle-Lesewelt wurde selbstredend von einem hohen Maß an Hyperventilation begleitet. „Im Prinzip ist es unser Ziel, irgendwann jedes Buch überall in jeder Sprache anzubieten“, brüstete sich ein hochrangiger Amazon-Manager bei der Markteinführung – Mitte des Vorjahres lagen 130.000 Titel des Versandhändlers in gedruckter wie elektronischer Form vor, wobei der Absatz der klassischen Leseprodukte nach wie vor 94 Prozent der Verkäufe ausmacht. Zu welchem Zeitpunkt Kindle auch in Europa erhältlich sein wird, ist noch offen. Die deutsche Zeitung „Der Tagesspiegel“ sieht die gesamte Buchbranche bereits „vor ­einem Umbruch“, die Nachwirkungen des Kindle-Erfolgs, ist wiederum der „Spiegel“ sicher, werden sich als „epochal“ ­erweisen.

Allein: Angekündigte Revolutionen finden selten statt. Die Kulturtechnik des seit über 500 Jahren praktizierten Buchdrucks wird vermutlich nicht so bald untergehen.

Nach Ansicht des japanischen Elektrogiganten Sony dagegen findet die „Zukunft des Lesens“, wie die Presseabteilung des Unternehmens wissen lässt, bereits dieser Tage statt. Mit dem E-Book-Reader, Typenbezeichnung PRS-505, Richtpreis 299 Euro, bringt der Global Player Anfang April nun das erste elaboriertere Gerät seiner Art auf den österreichischen Markt. Der Speicher des iPod für Leser bietet rund 160 Büchern Platz, erweiterbar ist die elektronische Bibliothek auf 16 Gigabyte oder 13.000 Werke; eine Akkuladung, so die optimistische Einschätzung der Sony-Techniker, reiche für knapp 7000 Seitenumschläge, umgerechnet 14 Romane mit je 500 Seiten. Veranschlagt man für die Lektüre einer Druckseite der Einfachheit halber eine Minute, ergibt eine Batterieladung Literaturstoff für 4,8 Tage ohne Unterbrechung.

Für ein aufgrund der hohen Bildschirmqualität erstaunlich ermüdungsfreies Lesen sorgt das doch zu klein dimensionierte Display, der Text wird bei jedem Umblättern für einen Wimpernschlag invertiert – der Bildschirm färbt sich schwarz, die Schriftzeichen leuchten weiß auf; der Reader-Schirm gleicht dann einem überdimensionierten Kader eines SchwarzWeiß-Negativfilms: jeder Seitenwechsel ein Einbruch der Vergangenheit in die Gegenwart.

Lesen à la Sony erfordert zudem Fingerfertigkeit: Auf dem (unkompliziert zu handhabenden) Reader finden sich 15 Bedienknöpfe, 1 Ein/Aus-Schalter, 2 Wahlräder, 1 Lautstärken-Wippe, 1 Kopfhöreranschluss, 1 USB-Port, 1 Anschluss für die Stromladeeinheit sowie 2 Slots für die Speichererweiterung. Das Vor- und Zurückblättern sowie das Seitenspringen erfordern Geduld, die fix vorgegebenen Schriftgrade sind – gewöhnungsbedürftig und unzweckmäßig – dem gebräuchlichen Konfektionsgrößen-System angepasst: small, medium, large. Anmerkungen und Unterstreichungen können nicht getätigt werden. Der Sony-Reader eignet sich als digitale Parallel-Bibliothek, als ein Textgebirge, das idealer- und lesenderweise im Urlaub, auf dem Weg zur Arbeit – kurz: im Rahmen eher unkonzentrierter Lektüre – allmählich abzutragen ist.

Die zurzeit via www.thalia.at (und mithilfe eines dazwischengeschalteten Computers) lieferbaren Buchtitel stillen zudem derzeit noch eher das Verlangen nach Kuriosa als nach Literatur. Neben dem halben Dutzend (im Digitalformat nur unwesentlich günstigeren) Pflichtbestsellern – darunter Daniel Glattauers E-Mail-Romanze „Alle sieben Wellen“ und Henning Mankells Gewaltetüde „Der Chinese“ – sind als potenzieller Reader-Stoff gegenwärtig Titel wie „Platt is mien Welt“, die Lebensbeichte eines Plattdeutsch sprechenden Äthiopiers, die Folge „Das Findelkind“ aus der trivialliterarischen Ärztinnen-Serie „Dr. Katja König“ und, ausgebreitet auf „280 tabulosen Seiten“, das „Traumschiff der Lust“ gelistet. In das Allerlei von Belletristik, Erotik und Sachbuch hat sich eine, kurios genug, Gesamtausgabe der Werke Friedrich Hölderlins verirrt, dessen mystisch-dunkle Bildersprache schon in Papierform Verständnisschwierigkeiten bereitet.

Ausgeliefert wird der in den Filialen der Buchgrossisten Thalia und Morawa erhältliche Sony-Reader in einem Karton mit dem irritierenden Hinweis, dass sich der Kauf der Lesegerätschaft in puncto Rentabilität bezahlt machen werde: „Lesen Sie ‚Krieg und Frieden‘ fünf Mal und mehr, aber zahlen Sie nur einmal.“ Wie war das noch gleich mit einem herkömmlichen Buch?

Die Leseprobe eines aktuellen Bestsellers befindet sich auf dem Reader vorinstalliert, ein Auszug aus „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele?“ des deutschen Schriftstellers Richard David Precht. In dem kurzen autobiografisch gefärbten Text berichtet der Autor von einer Reise anno 1985, die ihn nach Griechenland führte und sein weiteres Leben prägte.

Precht berichtet von einer Urlaubsbekanntschaft, von einer schicksalsträchtigen Episode, von einem Anti-E-Book-Erlebnis: „Wir hatten uns erst vor wenigen Tagen am Strand kennen gelernt und diskutierten über ein Buch, das ich aus der Bibliothek meines Vaters mit in den Urlaub genommen hatte: ein inzwischen arg ramponiertes Taschenbuch, von der Sonne ausgebleicht (…) Die Atmosphäre, in der wir unsere bescheidenen Gedanken leidenschaftlich austauschten, brannte sich mir so tief ein wie die Sonne auf der Haut.“