Liberace: Steven Soderberghs neuer Film ist zu brav

Steven Soderberghs amüsanter Liberace-Film ist zu brav, um seinem Helden gerecht zu werden.

Immer ein glückseliges Lächeln im rundlichen Kindergesicht, auf jedem Plattencover und jeder Bühne, die sich ihm bot: Mit flinken Fingern traktierte der Mann, den sie Liberace nannten, schon als Kleinkind das Klavier, gab später in verschwenderisch ausgestatteten Shows südamerikanische Schlager, Weihnachtslieder, Gershwin und Chopin zum Besten. Seine Tonträger nannte er „Songs My Mother Taught Me“ und „The Glittering Liberace“. Was Liberace anfasste, musste funkeln, glänzen und glitzern, je heftiger, desto besser; das magische Blendwerk des uramerikanischen Schaugeschäfts war seine Welt. Schon deshalb galt er als perfekter Entertainer, als Mr. Showmanship, als farbenfrohe Kunstfigur, die im Silberpaillettenanzug und Rüschenhemd am Kitschflügel saß, an jedem zweiten Finger einen schweren Goldring, Solariumbronze im Gesicht und Kunsthaar auf dem Kopf. Hätte Las Vegas nicht schon existiert, für Liberace hätte man es erfinden müssen.

„Behind the Candelabra“, so heißt Steven Soderberghs Film im Original – der deutsche Verleih nennt ihn schlicht „Liberace“. Tatsächlich wurde der goldene Kandelaber bereits früh, in den 1950er-Jahren, als Liberaces erste Alben erschienen, zu einem Markenzeichen des Pianisten. „Liberace“ ist Romanze und Biopic, Historien- und Musikfilm in einem – und die Erzählung reicht von der Comedy bis ins Drama, bis zum Aids-Tod Liberaces 1987. Soderbergh blickt zurück in eine Ära, als es noch möglich war, im Showbiz als heterosexuell zu gelten, obwohl man Make-up, Chinchilla-Mäntel und diamantbesetzte Westen trug.

Ein junger Tiertrainer (linkisch verkörpert von Matt Damon) gerät 1977 in den Dunstkreis eines Superstars: Walter (eigentlich Wladziu) Valentino Liberace, das Kind polnisch-italienischer Einwanderer, verliebt sich in den Teenager. Der Altersunterschied von 40 Jahren spielt für beide keine Rolle, der luxuriöse Lebensstil des steinreichen Liberace dagegen sehr. Michael Douglas absolviert die Titelrolle überraschend nuanciert. Er ironisiert seine Figur nicht, spielt sie nicht augenzwinkernd, nimmt ihn unbedingt ernst. Davon profitiert der Film. Und denkwürdige Auftritte wie jener von Rob Lowe als dauerbenebelter Schönheitschirurg beleben „Liberace“ sehr. Nur ein paar Jahre lang hält die Liebe des Show-Traumpaars, sie endet 1982 im Rechtsstreit, in unschönen Geldforderungen.

Zwar entstand „Liberace“ für den Pay-TV-Sender HBO, nun kommt der Film dennoch in die weltweite Kinoauswertung. Soderbergh hält sich allerdings – in seiner ersten Regiearbeit nach dem selbst gewählten Abschied vom Kino – an die Konventionen des Fernsehens, findet keine Form, die Extravaganz seines Helden auch filmisch zu beglaubigen. So bleibt „Liberace“ neben den darstellerischen Meriten ein Triumph der Kostümbildner und Ausstatter: Liebevoll zeichnen sie den Hedonismus und die Dress-Exzesse einer verflossenen Ära nach, liefern die tragikomischen Details einer schwulen Populärkultur als Schauwert-Stakkato und Dauerpointe.