Der ewige Anachronist

Ein politischer Nekrolog auf Muammar al-Gaddafi, der einer der skrupellosesten und unberechenbarsten Diktatoren unserer Zeit war. Nach Angaben des Übergangsrats ist der libysche Ex-Diktator bei einem Gefecht getötet worden.

Lasziv in einem tiefen Fauteuil sitzend, lauscht der libysche Revolutionsführer: Vertreter der erst kurz zuvor gegründeten deutschen Grünen Partei und der europäischen Friedensbewegung machen dem Beduinen aus der Wüste ihre Aufwartung. Eifrig berichten sie ihm von ihren Weltbildern und Vorhaben. Hört der Mann in seinem wallenden beigen Beduinengewand überhaupt zu? Ist er gar entschlummert? Man sieht nicht, ob er hinter seinen Sonnenbrillen die Augen geschlossen hat. Schläfrig, fast wie eingekifft wirkt er jedenfalls, als er dann zu reden beginnt - langsam, stockend. Den Sinn seiner Worte zu ergründen ist nicht leicht. Dass er mit seinem "Grünen Buch“ der Welt den Weg weisen will, ist herauszuhören, und dass da irgendeine Verbindung zwischen dem Grün des Islam und jenem der Öko-Bewegten besteht, auch. Sonst aber bleibt alles sehr im Vagen. Und alle sind sehr beeindruckt.

Diese Szene spielte sich 1982 im Salon eines Wiener Ringstraßenhotels ab. Bruno Kreisky hatte zum Entsetzen der amerikanischen und europäischen Regierungen die Quarantäne durchbrochen, die vom Westen über den Radikalinski aus der Wüste verhängt worden war. Muammar al-Gaddafi auf Staatsbesuch in Wien. Es war die Zeit, als Kreisky den feschen Libyer als "interessanten jungen Politiker“ bezeichnete, dem er austromarxistische Literatur von Otto Bauer und Victor Adler zum Lesen gab. In diesen Tagen schickte auch der österreichische Botschafter in Tripolis eine Depesche nach Hause: Gaddafi sei "weder ein Operetten-Oberst noch ein finster brütender Dr. Mabuse“. Der Libyer habe "Intelligenz - die nicht im Widerspruch steht zu einer möglichen Geisteskrankheit“. Mangelndes Wissen, persönliche Ausstrahlung, fanatisches Sendungsbewusstsein, Dollar-Milliarden zu seiner nahezu unumschränkten Verfügung und Ambitionen, die "viel zu groß sind für Libyen“, machten ihn zu einer "ernst zu nehmenden Gefahr“.

Anfang der achtziger Jahre war Gaddafi auf dem Höhepunkt seiner weltpolitischen Strahlkraft: Gehasst wurde er im Westen nicht nur wegen seiner finanziellen und politischen Unterstützung der radikalsten und terroristischen Palästinensergruppen, nicht nur wegen seiner wüsten Tiraden gegen Israel und den Zionismus. In dieser Periode gab es global keine "progressive Bewegung“, welcher der libysche Oberst nicht Sympathien entgegengebracht hätte - von den gegen die Militärdiktaturen kämpfenden Guerilleros in Südamerika über die Separatisten im Baskenland und in Nordirland und linksradikalen Gruppierungen in den entwickelten Industriestaaten bis zum indigenen Widerstand in der Dritten Welt. Wo immer es antiimperialistische Befreiungsbewegungen gab - libysche Kassen standen für alle offen: auch für die britischen Bergarbeiter, die unter Arthur Scargill gegen die Eiserne Lady Margaret Thatcher in den Kampf zogen - und verloren.

Vor diesem Hintergrund ist auch der damalige Flirt der jungen europäischen Öko-Bewegung mit dem politischen Derwisch aus Tripolis zu sehen. In gewisser Weise war er in dieser Phase des Kalten Kriegs tatsächlich ein Gegenspieler des US-Präsidenten Ronald Reagan, der Gaddafi als den "mad dog of the middle east“ bezeichnete. Reagan unterstützte und finanzierte alle Gruppen und Regierungen, wenn sie nur antikommunistisch agierten - und waren diese noch so verkommen, brutal oder diktatorisch. Da gerierte sich Gaddafi global als quasi spiegelbildlich-alternativer Polit-Sponsor.

Ihn beflügelte in dieser Zeit die Idee der Weltrevolution. Die Hinwendung zu dieser war freilich einer tiefen politischen Frustration geschuldet. Nachdem 1969 der damals 27-jährige Offizier mit einer Gruppe von Armeesoldaten den prowestlichen König Idris gestürzt hatte, stilisierte sich Gaddafi bald zum "Che Guevara der arabischen Welt“. Sein wahres Vorbild hieß aber Abdel Nasser, der in der ganzen Region viel bejubelte ägyptische Präsident. Dieser wollte mit seinem panarabischen Nationalismus die Araber einigen und in die Moderne führen.

Der Nasserismus steckte zum Zeitpunkt von Gaddafis Coup d’État jedoch bereits in der Krise. Die Niederlage Ägyptens im Sechs-Tage-Krieg gegen Israel 1967 war von den Arabern als tiefe Erniedrigung empfunden worden. Und aus der erträumten arabischen Einheit wurde nichts. 1972 starb Nasser. Nun hoffte Gaddafi, das zu tun, woran sein ägyptisches Idol gescheitert war: die arabische Welt und Nordafrika zu einer Nation zu vereinen. Gaddafis unzählige Versuche, mit Syrien, Ägypten, Algerien, Tunesien und anderen arabischen Staaten zu fusionieren, blieben aber letztlich Kopfgeburten und folgenlose, ja lächerliche politische Manöver. Von den Machthabern der anderen arabischen Staaten erntete Gaddafi bloß Spott und Hohn. In ihren Augen war der Libyer viel mehr Politclown als potenzieller panarabischer Führer.

Der libysche Revolutionsführer erwies sich seither als konsequenter Anachronist der politischen Ideen. Er wollte Nassers panarabische Stafette zu einem Zeitpunkt weitertragen, als die Idee des Panarabismus längst nicht mehr morgenländischer Zeitgeist war. Aber auch sein globaler Antiimperialismus, in den er Anfang der achtziger Jahre flüchtete, hatte seine besten Zeiten bereits hinter sich.

Vom Terrorsponsor wurde Gaddafi dann Mitte der achtziger Jahre selbst zum direkten Drahtzieher des Terrorismus: 1986 ließ er eine Berliner Disco, in der amerikanische Soldaten verkehrten, in die Luft gehen: drei Tote. 1988 detonierte eine von Gaddafis Leuten gezündete Bombe im Pan-Am-Flug 19003 über dem schottischen Ort Lockerbie. 270 Menschen starben. Und kurz darauf brachte er ein Flugzeug der französischen Fluglinie UTA über Niger zum Absturz: 190 Tote. Aber auch in der Rolle als transnationaler antiimperialistischer Terrorist war er spät dran: Die mörderische Al Kaida bereitete bereits ihren Auftritt auf der Bühne der Weltpolitik vor. Der Radikalismus im Nahen Osten hatte bald seinen Ausdruck im Islamismus gefunden, der nationale Diktatoren und Antiimperialisten wie Gaddafi als dekadente Handlanger des Westens ablehnte.

So ist es auch nicht verwunderlich, dass der libysche Revolutionsführer bereits 1998, Monate vor den USA, einen Haftbefehl gegen Bin Laden erließ. Die Angst vor ihm trieb ihn schließlich 2003 in die Arme des Westens. Sein "Frieden“ mit den USA war sicher auch von der Horrorvorstellung motiviert, ihm könnte es einmal so ergehen wie Saddam Hussein.

Was aber beeindruckte die Welt an Gaddafi? "Seine gesamte wechselvolle Karriere wirkt, als sei sie den Fieberfantasien der avantgardistischen Moderne entsprungen, die stets mit abgründiger Gewalt zu kokettieren pflegte“, schreibt der Publizist Richard Herziger in der deutschen Zeitung "Die Welt“. "Dass es sich bei ihm womöglich um einen Geisteskranken handelte, steigerte die Faszination, die er im Westen hervorrief.“

Der immense Ölreichtum seines Landes, die grotesken Inszenierungen seiner Auftritte, aber auch die ideologischen Ergüsse in seinem "Grünen Buch“ - eine krude Mischung aus kulturrevolutionären Ideen Maos, Koransuren, Rousseau’schen Ansätzen und beduinischen Banalweisheiten -, die dem Volk die direkte, die "wahre“ Demokratie versprachen, verdeckten vielfach eine simple Tatsache: Seine Herrschaft war von Anfang an persönlich, totalitär und mörderisch. Gaddafi war einer der skrupellosesten und brutalsten Diktatoren des 20. und 21. Jahrhunderts.


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