Libyen: Das Ende des Gaddafi-Regimes

Nach 42 Jahren ist das Regime von Libyens Machthaber Muammar al-Gaddafi am Zusammenbrechen. Die Aufständischen haben in der Nacht auf Montag zentrale Punkte und Schaltstellen der Hauptstadt besetzt und wollen sie bis Dienstag ganz unter ihre Kontrolle bringen. Der Verbleib Gaddafis war vorerst ungewiss.

"Wir haben gesehen, wie sich die Truppen Gaddafis aus den meisten Straßen zurückgezogen haben", sagte der Kämpfer, der sich nach eigenen Angaben einige hundert Meter von der Residenz des bisherigen Machthabers entfernt befand. Von dort feuerten Anhänger Gaddafis am Montag noch mit Panzern, wie Augenzeugen berichteten.

Einwohner aus mehreren Stadtteilen von Tripolis berichteten, in ihren Vierteln seien die Kämpfe abgeflaut. Auf den Straßen seien keine Regierungseinheiten mehr zu sehen. Rebellenkämpfer errichteten demnach zusammen mit Einwohnern Kontrollstellen auf den Straßen. Sie besetzten auch das Gebäude Staatsfernsehens.

In der Nähe von Gaddafis Residenz lieferten einander Rebellen und Regierungstruppen weiter Gefechte, wie ein Korrespondent der Nachrichtenagentur AFP berichtete. Gaddafi hielt sich nach Diplomatenangaben weiterhin in der Residenz Bab al-Asisiya auf. Die Führung der libyschen Rebellen erklärte jedoch, sie habe keine Kenntnis vom Versteck Gaddafis. "Niemand weiß, wo Gaddafi ist", sagte der Vorsitzende des nationalen Übergangsrates, Mustafa Abdul (Abdel) Jalil, am Montag dem arabischen TV-Sender Al Arabija.

Er bestätigte, dass es Gespräche mit dem Internationalen Strafgerichtshof über eine Überstellung des festgenommenen Gaddafi-Sohnes Saif al-Islam nach Den Haag gebe. Unterdessen berichteten arabische Sender, der libysche Regierungschef Al-Baghdadi Al-Mahmoudi habe sich nach Tunesien abgesetzt.

Auch im Süden der Hauptstadt und weiteren Teilen des Stadtzentrums wurde Augenzeugen zufolge weiter gekämpft. In der Ölstadt Brega im Osten dauerten laut den Rebellen die Kämpfe ebenfalls an. Auf den Straßen der Rebellenhochburg Benghazi und in anderen Städten feierten die Rebellen unterdessen bereits den Sieg. Auch in Tripolis strömten sie in Massen ins Stadtzentrum und feierten ihren Erfolg mit Hupkonzerten und Freudenschüssen.

Der Nationale Übergangsrat, die politische Vertretung der Rebellen, bereitete sich auf die Machtübernahme in Tripolis vor. Jalil sagte dem TV-Sender Al-Arabija, es seien Maßnahmen ergriffen worden, um das Gremium nach Tripolis zu verlegen. Die Rebellen kontrollierten Tripolis fast vollständig. Einige wenige "Widerstandsnester" würden voraussichtlich binnen 48 Stunden zerschlagen.

Der TV-Sender Al Jazeera strahlte ein kurzes Telefoninterview mit dem Gaddafi-Sohn Mohamed aus, der sich nach eigenen Angaben in sein Haus zurückzog. Während des Gesprächs war heftiger Gefechtslärm im Hintergrund zu hören, anschließend sprach Mohamed mit panischer Stimme. In dem Gespräch versicherte er, nicht Teil des Systems zu sein und räumte Fehler der Regierung ein. Laut dem britischen Premier David Cameron wurden zwei Gaddafi-Söhne festgenommen.

Frankreich regte ein Sondertreffen der Libyen-Kontaktgruppe "auf höchster Ebene" an. Dabei könne ein Plan für das weitere Vorgehen der internationalen Gemeinschaft an der Seite des Nationalen Übergangsrates ausgearbeitet werden, sagte Außenminister Alain Juppé. Der Libyen-Kontaktgruppe gehören die Länder an, die an dem NATO-Einsatz beteiligt sind.

(APA/Red)


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