Libyen: Rebellen jagen Gaddafi

Muammar al-Gaddafi gibt sich trotz aller militärischen Rückschläge unbeugsam. Nach der Erstürmung seines Hauptquartiers durch Rebellen rief der 69-Jährige die Bevölkerung Mittwoch früh in einer Audiobotschaft zum Widerstand auf. Zuvor hatte Gaddafi in einer ersten Audionachricht angekündigt, er werde bis zum "Märtyrertod oder Sieg" kämpfen. Die Rebellen schmieden indes an Post-Gaddafi-Plänen; sie planen Parlaments- und Präsidentschaftswahlen im kommenden Frühjahr.

In seiner Residenz fielen laut dem britischen Sender BBC am Mittwoch immer noch vereinzelt Schüsse. Auch in der Nähe des internationalen Flughafens in Tripolis und im südwestlichen Vorort Al-Hadaba al-Khadra lieferten sich Aufständische und Anhänger Gaddafis weiter Gefechte. Ein Aufständischer sagte der Nachrichtenagentur Reuters am Telefon, dass Gaddafi in diesem Areal vermutet werde.

Laut dem arabischen Sender Al-Jazeera griffen Regierungstruppen in der Nacht zudem die Rebellen-Hochburg Misrata mit Scud-Raketen an, die aus Sirte, der Heimatstadt Gaddafis, abgefeuert wurden. Die Aufständischen in Libyen kontrollieren die strategisch wichtige Küstenstraße von Al-Zawiyah in die Hauptstadt Tripolis. Auf der Strecke, entlang der vor kurzem noch gekämpft wurde, errichteten Rebellen zahlreiche Straßensperren.

Ein Rebellensprecher erklärte, die Frage sei nicht mehr, wo sich Gaddafi aufhalte, sondern nur noch, wann er festgenommen werde. Die Aufständischen hatten am Dienstag die Residenz des langjährigen Diktators in Bab al-Aziziya in Tripolis eingenommen, von Gaddafi fehlte aber jede Spur. Auch am Mittwoch blieb unklar, ob er sich in der Hauptstadt Tripolis versteckt hat oder in den Süden des Landes geflüchtet ist.

Gaddafi selbst rief in Audiobotschaften in der Nacht auf Mittwoch, Tripolis von den Aufständischen "zu säubern". Gaddafi habe den Aufständischen Folter vorgeworfen. Sie würden Gegner "exekutieren". Er selbst habe bei einer Tour durch die Hauptstadt den Eindruck gewonnen, dass die Stadt "nicht in Gefahr" sei. Er sei "unerkannt spazieren" gewesen, "ohne dass die Menschen mich sehen".

Der Nationale Übergangsrat der Rebellen feilt unterdessen bereits an Plänen nach dem Sturz Gaddafis. Rebellenchef Mustafa Abul Jalil kündigte Wahlen innerhalb der nächsten acht Monate an. "Wir wollen eine demokratische Regierung und eine gerechte Verfassung", sagte Jalil der römischen Tageszeitung "La Repubblica". Das neue Libyen werde besondere Beziehungen zu den Ländern unterhalten, "die unseren Befreiungskampf von Anfang an unterstützt haben". Libyen werde ein vollwertiges Mitglied der internationalen Gemeinschaft sein und alle zuvor eingegangenen Verträge achten.

Der russische Präsident Dmitri Medwedew sieht trotz der Erfolge der Rebellen weiter Einfluss und militärische Macht Gaddafis in Libyen. "Tatsächlich gibt es in dem Land eine Doppelherrschaft", sagte Medwedew. Das militärische Potenzial von Gaddafis Anhängern sei nicht erschöpft. Gleichzeitig rief er Gaddafi und die Rebellen auf, sich "an den Verhandlungstisch zu setzen" und "ein Friedensabkommen" zu verhandeln.

(APA/Red)


View Map: The Battle for Tripoli, LIBYA in a larger map