Liebe Leserin,
lieber Leser!

Das Jahr hatte noch gar nicht begonnen, da hatte sich schon ein großer Schatten darüber gelegt. Durch die verheerende Tsunami-Flutwelle am 26. Dezember 2004 wurde die Welt jäh aus ihrer Weihnachts- und Neujahrsbesinnlichkeit gerissen. Die Bilder aus Südostasien dokumentierten ein Ausmaß an Verwüstung, wie man es allenfalls noch von den Bombenangriffen auf Hiroshima und Nagasaki in Erinnerung hatte. Täglich, ja stündlich wurden die Opferzahlen nach oben korrigiert. Erst Monate später lag eine zuverlässige Statistik vor: Über 225.000 Menschen waren in der Flut ums Leben gekommen.

Die internationale Hilfsbereitschaft kannte keine Grenzen. Nie zuvor waren in so kurzer Zeit so enorme Spendensummen aufgebracht worden. Kritiker beklagten die – auch medial geschürte – Fixierung auf eine einzige Krisenregion, und sie behielten insofern Recht, als das vergangene Jahr mit einer ganzen Reihe von Naturkatastrophen aufwartete, die allerdings keine vergleichbare kollektive Betroffenheit nach sich zogen – zuletzt, am 8. Oktober, ein Erdbeben in Kaschmir, das 74.000 Opfer forderte. 3,5 Millionen Menschen sind bis heute obdachlos.

So gesehen war 2005 ein besonders trauriges Jahr, wenn auch sonst, bei oberflächlicher Betrachtung, kein auffallend markantes. Es gab keine elektrisierenden Zäsuren wie 9/11 (2001) oder den Irak-Krieg (2003) oder eine dramatische innenpolitische Wende (2000). Die gab es in Deutschland immerhin, wo die SPD zwar nach wie vor in der Regierung sitzt, aber nunmehr unter einer CDU-Kanzlerin, der ersten deutschen Kanzlerin überhaupt. In Österreich wiederum gab es einen bemerkenswerten politischen Verfallsprozess, in dessen Zentrum einer stand, der die Wende vor fünf Jahren erst ermöglicht hatte: Jörg Haider. Vor allem aber gab es europaweit eine Entwicklung, die an verschiedenen Orten in unterschiedlichen Formen kulminierte. Die Bombenanschläge in London, die Jugendkrawalle in Frankreich, der FPÖ-Wahlkampf in Wien waren nichts anderes als Variationen eines Grundthemas, das uns noch sehr lange beschäftigen wird: Ist der Traum einer friedlichen, zivilisierten Integration endgültig gescheitert – und wenn nein: Wie kann er noch gerettet werden?

All diese Themen – und einige andere mehr – werden im vorliegenden profil-Jahresrückblick aufgegriffen und vertieft. Die Struktur eines Jahres zeichnet sich immer erst im Nachhinein ab, und manchmal muss man sogar etwas länger warten. So lange wiederum können wir nicht warten. Wir glauben trotzdem, dem Jahr 2005 eine Struktur gegeben zu haben, die ihm gerecht wird.

Ich danke allen an diesem Heft Beteiligten, insbesondere Erich Schillinger (Art-Direction), Alexander Dunst und Rainer Nikowitz (Textredaktion Monatschronik), Manfred Klimek, Elfi Puchwein und Alexandra Unger (Fotoredaktion).

What’s next? 2006! Wir freuen uns auf ein großes Jahr.

Sven Gächter
Chefredakteur