Literatur: Kaminfeuerfeminismus

Emotionen waren Luxus, die Ehe diente als Versorgung: Aus diesem Dilemma schuf Jane Austen, deren Leben nun im Kino nacherzählt wird, Romane, die noch immer Millionenseller sind. Warum fasziniert das Weltbild einer präviktorianischen Jungfrau bis heute die Popkultur?

„Mit wem werden Sie tanzen?“ – „Mit Ihnen, wenn Sie mich dazu auffordern.“ Geplänkel auf dem „Fleischmarkt“, so die zynische zeitgenössische Bezeichnung für die als Eheanbahnung dienenden Bälle, zwischen Emma und ihrem hinreißend dreisten Kavalier Mr. Knightley. „Emma“, vor einigen Jahren mit Gwyneth Paltrow als kuppelsüchtige Heroine verfilmt, war Jane Austens letzter, von elegantem Sarkasmus getragener Roman. Er erschien ein Jahr vor ihrem Tod 1817. Im Alter von nur 41 Jahren starb die aus ärmlichen Verhältnissen stammende Pfarrerstocher an der damals unheilbaren Addison-Krankheit, einer Nebennierenrindeninsuffizienz.

Jane Austen ist, was die Verkaufszahlen betrifft, neben der Harry-Potter-Schöpferin Joanne K. Rowling die erfolgreichste Schriftstellerin der Welt. Austens sechs Romane sind seit ihrem Tod nie vergriffen gewesen. Jährlich tauchen eine Million englischsprachige – vor allem weibliche – Leser in das Sittenleben der „Gentry“, des ländlichen Bürgertums während der britischen „Regency“, ein; eine weitere Million wird Jahr für Jahr in hunderten Übersetzungen, unter anderem auch auf Hindi, aufgelegt.

Emotionaler Stress. Der Kosmos der Jane Austen ist eine Welt der geröteten Bäckchen und verstohlenen Blicke, eine Welt der Thomas-Hope-Interieurs, der Byron-Deklamationsabende am Kaminfeuer, des wohligen Beklatschens der außerehelichen Affären des Prince of Wales und der Brutalität eines Überlebenskampfs, der die im Erbrecht benachteiligten, von Bildung und Berufsausübung ferngehaltenen Frauen unter hohen emotionalen Stress setzte. Die Ehe galt als einzige Versorgungsinstitution für die Töchter, und der Kampf um den am besten situierten Junggesellen war auf den Landgütern und den Ballsälen der englischen Provinz von gnadenlosem Konkurrenzdruck geprägt. Emotionen fielen in die Kategorie Luxus; die dramatische Frage „Geld oder Liebe?“ gehörte zum Alltag der Repräsentantinnen des Mittelmaßes.

Denn wie die Autorin selbst zeichnen sich auch die meisten ihrer Heldinnen weder durch Vermögen noch durch Stand und Schönheit aus, sie suchen ihre Mangelerscheinungen in diesen Domänen vielmehr durch Witz, „Herzensbildung“ und den naiven wie unbeirrbaren Wunsch nach einer Liebesverbindung jenseits von sozialen und pekuniären Zwängen zu kompensieren. Dass dieser Anspruch oftmals das Ticket in eine Art romantische Hölle bedeutet, versteht sich von selbst. „Ihre Augen waren rot und geschwollen, und es schien, als falle es ihr jetzt noch schwerer, die Tränen zurückzuhalten“, beschreibt Austen die zurückgewiesene Marianne in „Verstand und Gefühl“. „Sie konnte weder essen, noch sprechen.“

Wenn man die Romantik, wie Rüdiger Safranski das in seinem aktuellen Epochenporträt beschreibt, als die Keimzelle der späteren Protestkultur verstehen will, so weist sich Austen als Romantikerin im besten Sinn aus. Sie rebelliert in ihren entlarvenden Sittengemälden gegen die Diktatur der Vernunft, des Verstands und der Sehnsucht nach Sicherheit und ordnet den Tugenden „Pride“ (Stolz) und „Sensibility“ (Empfindsamkeit), um zwei Schlagwörter aus den Titeln ihrer Romane zu benutzen, ihr Dasein unter. Im Fall eines Scheiterns ist der gesellschaftliche Super-GAU für eine Frau dieser Epoche – nämlich das Leben einer alten Jungfer, das die mittellose Pfarrerstochter Jane Austen dann auch wirklich geführt hat – einkalkuliert.

„Das schlimmste und am wenigsten wiedergutzmachende aller Übel ist eine lebenslange Verbindung mit einem Mann ohne Prinzipien“, heißt es in „Verstand und Gefühl“. In Austens Romanen schwingt eine subtile Verachtung für „jene wohl erzogenen, jungen Damen mit kleinem Vermögen“ mit, die „ohne besondere Meinung von den Männern oder der Ehe“ eine solche „als natürliche Versorgung und angenehmsten Notanker“ anstrebten, wie Austen in „Stolz und Vorurteil“ anmerkt.

Haute Couture der Gefühle. Dass das Kino sich der Jane-Austen-Stoffe in Endlosschleife bemächtigt – zuletzt wurde „Stolz und Vorurteil“ mit Keira Knightley unter Großeinsatz ihrer bebenden Lippen geschmäcklerisch auf die Leinwand gebracht –, mag nicht nur daran liegen, dass die von Paartherapien, Doppelbelastung und Karriereknicks ermatteten Mittdreißigerinnen ihrer Seele einen Boxenstopp im Nostalgie-Land ermöglichen möchten. Hier greift zusätzlich der „Me too“-Effekt, wie das in der TV-Fachsprache heißt – neben Laura-Ashley-Romantik und Nebelschwaden über dem Hochmoor bieten die tragischen Austen-Frauen ein hohes Identifikationspotenzial. Sie streben nach Unabhängigkeit und Selbstverwirklichung, suchen aber gleichzeitig die Haute Couture der Gefühle und den dazugehörigen Mann, mit dem sie in Symbiose treten können, ohne sich selbst dabei aufgeben zu müssen. Ein romantisches Dilemma, das heute auch der Marketing-Assistentin mitten im Achten nicht ganz fremd ist. Nicht umsonst hat eine Hollywood-Nonkonformistin wie die Britin Emma Thompson sich 1995 als Drehbuchautorin an einer Neuadaption von „Sinn und Sinnlichkeit“ versucht. Und wurde für ihre Ambition, das Austen-Territorium zu entstauben und in moderne Klarheit zu überführen, ohne es zu beschädigen, mit einem Oscar belohnt. Die in der Postmoderne mit sportlichem Enthusiasmus betriebene Zitierwut tat ihr Übriges, um Jane Austen selbst für literaturarmselige Donna-Leon- und Rosamunde-Pilcher-Leserinnen zum fixen Begriff zu machen. In dem Boxoffice-Hit „e-mail for you“ ködert Meg Ryan als verhuschte Buchhändlerin Tom Hanks, indem sie ihn beständig mit „Stolz und Vorurteil“-Zitaten bei der Stange hält. Die Schutzheilige vom Leben gedemütigter, aber dennoch fröhlicher Single-Frauen, Bridget Jones, kriegt nach einem Fettnäpfchen-Parcours endlich ihren Mr. Darcy, so auch der Name des zu erstrebenden Subjekts in „Stolz und Vorurteil“. Dass Renée Zellwegers Darcy dann auch noch von Colin Firth gespielt wurde, der in einer legendären BBC-Verfilmung von „Pride and Prejudice“ den anfangs so spröden Helden gegeben hatte, wirkte zusätzlich geschmacksverstärkend.

Demnächst wird ein „Chickflick“, so der Hollywood-Jargon für prädestinierte Mädchenware, mit dem Titel „The Jane Austen Book Club“ in die Kinos kommen, in dem ein Mädchenquartett in der amerikanischen Provinz seine Liebesdilemmata, Desaster und Höhenflüge mit der Hilfe von Austens „How to“-Sittenkodex in die Gänge zu kriegen sucht. Gleichzeitig stapeln sich in den „Selbsthilfehöllen“ (so Fräulein Bradshaw in „Sex and the City“) der Buchläden die Dating- und Männerdomptier-Ratgeber, die sich auf Austen-Weisheiten berufen, die einen gewissen Binsen-Gout in sich tragen: „Verberge deine Zuneigung nicht!“, „Vertraue deinem Instinkt“, „Verfalle nicht dem Flirt“ und „Urteile nicht voreilig!“ Dass Jane Austen inzwischen unverrückbar auf der Landkarte des Mainstreams gelandet ist, könnte man mit dem fiktiven Buchtitel „Ironie und Gemeinheit“ zusammenfassen. Was für ein tragisches Paradoxon! Die posthume Millionensellerin, die ihre Romane zu Lebzeiten anonym, bloß mit dem Beisatz „By a Lady“ veröffentlichte, konnte sich zu Lebzeiten nie an mehr als mäßigen Verkaufserfolgen erfreuen; auf ihrem Grabstein in Winchester findet sich kein Hinweis auf ihr literarisches Werk.

„Wo ist Ihre Tochter?“, wird Mrs. Austen in der neuen Filmbiografie „Geliebte Jane“ von einer auf Brautschau für den Neffen befindlichen Dame gefragt.

„Sie schreibt“, lautet die verschämte Antwort der Pfarrersfrau. Ein entsetzter Blick der Dame: „Kann man sie davon abhalten?“ In diesem erfundenen Dialog wird das Dilemma der Literatinnen jener Epoche plastisch: Die meisten Autorinnen im England und im Frankreich des 19. Jahrhunderts publizierten unter Pseudonym, damit ihre unschickliche Tätigkeit nicht das Ansehen ihrer Familien schädige.

Image-Verharmlosung. Ein erster Austen-Boom sollte erst Mitte des 19. Jahrhunderts einsetzen, als ein Neffe der Familie, James Austen-Leigh, seine von harmloser Plattheit geprägten Erinnerungen an seine schreibende Tante („Memoir of Jane Austen“) publizierte. Wie Janes jüngere, ebenfalls unverheiratet gebliebene Schwester Cassandra die intimen, leidenschaftlichen und von scharfsinnigem Sarkasmus geprägten Passagen der Toten aus dem gemeinsamen Briefverkehr eliminierte, um sie für die viktorianische Lustfeindlichkeit salonfähig zu machen, so trugen auch die Memoiren des Neffen ihren Teil zu einem verfälschten Biederkeitsimage der so wachen, humorvollen und konventionsfeindlichen Analytikerin ihrer Zeit bei. „Ich wage dir gar nicht zu erzählen, wie mein irischer Freund und ich uns benommen haben“, schreibt Jane an ihre Schwester, als sie von einer Begegnung mit ihrem später tragisch endenden Flirt Thomas Lefroy berichtet – „stell dir alles nur höchst anstößig und schockierend vor.“

In Erwartung eines Heiratsantrags des Jusstudenten merkt sie in einem anderen Brief an: „Ich werde ihn natürlich ablehnen, es sei denn, er verspricht, sich von seinem allzu hellen Mantel zu trennen.“ Die finanzielle Abhängigkeit von einem Onkel, der die Verbindung mit einer mittellosen Pfarrerstochter unter keinen Umständen zulassen wollte, verhinderte ein Happy End. Austen sollte nie wieder eine Beziehung mit einem Mann eingehen. Im Sinne der Freud’schen These der Sublimierung hat sich dieser Mangelzustand in hoher Produktivität und literarischer Unsterblichkeit niedergeschlagen.

Selbst der englische Starschriftsteller Ian McEwan outete sich unlängst als Austen-Fan: „Der Plot ist zwar immer gleich – ein Mann und eine Frau missverstehen sich über 400 Seiten, dann kommt der Durchbruch, und sie heiraten. Die ganze Geschichte wäre nicht möglich, wenn sie sofort Sex hätten.“ Das mögen sich die Liebesdesperados der Gegenwart zu Herzen nehmen: „Heute ist es umgekehrt: erst der Sex, dann die Missverständnisse. So gesehen kann man von Austen viel lernen.“

Von Angelika Hager