'Love Comes Lately': Neurosen-Kammerspiel
mit Otto Tausig als später Frauenheld

Neurosen-Kammerspiel aus dem jüdischen Bürgertum: In „Love Comes Lately“ brilliert Otto Tausig als später Frauenheld.

Wer im Kino die Themen Eros, ­Alter und Tod ins Auge fasst, kommt schnell bei Ingmar Bergman an. Mit einer kleinen Albtraumsequenz, die an Bergmans „Wilde Erdbeeren“, die (ungleich ernstere) Studie eines Lebensabends, denken lässt, startet Regisseur und Autor Jan Schütte („Drachenfutter“; „Winckelmanns Reisen“) seinen in Amerika gedrehten jüngsten Film – „Love Comes Lately“ (profil-Premiere: 11. Dezember, der reguläre Österreich-Kinostart folgt am 19. Dezember). Das Werk Bergmans ist nicht die einzige Assoziation, die „Love Comes Lately“, Schüttes österreichisch-deutsch-amerikanische Co-Produktion, evoziert: Die Schatten Philip Roths und Woody Allens liegen deutlich über dieser Tragikomödie eines alternden Schriftstellers und womanizers, der seine alltäglichen Komplikationen zwischen Literaturproduktion, Prostatakrebs und später erotischer Aufwallung in den Griff zu kriegen versucht.

Ein aus Wien emigrierter New Yorker Jude, gespielt von Otto Tausig, verbringt sein Leben im professionellen Tagtraum seiner literarischen Fantasien, die sich wiederum offensichtlich vor allem aus Selbsterlebtem speisen. Nachts hackt er seine halb- und ganz autobiografischen Liebesbekenntnisse in die Schreibmaschine, sehr zum Leidwesen seiner Freundin (Rhea Perlman), deren enden wollende Geduld von ihrer gut begründeten Eifersucht weiter begrenzt wird. Drei Kurzgeschichten des Schriftstellers Isaac Bashevis Singer sind die Basis in „Love Comes Lately“, die in Jan Schüttes Kinobearbeitung in einen semifiktionalen Bewusstseinsstrom überführt ­werden: Die Phantasmen der Prosa­arbeit vermischen sich mit den Routinebedingungen des Autorendaseins. Auf seinen Vortragsreisen, in Zugabteilen und Hotelzimmern imaginiert sich der Schriftsteller in die Rolle des alleinstehenden Charmeurs, der auf seinem Weg von Zufallsbekanntschaft zu Zufallsbekanntschaft in allerlei morbid-surreale Situationen gerät.

Als zerstreuter, chronisch untreuer Literat dominiert Otto Tausig diesen Film naturgemäß, indem er sich darin zum Außenseiter macht: In seinem Darstellungsstil, den jammernden Tonfällen und der verqueren Phonetik seines sehr wienerischen Englisch grenzt er sich ab von allen, die um ihn sind, bleibt für sich, so-sehr er auch nach Gesellschaft sucht: ein Fremder. Die Attraktion, die Tausigs Figur drehbuchgemäß auf seine vielen Interessentinnen (darunter auch die Schauspielerin Barbara Hershey) auszuüben hat, mutet dennoch keineswegs forciert an: Der zeitlose jugendliche Charme des Mimen teilt sich mit. Gegen Ende dieses Films trägt der Autor, in Ermangelung seiner (natürlich verloren gegangenen) Vorlesungsnotizen aus seiner jüngsten short story vor, die er – in Paraphrase des Filmtitels – „Old Love“ genannt hat. Die alte Liebe, wie Singer, Tausig und Schütte sie verstehen, verfügt über einen hervorragenden Rostschutz: Das Schreiben hält sie, wie auch das melancholische Schlussbild dieses Films festhält, für ­immer jung.

Von Stefan Grissemann