Der Gesamtkunstwerker

Gernot Bauer über Anwalt Manfred Ainedter, der KHGs Unschuld ohne Rücksicht auf Verluste verteidigt.

"Es ist nicht Aufgabe des Verteidigers, die Wahrheit herauszufinden. Das ist Sache des Richters.“

Er betreut Fälle wie diesen: Zwei Katzen attackieren im Hof die Nachbarin; Anzeige gegen die Tierhalterin wegen Körperverletzung. Ein als Gutachter beigezogener Tierpsychologe stellt nach Verhaltensstudium der beiden Haupttäter fest, dass die Katzen als ungefährlich einzustufen sind und ihr Aufenthalt außerhalb der Wohnung keine Gemeingefährdung darstellt. Freispruch.

Oder diesen: KHG; Verdacht des Amtsmissbrauchs. Status: Ermittlungen im Laufen, Unschuldsvermutung in Geltung. Ausgang offen. Insider aus der Staatsanwaltschaft meinen, es könnte schwierig werden, die mutmaßlichen Delikte ohne Geständnisse der anderen Verdächtigen (Walter Meischberger, Ernst Plech, Peter Hochegger) nachzuweisen.

An diesem Punkt wird der Wiener Strafverteidiger Manfred Ainedter ungehalten: Es gebe keine Delikte; was es gebe, seien "mediale Vorverurteilungen in unerträglichem Ausmaߓ.

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"Sie sind wahrscheinlich der einzige Mensch, abgesehen von Mitgliedern der Familie Grasser und Swarovski, der an die Unschuld von Karl-Heinz Grasser glaubt.“
Ainedter: "Weit gefehlt. Mich reden ständig Leute an, die nicht verstehen, warum das Verfahren gegen Grasser nicht längst eingestellt wurde. Schließlich laufen die Untersuchungen seit über zwei Jahren ohne strafrechtlich relevante Ergebnisse.“

Dass das Verfahren - wie von Ainedter beantragt - bald eingestellt wird, dürfte ausgeschlossen sein. Bis zu Anklageerhebung und Prozess könnte laut Wiener Staatsanwaltschaft allerdings noch ein weiteres Jahr vergehen.

Manfred Ainedter ist Staranwalt im zweifachen Wortsinn. Dieser Status macht potenziellen Klienten Schwellenangst: "Wegen der prominenten Fälle glauben viele, sie könnten sich mich nicht leisten. Was nicht stimmt.“ Rainhard Fendrich half er in Suchtgift-, dem Radfahrer Bernhard Kohl in Doping-Malversationen. Ainedter kümmerte sich um die Schadenersatzansprüche des Skifahrers Matthias Lanzinger und vertrat die Familie von Wolfgang Schüssel in der Skurrilo-Affäre um eine falsche Pflegerin, die sich in einem Interview mit dem Magazin "News“ als illegal beschäftigte Betreuerin ausgegeben hatte. Ainedter rettete die Ehre des Spitzenpolizisten Ernst Geiger in einer Rotlichtaffäre und die Anwaltslizenz seines Kollegen Werner Tomanek nach angeblichem Versicherungsbetrug.

Jüngst vertrat er zwei Austro-Russen, die den Kärntner Formel-1-Piloten Patrick Friesacher sponserten, um sich angeblich Jörg Haiders Unterstützung in ihrem Staatsbürgerschaftsbegehren zu sichern. Und aktuell betreut Ainedter den Ex-Chef der Nationalbank-Tochter Banknoten- und Sicherheitsdruck in der Affäre um Untreue und Bestechung samt Kickback-Zahlungen.

Ainedter spricht einen Innenstadt-kompatiblen Wiener Dialekt, trägt Manschettenknöpfe und Siegelring ohne Wappen (er stammt zwar aus einer Dynastie, allerdings einer von Leopoldstädter Rauchfangkehrern). In seiner Kanzlei im zweiten Bezirk schmücken statt Bilder vor allem in Zeitungen veröffentlichte Karikaturen und Porträts seiner selbst die Wände. Wer in einem Strafprozess vor Schöffen oder Geschworenen auftritt, muss die Eignung zur Rampensau haben. Feinnervige Juristen sind in Wirtschaftskanzleien im Ringstraßenpalais besser aufgehoben. Dort erarbeiten Anwälte die rechtlichen Strukturen des Wirtschaftens, um dessen Auswüchse Strafrechtsexperten wie Ainedter sich kümmern. Das bedeutet, dass man Spaß daran haben muss, auch dorthin zu gehen, wo es weh tut. Etwa zu Armin Wolf ins "ZiB 2“-Studio. Dort konterte Ainedter im Februar des heurigen Jahres - das Video dazu liefert dankenswerterweise die Kanzlei-Homepage - Fragen des Hausverstands ("Warum telefoniert Grasser mit Meischberger im Jänner 2010, wenn er ihm schon lange zuvor öffentlich die Freundschaft kündigte?“, "Warum plaudert Grasser mit Meischberger in einem Innenstadtlokal?“) mit Benimmregeln ("Soll er sich umdrehen und sagen: Pfui?“).

Ainedter stand Grasser erstmals 2004 in der Homepage-Affäre zur Seite. Seit damals ist er nicht nur als Jurist, sondern auch als Krisen-PR-Berater gefragt. Ein bisweilen unmöglicher Job. Denn nicht jeder mediale Zweifel an Grassers Unschuld ist automatisch eine Vorverurteilung. Und die scharfe Trennung zwischen strafrechtlich relevanten und bloß moralisch-politischen Verfehlungen kann der juristisch versierte Experte einfordern, der Öffentlichkeit ist sie nicht zumutbar. Dass ein ehemaliger Finanzminister in Liechtenstein zwei Stiftungen besitzt und mittels grenzwertiger Konstruktion seine Steuerlast minimiert, mag zwar "nichts Verbotenes“ (Ainedter) sein, rechtfertigt aber jedes Vorurteil gegenüber KHG.

Grassers Fahrten von der Schweiz nach Wien als Geldbote für die Schwiegermutter Marina Giori-Lhota? "Ein harmloser Vorgang.“ Angebliche Bevorzugung durch eine Finanzbeamtin bei einer Steuerprüfung? "Sie hat zwar zeitgleich mit Grasser in Klagenfurt studiert, aber die beiden haben sich nicht gekannt.“ Ermittlungen gegen Grasser wegen Steuerhinterziehung in Zusammenhang mit seiner Firmenkonstruktion? "Allenfalls ein nicht vorwerfbarer Rechtsirrtum.“ 800.000-Euro-Geldtransfer von der Raiffeisen Bezirksbank Klagenfurt auf ein Meinl-Konto? "Ganz normale Überweisungen innerhalb der Familie Grasser.“

Selbst die Abendgestaltung des Society-sensiblen Anwalts (Top-30-Platz im "Seitenblicke“-Promi-Ranking der Fernseh-Illu "TV-Media“) wurde von der Causa KHG beeinflusst. Im Jänner 2011 begab sich Ainedter ins Audimax der Wiener Universität, wo die Kabarettisten Florian Scheuba, Thomas Maurer und Robert Palfrader eine Lesung aus den Abhörprotokollen von Walter Meischberger ("Wo woar mei Leistung?“) darboten, laut Ainedter "eine kabarettistisch hochwertige, aber rechtlich bedenkliche Veranstaltung“.

Ein guter Strafverteidiger sei ein "Gesamtkunstwerk“, sagt Ainedter. Juristisches Know-how ist die Basis, Erfahrung, Einfühlungsvermögen und Rhetorik bilden den Überbau. Lüge ihn ein Klient an, merke er das relativ rasch. Die Wahrheit sei freilich nicht sein Betätigungsfeld, sondern die Dienstleistung am Klienten: "Natürlich tut man sich leichter, wenn man von der Unschuld des Mandanten überzeugt ist wie im Fall Grasser.“

Das Verhältnis zwischen Anwalt und Mandant ist in der Zwischenzeit kein ausschließlich professionelles mehr. Beim Fest zu Ainedters 60. Geburtstag auf dem Dach des Wiener Justizpalasts im August waren Grasser und Gattin gern gesehene.

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Manfred Ainedter
, 60 Der Wiener ist seit 1980 Rechtsanwalt mit dem Themenschwerpunkt Strafrecht, Schadenersatz- und Scheidungsrecht. Seinen diesbezüglichen Erfahrungsschatz verwertete er im Vorjahr zu einem Eheratgeber in Buchform. Bekanntheit erlangte Ainedter durch seine hohe "Seitenblicke“-Frequenz und als lautstarker Kämpfer für Raucher-Rechte. Sein Vorstandsmandat in der Krebshilfe legte er in der Zwischenzeit zurück.