Marketing: Werbe-Schmähs

Was ist von Produkten zu halten, die „ganzheitliche Inspiration“ und „sanften Kick“ versprechen?

Wellness-Getränke werden mit blühender Fantasie vermarktet: Die Werbebotschaften versprechen nicht weniger als „geistige Frische“ oder „Reinigung für Körper und Seele“. Der joghurtähnliche Aloe Vera Drink der Marke Emmi beispielsweise verheißt: „Dieser Drink verwöhnt alle Sinne – innere Harmonie, Schönheit und viel Genuss.“ Aloe vera wird seit Jahrhunderten als Kosmetikzusatz und Abführmittel eingesetzt. Konsumentenschützer der Deutschen Verbraucherzentrale fanden entgegen den zahlreich behaupteten Heilwirkungen von Aloe vera lediglich Belege für dessen abführende Wirkung. Studien attestierten dem Wirkstoffextrakt insgesamt mehr Schaden als Nutzen, daher muss er aus Nahrungsmitteln innerhalb der EU entfernt werden, was auch beim Emmi-Joghurt geschehen ist.

Einen „sanften Kick für jeden Tag“ verspricht das Lifestyle-Getränk Emotion Guarana des Mineralwasseranbieters Römerquelle mit dem Hinweis, das koffeinhaltige Guarana „aus den Tiefen der Amazonas-Regenwälder“ werde von Naturvölkern seit jeher als anregendes Heil- und Genussmittel verwendet. Der Grazer Lebensmittelchemiker Werner Pfannhauser glaubt jedoch nicht an einen „sanften Kick“: „Die geringe Menge Guarana-Extrakt von 0,15 Prozent wirkt lediglich geschmacksgebend. Nur bei einer sehr großen Trinkmenge wäre eine gewisse Wirkung denkbar.“ Um etwa eine vergleichbare Wirkung wie eine Tasse Kaffee zu erzielen, müsste man mindestens zwei Liter Lifestyle-Flüssigkeit zu sich nehmen.

„Geistige Frische“ prophezeit der Wellness-Drink Carpe Diem Ginkgo, ein Produkt der vom Red-Bull-Erfinder Dietrich Mateschitz gegründeten Firma Stock Vital, die seit 1997 „funktionelle Getränke“ verkauft. Carpe Diem Ginkgo wird mit dem „heiligen Baum Asiens“ beworben, der „das Geheimnis geistiger Regsamkeit und Frische“ in sich berge – bei einem Ginkgo-Extrakt-Anteil von 0,01 Prozent mehr als zweifelhaft. Die Wirkung, so die Firma gegenüber profil, beruhe auf der Kombination von Ginkgo-Extrakt, Traubenzucker und grünem Tee. Laut einem Gutachten von Chlodwig Franz, Vorstand des Instituts für Angewandte Botanik der Veterinärmedizinischen Universität Wien, besäßen einige Inhaltsstoffe von Ginkgo-Blättern eine antioxidative und im Gehirn durchblutungsfördernde Wirkung. Im vorliegenden Getränk sei aufgrund von Art und Menge der Zutaten aber keine pharmakologische Wirkung zu erwarten, eine geringfügige Beeinflussung des Körpers sei jedoch „nicht völlig auszuschließen“.

Mitbewerber wie Rauch (Nativa Ginkgo Green Tea) oder Nestlé (Nestlé Wellness Vital) hingegen lassen sich nicht auf gesundheitsbezogene Aussagen ein, versprechen lediglich „ganzheitliche Inspiration“ beziehungsweise „individuelles Wohlbefinden“. Das Nestlé-Produkt ist ein Erfrischungsgetränk mit Ginseng-Extrakt und Kräuteressenzen. Die Ginseng-Wurzel wird in Südostasien seit über 5000 Jahren als Universalheilmittel verwendet. In der Volksheilkunde werden ihr anregende und stärkende Eigenschaften zugeschrieben. Auch bei dieser Pflanze lieferten wissenschaftliche Wirkungsstudien bisher keine übereinstimmenden Aussagen.

Ein Getränk der besonderen Art ist „LunAqua – mit der Kraft des Vollmondes“, ein weiteres Produkt des Red-Bull-Erfinders Mateschitz. Laut LunAqua-Homepage handelt es sich dabei um „reinstes, natürliches Quellwasser“, das „nur bei Vollmond aus einer bisher unentdeckten (!) Alpenquelle geschöpft“ wird. „Wissenschaftliche Messungen belegen“, verrät die Homepage, „dass die bioenergetischen Qualitäten des Wassers bei Vollmond die stärkste Ausprägung erfahren.“ Staunend lesen wir: „Die Energie des Vollmondes lädt das Wasser mit wertvollen bioenergetischen Informationen auf, Mikrowirbel erhöhen diese rätselhafte Speicherfähigkeit. Wasser besitzt seine eigene Seele und einen eigenen inneren Rhythmus.“ Das bei Vollmond geschöpfte Wasser wird allerdings in 0,25-Liter-Fläschchen um erstaunliche drei bis vier Euro in ausgesuchten Wiener In-Lokalen verkauft – ziemlich viel für ein paar „Mikrowirbel“. Auf die Anfrage von profil bezüglich der „wissenschaftlichen Messungen“ schlug die Herstellerfirma lediglich vor, das Produkt nicht zu erwähnen.

In einer Studie über Wellness-Getränke vom November des Vorjahres kritisiert AK-Expertin Petra Lehner die Werbeaussagen über die angeblich positive Wirkung von Teegetränken mit Kombucha. Schwarzer und grüner Tee wirken zweifellos gesundheitsfördernd, so der Bericht, allerdings nur ungezuckert und in sehr großen Mengen getrunken. Gegenüber Kombucha bleibt der AK-Bericht skeptisch. In Kombucha-Getränken kommt es durch Gärung von Hefen, Essigsäure- und Milchsäurebakterien in gesüßtem Tee zu einem Fermentationsprozess. Dabei entstehen durch diese lebenden Organismen verschiedene Stoffwechselprodukte, etwa organische Säuren und kohlenhydratspaltende Enzyme. Tatsächlich existieren Studien, in denen Nagetiere längere Zeit Kombucha-Tee konsumierten, wodurch eine antioxidative, immunstimulierende, stressmindernde und leberschützende Wirkung auftrat. Es wurde allerdings nicht geklärt, welcher Anteil der Wirkung dem Tee und welcher den Kombucha-Kulturen zuzuschreiben ist. Die Wirkaussagen des Herstellers wurden jedoch, ähnlich wie bei Actimel, 1997 beim zuständigen Ministerium eingereicht und zugelassen.

Die AK-Studie kritisiert auch den oft hohen Zuckergehalt vieler angeblich gesunder Wellness-Durstlöscher. Etliche untersuchte Getränke, darunter auch die Carpe-Diem-Produkte, enthielten pro Liter umgerechnet zwischen elf und 29 Stück Würfelzucker. Im Durchschnitt sind dies 300 Kilokalorien pro Liter, was einer Zwischenmahlzeit entspricht.

Bemerkenswert ist, dass der Hinweis „ohne Zuckerzusatz“ keineswegs bedeutet, dass ein Getränk wenig Zucker enthält. Das von der AK untersuchte Getränk, das die größte Zuckermenge enthielt (28,5 Gramm Zucker, das entspricht sieben Stück Würfelzucker in einem Viertelliter!), war mit dem Hinweis „ohne Zuckerzusatz“ gekennzeichnet. Insofern seien, so der AK-Bericht, viele dieser Wellness-Getränke eher mit süßen Limonaden vergleichbar und nicht mit Durstlöschern wie Mineralwasser.