Max Edelbacher: „Wer Ruhe gibt, hat Ruhe“

Max Edelbacher, legendärer Chef des Wiener Sicherheitsbüros, über politische Vereinnahmung der Polizei, unbehelligte Mafia-Größen und das Nachdenken in der Pension.

Interview: Emil Bobi

profil: Welche Rolle spielte Wien nach dem Krieg aus Ihrer Sicht als Polizist?
Edelbacher: Wien war immer ein Rückzugsgebiet für Schmuggler und Verbrecher aller Art. Immer gab es auch politische Verflechtungen und daraus entstandene Freundschaftskontakte. Das alles hat sich im Wesen bis heute nicht verändert. Siehe Haider-Gaddafi, siehe gekaufte Staatsbürgerschaften.

profil: Warum zieht es so viele dubiose Gestalten nach Wien?
Edelbacher: Da ist einmal das sehr einladende Bankensystem. Dann gibt es hier diese balkanesische Gastfreundschaft und die Mentalität des Gebens und Nehmens. Das zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte. Geld stinkt nicht in Österreich, da fragt niemand, woher das kommt.

profil: Gab es zwischen der Polizei und diesen Kreisen etwas wie Stillhalteabkommen?
Edelbacher: Es wurde nicht groß an die Wand geschrieben, aber der geheime Slogan war, dass wer Ruhe gibt, auch Ruhe hat. In Österreich gibt es halt eine politische Weisungssucht – siehe Kurdenmorde, wo man den Haupttäter einfach laufen ließ. Aber auch in vielen anderen Fällen.

profil: Etwa auch im aktuellen Fall Ghanems?
Edelbacher: Na ja, wer weiß. Einfach nur ertrinken ist auch möglich. In Österreich ist alles möglich.

profil: Die Polizei wurde oft durch politische Weisungen gestoppt?
Edelbacher: Vieles habe ich erst durch das ruhige Nachdenken in der Pension verstanden. Sperrt die Hendldiebe ein, aber lasst die großen Sachen in Ruhe, war immer ein bisschen die Vorgabe von oben. Besonders schlimm ist das in den letzten Jahren seit der großen Polizeireform geworden. Sehr vieles wird intern gesteuert. Es gibt keine Führungskräfte mehr, die einen in Ruhe arbeiten lassen. Tiefer gehende polizeiliche Arbeit ist von oben her unerwünscht. Für solche Leute gibt es intern keine Rückendeckung. Das macht es sehr einfach, unerwünschte Ermittlungen abzudrehen.

profil: Nach der Ostöffnung gingen die Größen der organisierten Ostkriminalität in Wien offen aus und ein.
Edelbacher: Viele dieser Geschäftemacher wurden durch die Ostöffnung zu korrekten Partnern. Aber auch die Regenten der Mafia waren gern da, um ihre Joint Ventures mit den Italienern zu verhandeln.

profil: Und?
Edelbacher: Nix und. Wir konnten sie nur beobachten. Was sind wir da vor dem Hilton, dem Ana Grand Hotel, dem Marriott gestanden. Alles sinnlos. Wir durften zusehen, wie sie vorgefahren sind, aber nicht mithören, was sie dann im Hotel besprochen haben. Deshalb haben wir angefangen, den großen Lauschangriff zu fordern.