Medien: Tele-Shöpsing

Das Puls-TV-Desaster: Der Wiener Stadtkanal steckt in existenziellen Nöten. Gründer Helmut Brandstätter geht, ein Drittel der Crew mit ihm. Wie der Starjournalist den Machtkampf gegen die Schöps-Erbin Sandra Grünberger verlor.

Und noch eine Zigarette draußen in der Kälte: das Wiener Museumsquartier am späten Nachmittag des 16. Dezember 2004. Vor dem Entree des Stadtkanals Puls TV herrscht dicke Luft. Drei Mitarbeiter des Senders stehen auf den Stufen, rauchen – und schweigen.

Statistisch gesehen wird einer von ihnen demnächst keinen Job mehr haben. Ein Drittel der Crew muss gehen. Das ist wenige Stunden zuvor aus der Geschäftsleitung durchgesickert. Einer packt zu diesem Zeitpunkt schon zusammen. Helmut Brandstätter, Starjournalist, Gründer und geschäftsführender Gesellschafter des Senders, schlichtet in seinem Büro die Hinterlassenschaft aus sechs Monaten TV-Geschichte in Bananenkartons. Am Tag zuvor hat „Brandy“ völlig überraschend seinen Rücktritt bekannt gegeben. Nicht ganz freiwillig. In einer dürren Pressemitteilung war von „unterschiedlichen Auffassungen über die weitere wirtschaftliche und strategische Ausrichtung von Puls TV“ die Rede.

Eine fürwahr gnädige Umschreibung der dramatischen Ereignisse, die seinem Abgang vorausgegangen waren.

Brandstätter, Anchorman und Identifikationsfigur des Senders, muss gehen, weil er einen erbitterten internen Machtkampf um die inhaltliche Ausrichtung des Senders verloren hat. Gegen seine erst 23-jährige Mitgesellschafterin Sandra Grünberger, Tochter des steinreichen Schöps-Gründers Leopold Böhm.

Schnitt, Rückblende: Am 21. Juni 2004 ging Puls TV Schlag 17 Uhr erstmals on air. Mit einem mehr als ambitionierten Konzept.

„Wien live“ wollte Brandstätter bieten: „wirklich unabhängige“ Berichter-stattung, ganz nah am Alltag der Hauptstadtbewohner, Ballungsraum-TV mit Anspruch und Unterhaltungswert. Ab sechs Uhr morgens Frühstücksfernsehen mit Stauwarnungen und Wetterinformationen, anschließend Quizshows und Teleshopping, dazwischen Grätzelreportagen und Diskussionen. Kurzum: ein kleiner, feiner und vor allem gebührenfreier Informationssender. Brandstätter in einem früheren Interview an die Adresse seines einstigen Arbeitgebers ORF: „Wir machen ein so öffentlich-rechtliches Programm, dass wir dafür eigentlich Gebühren verlangen sollten.“

Kühne Pläne. Nicht minder ambitioniert der angepeilte Marktanteil: Drei Prozent sollten es sein. Damit hätte binnen zwei bis drei Jahren der Break-even, also die Gewinnzone, erreicht werden können. Und das mit einem Startbudget von bloß fünf Millionen Euro – einem Bettel für TV-Verhältnisse.

Fünf Mille: So viel hatte sich der ORF alleine die Produktion der Schlagerfuzzi-Jugendauswahl „Starmania“ kosten lassen.

Die herbeigeeilte Politprominenz war von Puls TV dennoch begeistert: Wiens SPÖ-Bürgermeister Michael Häupl fand das neue Programm „schlicht super“, ÖVP-Medienstaatssekretär Franz Morak erklärte sich angesichts des Gebotenen zum „wirklich glücklichen Menschen“ und Brandstätter zum „Propheten des Privatfernsehens“. Der gab sich bescheiden: „Wir werden uns sehr bemühen.“

Das Ergebnis wirkte oft eher bemüht. Naturgemäß: Puls TV – das war und ist handgeschnitztes Fernsehen, produziert von einer kleinen Crew mit noch kleinerem Budget. Kameramänner? Tontechniker? Cutter? Mitnichten. Ein Redakteur muss genügen: für Bild, Ton und Interview, Schnitt und Gestaltung des Beitrags. „Video-Operatoren“ heißen die medialen One-Man-Shows, die im Auftrag von Puls TV durch Wien hetzen, hoch motiviert und niedrig entlohnt.

„Jetzt ist es so weit“, barmte im August ein Mitarbeiter via Rundmail, „ab gestern Abend bin ich total pleite. Ich möchte euch bitten, mir mit Essens- und Zigarettenspenden auszuhelfen.“ Der Mann hatte in den fünf Monaten zuvor bei Puls TV insgesamt nicht mehr als 2100 Euro verdient.

So billig kann man Fernsehen machen. Und trotzdem scheitern.

Allen Sparmaßnahmen zum Trotz riss Brandstätters Konzept vom Grätzel-CNN ein gewaltiges Loch in das schmale Budget. Bloß 60.000 Seher verirrten sich zuletzt im Tagesverlauf auf den Kanal. Der Marktanteil dümpelt bei gerade einmal 0,5 Prozent. Zu wenig, um von der Werbewirtschaft überhaupt wahrgenommen zu werden. Peter Lammerhuber, Geschäftsführer der Wiener Mediaagentur Mediacom: „Die haben einfach zu wenig Seher. Wir haben dort für unsere Kunden noch keinen Cent gebucht.“

Kaum Seher. Ein Teufelskreis: keine Seher – keine Werbung – keine Einnahmen – keine Kostendeckung. Von schwarzen Zahlen nicht zu reden. Einziger Ausreißer im positiven Sinn: die von Puls TV für das Österreich-Fenster des deutschen Privatsenders Pro7 gegen Entgelt produzierte werktägliche Nachrichtensendung „Austria Top News“, die es in Österreich innerhalb kürzester Zeit auf einen Marktanteil von zehn Prozent gebracht hat. Die Löcher im Budget vermochten damit freilich nur behelfsmäßig gestopft zu werden.

Dennoch machte Brandstätter noch im Oktober gute Miene zu dem längst bösen Spiel. „Wir sind budgetmäßig sowohl bei den Ausgaben als auch bei den Einnahmen etwas unter Plan – und damit eigentlich im Plan.“

Ende November schließlich der vermeintlich große Coup: Gleichsam aus dem Nichts zauberte Brandy eine neue Investorin aus dem Hut. Sandra Grünberger, 23 Jahre jung, Mitarbeiterin der hauseigenen Marketingabteilung. Und ganz nebenbei uneheliche Tochter von Leopold Böhm, Gründer der Textilhandelskette Schöps.

Grünberger in einem profil-Interview vor wenigen Wochen (Nr. 49/04): „Der Kontakt zu Helmut Brandstätter ist über meinen Vater zustande gekommen. Das Geld ist mein Geld. Dass ich durch meinen Vater dazu gekommen bin, ist kein Geheimnis.“ Und Brandstätter beeilte sich, öffentlich zu ergänzen, dass das Puls-Budget dank Grünbergers Engagement für die nächsten drei Jahre gesichert sei.
Eine, wie sich jetzt erst herausstellt, lupenreine Nebelbombe.

profil-Recherchen ergaben: Grünberger hat sich nicht im November engagiert, sondern bereits zum Start des Senders vor einem halben Jahr. Und zwar mit exakt vier Millionen Euro cash. Und das Budget des Senders ist nicht nur nicht gesichert: Die vier Millionen sind am Verpuffen. Wie auch das Geld der übrigen Mitgesellschafter.

Offiziell steht die Puls City TV GmbH heute zu zehn Prozent im Eigentum Brandstätters, 14 Prozent kontrolliert der nunmehrige Alleingeschäftsführer Martin Blank, 28 Prozent der Wiener Geschäftsmann Andreas Barth. Die verbleibenden 48 Prozent hält der Wiener Rechtsanwalt Markus Boesch.
Für wen, ist nicht offiziell bekannt.

Inzwischen mehren sich die Hinweise, dass hinter Boesch kein anderer als Leopold Böhm selbst steht. Der heute 82-jährige Wiener gehört zu den geheimnisvollsten Unternehmern des Landes. Er hatte seine 1954 gegründete Textilhandelskette Schöps Ende der achtziger Jahre gegen gutes Geld verkauft und sein Vermögen durch kluge Immobilienspekulationen vervielfacht. Vorsichtigen Schätzungen zufolge soll er gut und gern 300 Millionen Euro schwer sein. Böhm, Mitglied der Israelitischen Kultusgemeinde in Wien und enger Freund und Geschäftspartner ihres Präsidenten Ariel Muzicant, hatte sich nach der Entführung seiner Gattin Lotte im Jahr 1977 völlig zurückgezogen. Seine spärlichen öffentlichen Auftritte reservierte er für eine Fußballtruppe: seine heiß geliebte Wiener Austria, deren Präsident er lange Jahre gewesen war.

„Es war immer mein Wunsch“, hat Böhm einmal gesagt, „so weit zu kommen, dass ich nur noch das tue, was mir wirklich Spaß macht.“

Geheime Klausel. Was ihm nun ausgerechnet an einem Lokalsender so viel Spaß gemacht hat, ist nicht bekannt. Tatsache ist, dass sich Böhm zusätzlich zur vier Millionen Euro schweren Geburtshilfe für Puls TV noch zu einem weiteren Commitment hinreißen hat lassen. Einer bislang geheimen Vereinbarung mit Brandstätter zufolge hat sich Böhm zum Senderstart verpflichtet, eine weitere Million Euro zu investieren, wenn bis zum Jahresende der geplante Marktanteil von drei Prozent erreicht ist.

Das Jahr ist um, die drei Prozent reine Illusion, und Puls braucht dringend frisches Geld. Ein Manager: „Wenn wir so weitermachen wie jetzt, sind wir in spätestens sechs Monaten pleite.“

Das sei auch Brandstätter bekannt gewesen. Nur habe dieser um jeden Preis an seinem Konzept eines anspruchsvollen Infotainment-Kanals festgehalten. Mehr noch: Seine Pläne gingen in Richtung Vollprogramm – eine Ausweitung der Eigenproduktionen, Nachrichten aus ganz Österreich, Dokumentationen.

Doch Finanzier Böhm und seine Tochter Grünberger sollen sich massiv dagegen gesperrt und Stimmung bei den Mitgesellschaftern Blank und Boesch gemacht haben.

Und zwar dafür, Puls TV zu einem jugendlichen, boulevardesken Format umzumodeln – bei gleichzeitig massiver Straffung des Programms und damit der Kosten. Mitgesellschafter und Geschäftsführer Martin Blank: „Wir wollen noch überraschender, noch frischer werden. Das ist wichtig.“ Was den Ideen des Vollblutjournalisten und erfahrenen Medienmanagers Brandstätter offenbar aber widersprach.

Mitarbeiter berichten, dass die heillos zerstrittene Geschäftsleitung zuletzt gleichsam handlungsunfähig gewesen sei. Dazu kam die obligate Schmutzwäsche. Demnach soll Grünbergers Idee eines Jugend-Sparfernsehens auf das Konto ihres gleichfalls im Sender beschäftigten Lebensgefährten gegangen sein. Blank: „Wir hatten Meinungsverschiedenheiten, die sich nicht mehr zuschütten ließen.“ Grünberger sagt zu all dem nichts. Brandstätter ebenso wenig.

Die 120-köpfige Mannschaft drohte zuletzt in zwei Lager zu zerfallen. Die Brandstätter-Jünger, die den Anchorman zärtlich „Papa“ nennen, und die Grünberger-Fraktion, die im Spannungsfeld zwischen redaktionellen Inhalten und wirtschaftlichen Interessen eher Zweiterem den Vorzug gaben.

Bei einer Gesellschaftersitzung am Mittwoch, dem 15. Dezember 2004, schließlich der Eklat: Brandstätter legte mit sofortiger Wirkung seine Funktionen als Geschäftsführer und Programmverantwortlicher zurück. In einer eilig einberufenen Betriebsversammlung wurde der verdutzten Mannschaft mitgeteilt, dass Puls TV grundlegend restrukturiert werde – ohne Brandstätter. Ein Mitarbeiter: „Es herrschte blankes Entsetzen, so als ob der Sender überhaupt eingestellt würde. Wir haben uns gefragt, wie es ohne Brandy weitergehen soll. Immerhin war er das einzige wirkliche Argument, Puls TV einzuschalten.“

Auch Blank muss eines zugeben: „Brandstätter ist eine extrem wichtige Figur. Er hat sehr viel für Puls TV geleistet. Ohne sein Können und seine Leistung würde es den Sender so nicht geben.“

Was von Brandstätters Erbe übrig bleibt, wird sich dieser Tage zeigen. Das neue, erheblich abgespeckte Schema sieht vor, die Zahl der Eigenproduktionen von derzeit neun Stunden täglich drastisch zurückzufahren und dafür Wiederholungen zu senden. Von den 120 Mitarbeitern werden jetzt offenbar rund 40 gefeuert.

Brandstätter wird seine Gesellschaftsanteile an die verbliebenen Partner abtreten – die Konditionen sind Gegenstand von Verhandlungen.

Wie unvorbereitet der Sender auf den Bruch war, zeigte nicht zuletzt sein Internetauftritt. Noch am späten Nachmittag des 17. Dezember, also zwei Tage nach Brandstätters Rücktritt, wurden Besucher der Homepage eingeladen, „Lob, Kritik und Anregungen“ zu deponieren: „Schreiben Sie einfach an Helmut Brandstätter: brandy@pulstv.at“.