"Mekka der Opportunisten"

Interview. Dietmar Pflegerl, Intendant des Klagenfurter Stadttheaters, über seinen Konflikt mit Landeshauptmann Jörg Haider, über Scham, Saddam und Sippenhaftung.

profil: Während Jörg Haider prüfen lässt, ob und wie er Sie Ihres Amtes entheben kann, machen Sie Urlaub in Griechenland. Ist das demonstrative Gelassenheit?
Pflegerl: Ich kann ja nicht verhindern, was Haider derzeit tut. Meine Gelassenheit beruht darauf, dass ich an demokratische Spielregeln glaube. Die hat Haider aber bereits gebrochen, indem er zwei langgediente Mitglieder des Theaterausschusses ausgetauscht und durch die Parteisoldaten Karl-Heinz Petritz und Herbert Tiefling ersetzt hat. Jetzt, da Haider wild entschlossen ist, die Ära Pflegerl zu beenden, schmeißt er zwei sachlich arbeitende Personen raus, um die Stimmenmehrheit zu gewährleisten, die er braucht, um mich zu verhindern.
profil: Jörg Haider erreichte bei der Landtagswahl im März 42 Prozent der Stimmen. Bezweifeln Sie seine demokratische Legitimation?
Pflegerl: Natürlich habe ich ein Problem damit, dass Haider hier auf solche Zahlen kommt. Als Demokrat muss ich das akzeptieren. Das heißt aber nun nicht, dass Haider auch Landeshauptmann sein muss. Die Sozialdemokraten haben nicht einmal den Versuch unternommen, einen Gegenkandidaten, der ja nicht Ambrozy heißen müsste, zu nominieren. Ich bin entsetzt über das Demokratiebewusstsein in unserem Land.
profil: Die „New York Times“ zitierte Sie mit den Worten, Sie schämten sich für diesen Landeshauptmann. Haider warf Ihnen darauf vor, Sie hätten das Land öffentlich schlecht gemacht.
Pflegerl: Nie. Im Gegenteil: Ich bin stolz darauf, dass 58 Prozent der Kärntner alles dafür getan haben, um diesen Mann abzuwählen. Sie haben durch ihre Stimmen gesagt: Dieser Mann muss weg, weil er unser Land und unseren Ruf beschädigt.
profil: Sich für einen Politiker zu schämen setzt doch ein hohes Maß an Identifikation mit diesem voraus, oder?
Pflegerl: Vielleicht. Aber Haider ist unser höchster offizieller Vertreter. Und als dieser überbringt er im Namen der Kärntner Bevölkerung Grüße an den Massenmörder Saddam Hussein. Dafür schäme ich mich.
profil: Ihr Vertrag als Intendant des Klagenfurter Stadttheaters läuft bis 2007. Haider sagt, es habe die Verabredung gegeben, Sie würden 2007 Ihr Amt niederlegen und im Gegenzug eine „schöne Pensionsregelung“ erhalten. Trifft das zu?
Pflegerl: Natürlich nicht. Eine solche Absprache hat es nie gegeben. Das ist nichts als eine Schutzbehauptung Haiders.
profil: Es gibt auch keine besondere Pensionsregelung für Sie?
Pflegerl: Ich habe nur die Abfertigung, auf die ich 2007 rechtlich Anspruch habe, schon vor einem Jahr erhalten, um diese anzulegen, damit ich mir selbst von dem Ertrag eine Pension zahlen kann. Da geht es um 80.000 Euro, das sind ja keine extravaganten Summen.
profil: Mittlerweile würden Sie aber gern bis 2010 Intendant bleiben.
Pflegerl: Eigentlich wollte ich es 2007 gut sein lassen und danach nur noch als Regisseur tätig sein. Als ich aber lesen musste, dass Haider mich ein „Auslaufmodell“ nennt, habe ich meine Meinung geändert.
profil: Ihr Wunsch, länger im Amt zu bleiben, ist also auch eine kulturpolitische Trotzreaktion?
Pflegerl: Natürlich, ja. Ich lass mich doch nicht von Haider in Pension schicken. Ich gehe, wann ich will. Allerdings werde ich den Mehrheitsbeschluss des Theaterausschusses natürlich akzeptieren. Die Frage wird dann aber sein, ob ein Mann, der verpflichtet ist, zum Wohle des Landes zu handeln, den Kärntnern erklären können wird, dass es zum Wohle ihres Landes geschieht, mich in Pension zu schicken.
profil: Ihre langjährigen Streitereien mit Haider erwecken zuweilen den Eindruck einer gewissen Lust am Konflikt. Sind das nicht immer auch Schaugefechte? Wäre Ihre Arbeit ohne Haider nicht auch ärmer?
Pflegerl: Absolut, und dazu steh ich auch. Ich war sein Reibebaum, und er war meiner. Der Unterschied zwischen uns beiden ist nur, dass er diesen Reibebaum jetzt fällen will.
profil: Sie haben angekündigt, Haider „die grinsende Maske vom Gesicht zu reißen“ – und ihn dabei als Menschenverächter und Despoten bezeichnet, sogar seinen „inneren Dämon“ angesprochen. Ist das nicht ein wenig überzogen?
Pflegerl: Nein. Haiders Handlungen und Wortmeldungen zeugen von der Gewalt, die er in der Sprache hat. Er nennt Kollegen „Boxenluder“ und „Flachwurzler“, bezeichnet Mölzer und Stadler als „Taliban“ und mich als „Auslaufmodell“. Die Grundlage all dieser Äußerungen ist Menschenverachtung. Die Gewalt in der Sprache ist immer die Basis für weitere Gewalt.
profil: Die Auseinandersetzung zwischen Haider und Ihnen wird seit jeher sehr persönlich geführt.
Pflegerl: Haider sieht Kritik als Majestätsbeleidigung, die bei ihm sofort bestimmte autoritäre Mechanismen auslöst. So ist er ja stets auch mit seinen eigenen Leuten umgegangen: Karl-Heinz Grasser etwa musste 1998, als er noch Landeshauptmannstellvertreter in Kärnten war, wegen eines Halbsatzes, in dem er andeutete, dass Haider nicht gut drauf sei, gehen.
profil: Sie bleiben Haider aber wenig schuldig: Unlängst haben Sie etwa Haiders Tochter Cornelia ins Spiel gebracht, die Sie auch, wie Sie in einem Interview zu Protokoll gaben, düpiert habe.
Pflegerl: Das tut mir leid, das ist mir blöderweise im Gespräch mit einem Journalisten herausgerutscht. Es war falsch, Haiders Tochter da mit hineinzuziehen, sie hat in dem Konflikt nichts verloren. Als das publiziert wurde, habe ich noch in der Nacht Haiders Frau ein SMS mit der Bitte um Entschuldigung geschickt.
profil: So intim ist Ihre Beziehung zu der Familie Haider?
Pflegerl: Zwischen Jörg Haider und seiner Frau habe ich immer differenziert. Für mich gibt es keine Sippenhaftung. Sie ist ja auch bedeutend öfter ins Theater gekommen als er. Und wenn es dort Gespräche gab, so haben wir das immer sauber getrennt.
profil: Landeshauptmannstellvertreter Peter Ambrozy (SP) hat sich im Streit zwischen Haider und Ihnen bislang auffallend bedeckt gehalten. Fühlen Sie sich von ihm noch unterstützt?
Pflegerl: Das wird sich erst herausstellen. Grundsätzlich bin ich über das lange Schweigen der einstigen roten Kampfpartner schockiert und frustriert. Ich komme mir langsam vor wie der letzte Mohikaner, der Einzige, der überhaupt noch etwas Kritisches äußert. Die Kritik ist verstummt, seit sich die SPÖ mit der FPÖ in einer Koalition befindet. Dass Ambrozy zehn Tage braucht, um zu beteuern, dass er mich als Intendanten eh befürworte, hat mich enttäuscht.
profil: Was wird passieren, wenn Haider Sie tatsächlich absetzt?
Pflegerl: Wenn er mich auf diese Weise in die Wüste schicken sollte, dann kann Kärnten nur noch zum Mekka der Opportunisten werden. Wenn Haider das will, soll er es tun.