Mensch Kreisky: Die Schatten des Sonnenkönigs

Kein Politiker prägte die Zweite ­Republik so nachhaltig wie Bruno Kreisky, dessen 100. Geburtstag am 22. Jänner gefeiert wird. Kaum bekannt sind die persönlichen Dramen, die mit seiner politischen Karriere einhergingen. profil konnte bisher unveröffentlichte Korrespondenzen des Altkanzlers einsehen.

WikiLeaks, 28. August 1959: Der neue Außenminister sei hochintelligent und werde auch von seinen politischen Gegnern als Top-Experte auf dem Gebiet der internationalen Politik anerkannt, berichtet John W. Fisher, Erster Sekretär der US-Botschaft in Wien, nach Washington. Er sei ehrgeizig, ziemlich eitel und „überraschend uninformiert, wenn es um Dinge wie privaten Aktienbesitz geht“. Im Funktionärskader seiner Partei habe er nur wenige Unterstützer. Kurz: „Bruno Kreisky wird wohl nie Kanzler werden, aber man kann sich in naher Zukunft keine Regierung vorstellen, der er nicht angehört.“

Der Akt trägt den Vermerk „Confidential“ und wurde bisher tatsächlich noch nie veröffentlicht. Er ist Teil jener umfangreichen Dokumentensammlung, die im Kreisky-Archiv an der Wienzeile lagert und noch lange nicht aufgearbeitet ist. profil konnte in den vergangenen Wochen Einschau in diese historische Schatztruhe nehmen. Damit lässt sich ein neues und etwas anderes Bild dieses Ausnahmepolitikers zeichnen.

Die Einschätzung des US-Botschaftssekretärs war jedenfalls recht treffsicher. Bruno Kreisky – ein intellektueller Kosmopolit, historisch und politisch fundiert gebildet und verblüffend desinteressiert an der Welt der Finanzen. Und den Gedanken an einen Kanzler Kreisky hätten damals viele für absurd gehalten: einen Großbürgersohn aus jüdischem Haus, einen Solitär, der von leutseliger Verhaberung so gar nichts hielt – so einen konnten sich die Traditionalisten in der Wiener SPÖ und in der roten Gewerkschaftsfraktion selbst am Parteitag 1967 noch nicht als Chef der österreichischen Sozialdemokratie vorstellen und stimmten gegen Kreisky. Er wurde mit lediglich 69 Prozent der Delegiertenstimmen zum SPÖ-Vorsitzenden gewählt. Werner Faymann bekam bei seiner Wahl im Jahr 2008 98 Prozent.

Fast drei Jahrzehnte nach dem Ausscheiden Bruno Kreiskys aus der Politik und 20 Jahre nach seinem Tod feiert ihn die Republik anlässlich seines 100. Geburtstags als einen ihrer großen Veränderer. Ab kommender Woche sind dem Jubilar mehrere Großveranstaltungen gewidmet, gleich vier Bücher sind zum Thema erschienen, das Filmarchiv Wien veröffentlicht eine Doppel-DVD, der ORF zeigt Helene Maimanns Kreisky-Doku im Hauptabendprogramm. Am Vorabend von Kreiskys 100. Geburtstag bittet die Regierung zum Staatsakt in die Hofburg.

Kreisky von A bis Z, von Androsch bis Zwentendorf – über keinen österreichischen Politiker wurde so viel geschrieben wie über den inzwischen mythenumrankten Roten. Er selbst erzählte sein Leben in drei dicken Bänden. Zwei Bücher mit Kreisky-Analysen hat noch als Parlamentspräsident Heinz Fischer beigesteuert. Kreiskys Außenpolitik, Kreiskys Wirtschaftspolitik, Kreiskys Nahostpolitik – kein Feld, das unbeackert blieb. Im Februar erscheint sogar ein Buch über Kreiskys Besuch in Ostberlin 1978.

Und doch greift zu kurz, wer ihn nur aus seinem öffentlichen Amt erklären will. Denn bei keinem anderen österreichischen Politiker sind politische und private Fährnisse derart ineinander verwoben – das zeigen die in den Archivboxen gelagerten Korrespondenzen, die profil einsehen konnte.

Bruno Kreisky war kein einfacher Sohn. Seine wohlhabenden Eltern – Vater Max war Generaldirektor eines Textilunternehmens, Mutter Irene entstammte der mährischen Konservendynastie Felix – hatten Mühe, ihn durch die Schulen zu bringen. Zwar hatte er in der Volksschule außer in Gesang und Religion durchwegs „Sehr gut“ im Zeugnis, doch im Gymnasium hagelte es „Genügend“ und „Nicht genügend“. Nur ein Schulwechsel bewahrte ihn vor dem Sitzenbleiben. Dass Bruno bereits mit 13 an sozialistischen Schülerdemos teilnahm, wurde in der liberalen Industriellenfamilie großherzig akzeptiert.

Mehr Sorgen als er machte den Eltern der um zwei Jahre ältere Bruder Paul. Paul war an Kinderlähmung erkrankt gewesen und überdies bei einem Sportfest von einem Diskus am Kopf getroffen worden. Er fand nie richtig ins Leben. Viele Jahre später sollte er von politischen Gegnern Kreiskys, wahrscheinlich auch vom israelischen Geheimdienst, zur Diskreditierung seines berühmten Bruders missbraucht werden.

Gefängnisjahre.
Bruno Kreisky findet mit 16 einen neuen Lebensinhalt: Er wird – nachdem man dem Großbürgersohn zuerst misstraut hatte – zum dritten stellvertretenden Bezirksobmann der Sozialdemokratischen Arbeiterjugend (SAJ) von Wien-Wieden gewählt. Zwei Jahre später wird er anstelle des jungen Arbeiters Heinrich Matzner SAJ-Bezirksobmann (dessen Sohn Egon sollte 50 Jahre später Kreiskys Parteiprogramm mitformulieren). Abermals zwei Jahre später wird Kreisky als nicht stimmberechtigtes Mitglied in den SAJ-Bundesvorstand aufgenommen.

Es ist also keine besonders prominente Funktion, die der 23-Jährige innehat, als die Partei im Kanonendonner des Februar 1934 stirbt. Kreisky betätigt sich illegal und wird verhaftet. Er ist einer von 28 Linken, denen 1936 ein Massenprozess gemacht wird, und er hält eine mutige Rede – sein erster großer politischer Auftritt und sein letzter für lange Zeit. Kreisky sitzt eineinhalb Jahre im Gefängnis, meist im Wiener Landesgericht. Der Vater schickt Geld, Bruder Paul bringt Bücher. Er ist gerade etwas mehr als ein Jahr in Freiheit, als er wieder verhaftet wird, diesmal von der Gestapo: Jude und Sozi, das ist zu viel. Nach einem halben Jahr kommt Bruno Kreisky frei, muss aber sofort das Land verlassen.

Im Herbst 1938 geht er nach Schweden, später kommen seine Eltern nach. Bruder Paul wandert nach Palästina aus. Die eigentlich antizionistische Familie ist erleichtert.

Kreisky ist jetzt 30. Er hat einen Job bei der Konsumgenossenschaft gefunden, engagiert sich im „Klub österreichischer Sozialisten“, der etwa 150 Mitglieder hat, und lernt eine besondere Frau kennen. Vera Fürth ist sechs Jahre jünger als er und kommt aus sehr reicher jüdischer Familie. Ihr Vater war bereits 1908 aus Wien nach Schweden ausgewandert und hatte mit einem Textilgroßhandel sein Glück gemacht. Theodor Fürth ist Anhänger eines strengen Manchester-Kapitalismus, von staatlicher Arbeitslosen- und Altersversorgung hält er nichts. Dass er seine Tochter an einen Sozialisten verliert, schmerzt ihn.

1942 wird geheiratet, der Brautvater richtet in Stockholm ein großes Fest aus. 1944 wird Sohn Peter geboren. In der Blekingegatan 57, der Wohnadresse der jungen Familie, macht sich Idylle breit. Als Peter drei Monate alt ist, lädt Bruno per „offizieller Einladung“ Vera und „Peterle“ zum selbst zubereiteten Dinner. Das Menü ist auf einem im Kreisky-Nachlass gefundenen Zettel erhalten: „Vorspeise: Karfiol mit Butter. Gericht: Biff a la Vera, Salat a la Bruno. Nachspeise: Kukuruzkolben.“

Ein halbes Jahr später ist der Krieg zu Ende. Die Emigranten stehen vor einer schweren Entscheidung: Will man den in Schweden erreichten Wohlstand eintauschen gegen das Ungewisse im zerbombten Österreich, in jenem Land, in dem einem – es ist noch nicht lange her – nach dem Leben getrachtet wurde?

Für Kreisky stellt sich die Frage nicht. Natürlich wolle er zurück; und, nein, er werde nicht in das Unternehmen Fürth einsteigen, erklärt er dem Schwiegervater. Wenige Wochen später erhält er einen Brief von Rosa Jochmann, seiner Kampfgefährtin aus der Illegalität. Jochmann ist eben aus dem KZ Ravensbrück zurückgekehrt und hat erfahren, dass sich Kreisky in Schweden aufhält. „Liebster Bruno!“, schreibt sie. „Wir glaubten nicht, Dich noch zu den Lebenden zählen zu können. Und nun bist Du wirklich da, und das ist wunderschön!“

Bestellungen.
In den folgenden Monaten kurbelt Kreisky die Schweden-Hilfe für Österreich an: Für Kindergärtnerinnen organisiert er Arbeitsschuhe, für Schlafstellen Decken und für Fischzüchter Forelleneier, weil die Besatzer alle Bestände ausgefischt hatten. Die SPÖ ersucht Kreisky um Büromaterial und übermittelt eine Liste: „6 Stück Füllfedern, 2 Dutzend Farbbänder für Schreibmaschinen, 4 Kilo Büroklammern, 50 Stück Bleistiftspitzer.“

Marianne Pollak, Frau des Chefredakteurs der „Arbeiter-Zeitung“, bittet Kreisky dringend um Hormonpräparate, die sie in Wien nicht bekommt. Anton Proksch, ÖGB-Sekretär und später Sozialminister, bestellt Filzstiefel und einen Regenmantel. Wegen eines weiteren Wunsches von Proksch muss Kreisky brieflich rückfragen: „Lieber Toni. Bezüglich der Damenstrümpfe möchte ich wissen, ob es rein seidene sein sollen. Nylon gibt es momentan hier nicht.“ Dem Bundespräsidenten Karl Renner schickt Kreisky Upmann-Zigarren. Für die Gesundheitsämter organisiert er Impfstoff gegen die Cholera, für ein Kinderheim in Wiener Neustadt Möbel.

Todwunde Stadt.
Im Frühjahr 1946 lädt Sozialminister Karl Maisel Kreisky zur Besprechung nach Wien ein. Jetzt hat er einen Namen – oder sogar zwei: Für die einen ist er der Kreisky aus der Jugendorganisation, für die anderen der regsame Organisator der Hilfe aus Schweden. Er wird vom Parteivorsitzenden Adolf Schärf empfangen, darf zu Bundespräsident Karl Renner und bei einer Sitzung des Parteivorstands zuhören.

„Liebes Verali!“ , schreibt er seiner Frau im Mai 1946 aus „dieser todwunden Stadt“: Schärf habe ihn „sehr gut aufgenommen“, Renner sei „ein wunderbarer alter feiner Herr voll Vitalität und Güte. Er wollte wissen, mit wem ich verheiratet bin, wie alt Peter ist und ob man in Schweden immer noch Krebse isst.“ Wenn Wien auch furchtbar zugerichtet sei: „Das Leben beginnt wieder zu pulsieren. Man hat das Gefühl, dass es doch zu überleben geht.“

Im November 1946 reist er abermals nach Wien, wieder schreibt er Vera lange Briefe, aber diesmal sind sie nicht mehr so optimistisch: „Die Begegnung mit Wien war sehr düster, hier haben es die Menschen nun noch schwerer als im Sommer. Alle sind sehr pessimistisch.“

Die Partei beschließt, den rührigen Genossen aus Schweden zurückzuholen, da bricht über die Kreiskys eine Katastrophe herein: Nach der Geburt ihres zweiten Kindes, der Tochter Suzanne, im April 1948 geht es Vera sehr schlecht. Bruno Kreisky berichtet nach Wien: „Die Ärzte stellten eine Laktationspsychose fest und hielten eine Insulin-Schockbehandlung für angebracht.“ Vera Kreisky werden 55 Insulin-Schocks versetzt. „Während dieser Zeit litt meine Frau an schweren Zwangsvorstellungen.“ Erst ein halbes Jahr nach der Geburt kann sie das Krankenhaus verlassen. Ganz wird sie die mit Depressionen einhergehende Krankheit bis zu ihrem Tod 1988 nicht mehr los.

Er bitte um Verständnis, dass er unter diesen Umständen derzeit nicht zurück nach Wien könne, kabelt Kreisky an die Parteioberen. Man kann spekulieren: Wäre die Geschichte der SPÖ oder Österreichs anders verlaufen, wäre Kreisky schon drei Jahre früher zurückgekommen, als sich alles noch formte?

Kreisky lässt nichts unversucht, um wirksame Arzneien für Vera zu bekommen. Von Stockholm aus schreibt er an alle internationalen Kapazitäten, er kontaktiert Freunde aus der Jugendbewegung, die in die USA emigriert waren. Einmal will der Verzweifelte sogar noch nicht zur Gänze getestete Medikamente beischaffen. Befreundete Ärzte warnen ihn.
Im Jänner 1951 kehrt Bruno Kreisky nach Wien zurück. Seine Familie folgt im April, man bezieht eine Wohnung in der Grinzinger Allee. Kreisky wird Mitarbeiter im Kabinett des neuen Bundespräsidenten Theodor Körner, der dem verstorbenen Renner nachgefolgt war. Auch das ist noch keine Spitzenposition für den nunmehr 40-Jährigen. Zwei Jahre später bekommt die SPÖ nach ihrem Wahlsieg – sie wird stimmen-, aber nicht mandatsstärkste Partei – ein Staatssekretariat in dem von Leopold Figl geleiteten Außenministerium zugesprochen. Allein: Es gibt fast keine sozialdemokratischen Diplomaten, die für den Job infrage kommen. Also entsinnt sich Parteichef Schärf des fleißigen Rückwanderers in der Präsidentschaftskanzlei.

Kreisky reagiert erschrocken: Er hat ja nur den Rang eines Legationssekretärs, wie werden da die übergangenen Botschafter reagieren? Aber er nimmt an. Zwei Jahre später nimmt er an den letzten Staatsvertragsverhandlungen teil. Die Bilder werden historisch. Jetzt hat Bruno Kreisky auf der politischen Bühne auch ein Gesicht.

Krankheit.
Vera Kreisky geht es in diesen Jahren sehr schlecht. Immer wieder fährt sie mit dem Zug für mehrere Monate nach Schweden, um sich dort zu erholen. Bruno Kreisky ist dann Alleinerzieher. Im Frühjahr 1953 schreibt er ihr: „Wenn wir zum Kindergarten fahrend am Westbahnhof vorbeikommen, klagt Suzi noch immer: ,Mutti sehr lieb.‘ Peterle und ich sind in ein Vorstadt­variete gegangen, um uns einen Zauberer anzuschauen. Peterle war sehr begeistert.“ Im Jänner 1954 schreibt er: „Liebes Verali, wir alle sehnen uns furchtbar nach Dir, aber sind trotzdem froh, dass Du Dich so gut fühlst, und gönnen Dir Deine Zeit in Schweden aus ganzem Herzen. Vergiss meine Füllfeder nicht!“

Auch die politischen Vorgänge rapportiert Kreisky in seinen Briefen an Vera im Detail. Ein Thema lässt er aus: die Schrecken des Nationalsozialismus.

Verwunderlich:
Immerhin waren 21 Verwandte Kreiskys Opfer der Nazis geworden, immerhin entging auch er nur knapp dem Konzentrationslager. Nur in einem Brief berichtet er von einem Freund aus der Jugendbewegung, der sich im KZ schwere TBC geholt hatte und dem jetzt ein Lungenflügel entfernt werden musste: „Der Lungenchirurg ist Mitglied der Nazis gewesen. Was soll man tun? Soll man ihn Schutt wegräumen oder unsere todkranken Freunde gesund machen lassen?“

Umso fassungsloser ist er, als er merkt, dass selbst in seiner eigenen Partei, seiner wunderbaren Sozialdemokratie, Antisemiten sitzen. Damals, 1953, findet jeden Montag ein informelles Abendessen der SPÖ-Regierungsmitglieder mit dem Bundespräsidenten statt, als dessen enger Mitarbeiter auch Kreisky am Tisch sitzt. Kreisky schreibt: „Unter den Älteren in dieser Runde gab es einen, dem antisemitische Bemerkungen leicht über die Lippen kamen. Da ich daraus keine cause célèbre machen wollte, bat ich den Parteivorsitzenden Dr. Schärf, mir diese Montagabende zu ersparen.“

Eindeutig, wen Kreisky meinte: Innenminister Oskar Helmer, einen Niederösterreicher vom rechten SPÖ-Flügel. Etwa zur selben Zeit vermerkt das Protokoll eines Ministerrats, in dem es um jüdische Restitutionsansprüche ging, eine Wortmeldung Helmers: „Ich sehe überall nur jüdische Ausbreitung. Auch den Nazis ist im Jahre 1945 alles weggenommen worden. Ich wäre dafür, dass man die Sache in die Länge zieht.“ Als zuständiger Innenminister lässt er erst 1952 erheben, wie viele österreichische Juden von den Nazis ermordet worden waren, und berichtet dies dem Ministerrat. Es hatte bis dahin allerdings auch niemand danach gefragt, wo die 65.000 Mitbürger verblieben waren …

Als Kreisky Mitte der fünfziger Jahre einmal mit Vera in Wien spazieren geht, hört er jemanden hinter ihm sagen: „Da geht der Kreisky, der Jud.“ Erschrocken berichtet er Freunden darüber. 1962, er ist bereits Außenminister, wird ihm hinterbracht, dass es in Hallein antisemitische Agitation gegen ihn gegeben habe. Er schreibt einen langen Brief über seine Familiengeschichte an den Halleiner SPÖ-Stadtparteiobmann, um wenigstens ihm zu zeigen, „dass man sehr wohl jüdischer Herkunft sein und trotzdem aus Familien stammen kann, die unserem Vaterland treue Dienste geleistet haben“.

Freundschaften.
Zum Thema will er den Antisemitismus nicht machen. Aber zu seinem Freundeskreis zählen Anfang der fünfziger Jahre auffallend viele Emigranten, wie er einer war: Mit dem Diplomaten ­Alois Reitbauer etwa war er jahrelang im schwedischen Exil, den Schriftsteller Friedrich Torberg kennt Kreisky noch aus der Zeit vor dem Krieg. Torberg war auch erst 1951 mit seiner Frau Marietta aus den USA zurückgekehrt. 1954 gründet er mit Unterstützung des CIA die Monatszeitschrift „Forum“, einen Leuchtturm des Antikommunismus. Im „Forum“ agitiert Torberg unter anderem gegen die Aufführung der linken Lehrstücke Bertolt Brechts an Wiener Theatern.

Bruno Kreisky schreibt immer wieder für das Blatt des Freundes: über die Staatsvertragsverhandlungen, die Neutralität, Österreichs Außenpolitik und, 1957, den Nachruf auf den verstorbenen Bundespräsidenten Körner. Als Torberg wieder einmal einen Artikel des Staatssekretärs bestellt, antwortet Kreisky neckisch: „Was werden denn Ihre Leser sagen, wenn monatlich Beiträge von mir in Ihrer angesehenen Zeitschrift erscheinen? Nicht entniveaulieren, lieber Torberg!“

Günther Nenning, der 1966 das „Forum“ von Torberg übernahm, erinnerte sich einmal an ein gemeinsames Abendessen mit den beiden Freunden beim alten Fürsten Schwarzenberg: Kreisky und Torberg hätten zum Entsetzen des fürstlichen Waidmanns das jagdbare Wild danach eingeteilt, ob eher Rotkraut oder Preiselbeeren als Beilage passten.

Im nächsten profil:

Kreiskys Karriere beschleunigt sich. Er bekommt ­ernste Probleme wegen seines Bruders. Seine ganz ­andere Kanzlerschaft. Das schwere Ende.

Lesen Sie im profil 2/2011 ein Interview mit Margit Fischer über die Zeit im schwedischen Exil.