Minderheitenprogramm

Gastkommentar. Die große Mehrheit der Lesben und Schwulen hat nichts mit Heirat oder gar Familiengründung am Hut

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Von Kurt Krickler

Einmal mehr verwechseln die Medien ihre eigene selektive Wahrnehmung und Berichterstattung, die sich ja in erster Linie an Vermarktbarkeit und Quoten orientiert, mit der Realität. So leider auch profil, das behauptet, die traditionelle Kernfamilie boome bei Lesben und Schwulen (siehe „Regenbogenhaftung“). Sicherlich leben viele in einer (auch langjährigen) Zweierbeziehung, und unbestritten gibt es auch Regenbogenfamilien, aber die große Mehrheit der Lesben und Schwulen hat wohl nichts mit Heirat oder gar Familiengründung am Hut. Das zeigt auch die niedrige und stetig sinkende Zahl von Partnerschafts­eintragungen. Die Eingetragene Partnerschaft (EP) ist ein absolutes Minderheitenprogramm, das sich quasi im Promillebereich bewegt. Das liegt aber nicht, wie profil schreibt, daran, dass viele gleichgeschlechtliche Paare vor einer Verpartnerung zurückschrecken würden, weil sie dann keine Kinder adoptieren könnten (was auch vor dem EGMR-Urteil gar nicht zutraf), sondern daran, dass die Eingetragene Partnerschaft zu stark an die Ehe angelehnt ist, deren rigide Bestimmungen für viele bei Weitem viel abschreckender sind. Schwule und Lesben haben doch nicht die letzten 35 Jahre für ihre Befreiung und Emanzipation gekämpft, um sich jetzt etwa dem Regime eines anachronistischen Scheidungsrechts zu unterwerfen, das zu den strengsten in Europa zählt! Insofern kann man auch feministische Kritikerinnen wie Barbara Vinken beruhigen: Die große Mehrheit von Schwulen und Lesben betrachtet die Hetero-Norm keinesfalls als besonders attraktiv oder gar erstrebenswert, auch wenn durch den derzeitigen medialen Fokus auf Regenbogenfamilien ein anderer Eindruck entstehen mag – ist halt „sexy“, aber auch dieser Hype wird wieder vorbeigehen. Daher bedeutet auch die Forderung nach völliger Öffnung der Ehe, an den Bedürfnissen der Mehrheit der Lesben und Schwulen vorbeizufordern! Statt von der Ehe, die in Österreich noch starke Elemente der klassischen Versorgungsehe des 19. Jahrhunderts aufweist, würden Lesben und Schwule – wenn überhaupt – wohl viel lieber von einem modernen Rechtsinstitut auf der Höhe des 21. Jahrhunderts Gebrauch machen, das die EP wegen ihrer zu engen Anlehnung an die Ehe leider nicht geworden ist.

Natürlich ist es einerseits nachgerade kindisch und lächerlich, alleinstehenden Frauen und lesbischen Paaren den Zugang zur künstlichen Befruchtung gesetzlich verweigern zu wollen. Denn kein Gesetzgeber der Welt wird verhindern können, dass eine Frau, die ein Kind bekommen kann und will, schwanger wird. Andererseits wird sich an der Praxis, eine Samenbank etwa in Tschechien in Anspruch zu nehmen, auch nach einer entsprechenden Gesetzesänderung in Österreich kaum viel ändern, weil es dort viel billiger ist. Und warum soll es in einem vereinten Europa so tragisch oder eine Zumutung sein, deswegen zum Beispiel nach Brünn zu fahren? Die Leute fahren ja auch zum Frisörbesuch, zur Zahnbehandlung oder Schönheitsoperation ganz pragmatisch ins östliche Ausland, wo diese Dinge preisgünstiger zu haben sind.

Noch künstlicher und virtueller mutet da nur die Debatte um die (Fremdkind-)Adoption an. Auch da wird sich in der Praxis kaum etwas ändern, sollte sie gleichgeschlechtlichen Paaren gesetzlich ermöglicht werden: Es wird wohl zu keinen Adoptionen kommen, wie das Beispiel Schweden zeigt. Dort ist die (gemeinsame) Adoption eines fremden Kindes seit 2002 theoretisch möglich. Praktisch hat es seither (in zehn Jahren!) keine einzige (!) Adoption durch ein gleichgeschlechtliches Paar gegeben, wiewohl einige Paare das Auswahlverfahren absolviert und eine „Adoptionslizenz“ von den schwedischen Behörden erhalten haben. Aber wie in Österreich gibt es kaum einheimische Kinder zu adoptieren, die Nachfrage übersteigt das Angebot ums Zehnfache; und zu internationalen Adoptionen ist es nicht gekommen, weil die Regierungen der Herkunftsländer keine Kinder zur Adoption durch gleichgeschlechtliche Paare zur Verfügung stellen.

Die ganze Diskussion ist daher eher eine rein akademische beziehungsweise juristische. Leider wird damit aber die Erwartung geschürt, der Staat wäre nach einer entsprechenden Gesetzesänderung verpflichtet, jedem adoptionswilligen Lesben- oder Schwulenpaar sofort ein Kind zur Adoption zu vermitteln – was aber in jeder Hinsicht völlig illusorisch ist. Derartige Erwartungen können daher ohnehin nur enttäuscht werden.

Es besteht also für GegnerInnen wie Stephanie Merckens kein Grund, gleich in Panik und Hysterie zu verfallen und das Ende des Abendlandes heraufdräuen zu sehen für den Fall, dass es zu einer gesetzlichen Gleichstellung bei der Adoption kommen sollte. Mehr Redlichkeit und weniger ideologische Verbissenheit auf „beiden Seiten“ würden der Debatte insgesamt guttun.

Kurt Krickler ist Generalsekretär der Homosexuellen Initiative (HOSI) Wien.