„Ich will keine Überdosis sein“

Die Schauspielerin Birgit Minichmayr über schlechte Kritiken und Selbstmotivation, über ihren Abgang aus Wien, den Neustart am Münchner Residenztheater – und warum sie am Burgtheater die Rolle der Lulu niedergelegt hat.

Interview: Karin Cerny

profil: Sie spielen am Münchner Residenztheater nun Horváths Volksstück „Kasimir und Karoline“ in der Regie von Frank Castorf. Nervt das ständige Pendeln zwischen Wien und München eigentlich nicht?
Minichmayr: Es hat mich ja niemand dazu gezwungen, ich habe dieses Leben selbst gewählt. Anstrengend ist nur das frühe Aufstehen, um einen Flieger zu erwischen. Ich brauche nach einer Vorstellung zwei, drei Stunden, um runterzukommen, um ruhig und müde zu werden.

profil: In „Kasimir und Karoline“ treten Sie erneut mit Nicholas Ofczarek auf. Sind Sie aufeinander abonniert?
Minichmayr: Es ist ja nicht so, dass wir uns selbst besetzen. Wir sind wohl eine österreichische Kombination, die im Moment alle super finden. Klar, wir spielen auch sehr gern und gut miteinander. Aber das ist die vierte Produktion hintereinander, da frage ich mich schon langsam: Gibt es nicht auch andere Partner? Könnt ihr mal für ein bisschen Abwechslung sorgen?

profil: Ist die Wiederholung von Erfolgsrezepten nicht ohnehin ein Problem? Sie wurden lange als die Extrovertierte besetzt, bis Filme wie „Fallen“ oder „Alle anderen“ bewiesen, dass Sie auch spröde, neurotisch und zurückgenommen sein können.
Minichmayr: Klar, die Leute wollen immer dasselbe von mir. Hast du einmal eine Lesbe gespielt, dann kommen ganz viele Filmangebote für Lesbenrollen. Oder nach „Alle anderen“: Da wollten alle plötzlich die lustige Beziehungsverrückte. Ich versuche, dem entgegenzuwirken, bin sehr wählerisch, was Drehbücher betrifft.

profil: Drehen Sie gerade wieder einen Film?
Minichmayr: Ja, ich stehe erstmals mit Klaus Maria Brandauer vor der Kamera und war ziemlich aufgeregt, ob ich an seiner Seite bestehen kann. Es geht um die letzten Jahre des Sexualtherapeuten Wilhelm Reich. Ich spiele eine Spionin.

profil: Zurück zum Theater: Der Schauplatz in „Kasimir und Karoline“ ist das Münchner Oktoberfest. War Ihr Team zur Recherche dort?
Minichmayr: Frank Castorf war mit seinem 18-jährigen Sohn auf der Wiesn. Ich habe zu dieser Zeit noch gedreht, hatte viele Wiederaufnahmen im Theater. Aber ich muss gestehen: Ich habe es auch gemieden.

profil: Warum?
Minichmayr: Diese Massenunterhaltungen in Bierzelten, da fühle ich mich einfach nicht wohl. München zu Zeiten des Oktoberfests wirkt für mich ein bisschen wie eine Verlängerung der Salzburger Festspiele, was das Erscheinungsbild betrifft. Dort rennen auch ständig alle in Trachten herum.

profil: Sie kommen ja vom Land. Besitzen Sie denn ein Dirndl?
Minichmayr: Meine Mutter hat Goldhauben gestickt und war eine tolle Schneiderin, deshalb hatte ich als Kind diverse Dirndlkleider. Die habe ich in der Pubertät in einer Befreiungsaktion natürlich alle in die Ecke geschmissen. Wahrscheinlich habe ich deshalb eine Abneigung dagegen. Aber kleidsam ist so ein Dirndl schon, da kann man gar nichts sagen.

profil: Horváths Stück spielt in den dreißiger Jahren während der Weltwirtschaftskrise. Da könnte man aktuelle Verbindungen ziehen: Spüren Sie die Krise denn?
Minichmayr: Ich habe keine Freunde, die spekulieren, und auch keine, die in Banken arbeiten. Abstrakt bleibt die Krise für mich, man fühlt sich der Wirtschaft gegenüber ohnmächtig. Ich finde es unfassbar, dass es nicht natürlich ist, die Spekulationssteuer einzuführen. Es gibt einen eklatanten Unterschied zwischen der Besteuerung des Kapitals und der Besteuerung des Bürgers. Das ist ungerecht, wenn die so genannten kleinen Leute mit ihren Steuern alles abfangen müssen. Ich finde überhaupt: Wir lassen uns viel zu viel gefallen.

profil: Der Chauffeur Kasimir wird „abgebaut“, wie es in dem Stück heißt, Karoline streckt sich nach der Decke und landet beim Zuschneider Schürzinger, der einen festen Platz in der Gesellschaft hat.
Minichmayr: Sie sagt, sie möchte höher hin­aus, aber dafür muss sie ziemlich weit hin­unter, was sehr hart ist. Sie will zu Kasimir zurück, aber der weist sie ab.

profil: Könnten Sie sich denn eine Beziehung mit jemandem vorstellen, der erfolglos ist?
Minichmayr: Ich könnte mich in keinen Mann verlieben, der für seine Arbeit nicht Leidenschaft aufbringt. Dafür arbeite ich viel zu gern. Diese Energie brauche ich auch in einer Beziehung.

profil: Es wäre umgekehrt wohl auch nicht einfach: Sie sind nun mal erfolgreich.
Minichmayr: Die Männer, mit denen ich bisher zusammen war, habe ich nie in einem Konkurrenzverhältnis zu mir gesehen. Ich hatte immer Partner, die gern und viel gearbeitet haben. Dadurch waren es aber auch meist Distanzbeziehungen, und es ist mir nicht gelungen, sie wirklich länger aufrechtzuerhalten.

profil: Sie würden wegen einer Beziehung in Ihrer Arbeit nicht zurückstecken?
Minichmayr: Ich will daraus kein Dogma machen. Es gibt auch Lebensabschnitte, da beschließt man: Ich muss nicht mehr so viel machen, ich bleibe fix an einem Ort.

profil: Ihre Generation treibt es gerade verstärkt aufs Land, wo man gärtnert und Kinder kriegt.
Minichmayr: Vielleicht entdecke ich das Bedürfnis nach Landidylle ja noch in mir. Im Moment ist eher das Gegenteil der Fall. Aber grundsätzlich möchte ich in einer Beziehung nicht die Einzige sein, die zurücksteckt. Wenn man Kinder hat, ist nicht mehr alles möglich. Ich möchte aber ex­treme Gleichberechtigung.

profil: Was wären Sie geworden, wenn Sie nicht beim Theater gelandet wären?
Minichmayr: Ich hätte studiert, ich habe ja Germanistik und Theaterwissenschaft angefangen, aber sehr konzentriert darauf hingearbeitet, Schauspielerin zu werden. Bereits mit zwölf Jahren war ich unglaublich aktiv, hatte Klavierunterricht, ging tanzen, war im Chor und im Bühnenspiel. Da gab es bereits die erste Beziehung, die sich beschwerte: „Immer dieses Ballett, für mich hast du gerade auf einen Kaffee Zeit. Das geht doch nicht.“ Ich meinte nur: „Okay, dann halt nicht.“ Dieses Problem hatte ich also schon früh.

profil: Sie sind immer noch hyperaktiv: Neben Ihren Hauptrollen an Burg- und Residenztheater spielen Sie in Salzburg auch die Buhlschaft im „Jedermann“. Warum tun Sie sich das an?
Minichmayr: Es kommen eben oft Angebote, die man nicht ablehnen kann. Aber es ist nicht so, dass ich ein Workaholic wäre und unfähig, Urlaub zu machen. Im Sommer vor zwei Jahren vor dem „Jedermann“ habe ich drei Wochen in Ibiza verbracht und dort ein ruhiges Haus gemietet. Das habe ich sehr genossen: nur lesen und Besuch von Freunden bekommen.

profil: Keine Partys?
Minichmayr: Doch, natürlich, sonst braucht man doch nicht nach Ibiza zu fahren! Aber ich werde einen schönen Film oder ein tolles Stück nicht absagen, nur weil ich Urlaub machen will. Da gewinnt immer der Beruf. Ich habe auch nicht das Gefühl, dass mich mein Job erschöpft. Im Gegenteil: Meine Arbeit war für mich immer eine Tankstelle. Schwierig ist es nur, wenn es nicht so gut läuft.

profil: In der vorigen Burgtheater-Saison legten Sie die Rolle der Lulu in der Regie von Jan Bosse nieder. Was stimmte da nicht?
Minichmayr: Ich wusste lange, dass ich die Lulu spielen werde, habe mich gut vorbereitet. Gerade bei so einer exponierten Frauenfigur war es mir aber extrem wichtig, was man erzählen möchte. In dieser Hinsicht gab es zwischen Bosse und mir unterschiedliche Auffassungen. Ausschlaggebend aber war, dass ich einen 25-minütigen Film nicht drehen wollte. Bosse plante, den gesamten vierten Akt als Video zu zeigen, Regie hätte da jemand anderer geführt. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt aber noch gar nicht, wo diese Figur hingeht. Da wollte ich mich doch nicht in einem Film bereits festlegen, geschweige denn mich mit einem anderen Regisseur darüber auseinandersetzen.

profil: Waren Nacktszenen vorgesehen?
Minichmayr: Nein, das wurde nur in den Zeitungen so kolportiert. Im „Weibsteufel“ stehe ich auch nur in der Unterhose auf der Bühne, und in Filmen war ich schon öfters nackt zu sehen. Darum geht es mir gar nicht. Bosse und ich sind respektvoll auseinandergegangen, man arbeitet ja nicht in der Fabrik, wo es genügt, immer das gleiche Produkt abzuliefern.

profil: Ihre Absage und Ihr Abgang nach München wurden mit der schlechten Stimmung an Matthias Hartmanns Burgtheater in Verbindung gebracht.
Minichmayr: Ich habe das Gefühl, jeder dreht die Geschichte, wie er sie gern haben möchte. Es wäre doch völlig unprofessionell gewesen, wegen schlechter Stimmung eine Produktion zu verlassen: Dann müsste ich halt etwas dafür tun, dass sie besser wird; ich bereite mich doch nicht ein halbes Jahr lang auf eine Rolle vor, um sie dann niederzulegen, weil ich nach München gehe. Das wäre eher blöd von mir.

profil: Warum wollten Sie also weg aus Wien?
Minichmayr: Martin Kušej hat mich schon vor drei Jahren gefragt, ob ich zu ihm nach München kommen möchte. Ich habe bereits zwei sehr schöne Inszenierungen mit ihm gemacht. Es schien mir der richtige Zeitpunkt zu sein. Ich habe mich beispielsweise immer wahnsinnig auf Schulanfänge gefreut, weil die Hefte noch so schön leer waren. Man hat eine Chance, ganz neu anzufangen und alles besser zu machen. So betrachte ich das jetzt auch: Durch meinen Weggang werde ich wieder ein weißes Blatt. Es ist natürlich entzückend, dass ich kurzfristig als Leihgabe des Burgtheaters gehandelt wurde. Es schmeichelt mir, dass man mich derart besitzen möchte – aber so funktioniert das nun einmal nicht bei mir.

profil: Was schätzen Sie an Martin Kušej?
Minichmayr: Ich merke immer mehr, dass ich beim Improvisieren und gemeinsamen Suchen auf der Probe nicht so gut funktioniere. Ich brauche Regisseure, die eine relativ klare Vorstellung schon zu Beginn der Arbeit haben. Mir gefällt es, dass Kušej 50-seitige Konzepte zu den jeweiligen Stücken verfasst.

profil: Das legt Kušej den Schauspielern vor?
Minichmayr: Er hat es erst einmal für sich entwickelt. Aber so etwas ermöglicht eine spannende Reibung. Schließlich ist man als Schauspieler doch auch Mitregisseur.

profil: Was werden Sie in München künftig spielen?
Minichmayr: Mit „Kasimir und Karoline“ und den Wiederaufnahmen von „Der Weibsteufel“ und „Das Interview“ habe ich bereits drei große Rollen. Ich muss ja nicht sämtliche Hauptrollen gleich in der ersten Spielzeit übernehmen. Ich will keine Überdosis sein, möchte lieber, dass die Leute länger auf mich neugierig sind.

profil: Was ist das ärgerlichste Klischee über Birgit Minichmayr?
Minichmayr: Klischees über mich amüsieren mich eher, als dass sie mich ärgern. Die Menschen müssen offenbar alles einordnen. Sie würden mich gern kennen, mir nahekommen. Deshalb habe ich eine gesunde Distanz zu dem, was über mich gesagt wird. Ich glaube ohnehin nicht, dass man ein authentisches Bild von sich ­vermitteln kann. Es ist bloß Energieverschwendung, die Außenwahrnehmung steuern zu wollen. Sagst du etwas ab, bist du eine Diva. Machst du etwas ganz toll, bist du unsere Birgit.

profil: Sie machen keine Homestorys, treten nicht in Kochshows auf. Sie schützen Ihr Privatleben recht gut.
Minichmayr: Gerade als Schauspielerin muss man sein Gesicht wahren. Man muss nicht ständig medial präsent sein. Wen interessiert es denn, bei welchem Teppichhändler oder in welcher Strumpfhosenboutique ich gerade einkaufen war?

profil: Aber als Buhlschaft sind Sie doch jeden Sommer eine Art „Miss Salzburg“.
Minichmayr: Das ist manchmal auch anstrengend, aber ich wusste ja, was auf mich zukommt, und die Salzburger sind sehr freundlich zu mir. Von Trachtengeschäften lasse ich mich ja ohnehin nicht sponsern, und meine Zeit dort ist begrenzt. Ewig will ich nicht die Buhlschaft bleiben. Kommendes Jahr spiele ich die Rolle noch, aller guten Dingen sind drei, aber dann ist es auch mal gut.

profil: Wie gehen Sie mit schlechten Kritiken um?
Minichmayr: Ich lese alles. Es gibt viele Schauspieler, die behaupten, sie täten das nicht. Ich lese teilweise sogar Blogs, wenn ich nicht schlafen kann. Dann ziehe ich mir diese herrlich beleidigenden Online-Foren rein. Meine Freunde fragen mich, ob ich einen Vogel habe. Aber mich amüsiert das.

profil: Auch beleidigende Postings?
Minichmayr: Pornografisches und Morddrohungen waren zum Glück noch nicht dabei. Einmal meinte jemand, ich solle doch bitte in Berlin bleiben und nicht mehr nach Wien zurückkehren. Erstaunlicherweise behandeln mich die Menschen fast immer sehr höflich und respektvoll.

profil: Sie meinten in einem Interview, dass Ihnen „vollkommen klar“ sei, dass Sie „Geschmackssache“ seien. Wie ist das zu verstehen?
Minichmayr: Ich bin nicht da, um allen zu gefallen. Das ginge gar nicht. Es kann nur um das Transportieren einer Figur, eines Stoffs gehen.

profil: Kann Theater die Welt verändern?
Minichmayr: Ich kann zwei Stunden lang gut unterhalten, diesen Anspruch habe ich. Alles andere wäre vermessen. Wer bin ich denn, dass ich jemanden verändern könnte? Noch dazu einen Menschen, den ich gar nicht kenne. Ich stelle meine Informationen zur Verfügung, und jeder soll dann selber entscheiden, was er darüber denkt. So viel Selbstverantwortung muss sein.

profil: Es gibt sicher Abende, an denen Sie lieber nicht auftreten würden. Wie motivieren Sie sich dann?
Minichmayr: Für mich käme es nicht infrage, mir Mut anzutrinken. Ich mag diese verstrahlte Energie nicht, denn ich möchte bei vollem Bewusstsein auf der Bühne stehen. Ich hasse es aber auch, knapp in die Vorstellung zu kommen, und werde unruhig, wenn Kollegen das machen. Sicher, es kann schon sein, dass ich unlustig ins Theater gehe, aber sobald ich im Kostüm stecke, ist die Motivation da. Was können die Zuschauer denn dafür, wenn ich schlecht drauf bin? Die Leute verdienen es, dass man sich für sie den Arsch aufreißt.

Birgit Minichmayr, 34,
wurde in Pasching bei Linz geboren. Schon während ihrer Ausbildung am Reinhardt-Seminar, wo Klaus Maria Brandauer einer ihrer Lehrer war, wurde sie ans Burgtheater engagiert. 2004 wechselte sie nach Berlin an Frank Castorfs Volksbühne, 2007 kehrte sie an die Burg zurück. Die kommenden beiden Jahre wird sie bei Intendant Martin Kušej am Münchner Residenztheater arbeiten. Seit 2010 verkörpert sie in Salzburg die Buhlschaft im „Jedermann“. Minichmayr wirkte in zahlreichen Filmen mit: etwa in „Abschied. Brechts letzter Sommer“ (2000), in Barbara Alberts „Fallen“ (2006), Doris Dörries „Kirschblüten – Hanami“ (2008) und Wolfgang Murnbergers „Der Knochenmann“ (2009). Ihren bislang ­stärksten Filmpart spielte sie 2009 in ­Maren Ades „Alle anderen“.