Missbrauch in Militärgymnasium Wiener Neustadt: Schüler beging Selbstmord

Nach einem schweren sexuellen Übergriff im Internat des Militärgymnasiums Wiener Neustadt wählte Mathias M. im Dezember 2009 den Freitod. Das Heer wollte bis zuletzt vertuschen.

Noch immer wird in der Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt so getan, als sei nie etwas gewesen. Und falls doch etwas gewesen sein sollte, dann habe man nichts davon gewusst. Doch in Wahrheit geht es im Gymnasium der Militärakademie und im dazugehörenden „militärisch geführten“ Internat derzeit zu, als habe draußen der Feind Stellung ­bezogen. Drinnen gab es vorige Woche Krisensitzungen, in denen besprochen wurde, wie man die Affäre vor der Öffentlichkeit fernhalten könne. Das war freilich nicht ganz einfach, schließlich gibt es einen Brief in 40 Kopien, der am Donnerstag der Vorwoche Lehrer, Erzieher und Schüler erreicht hat. Er stammt von Josef und Elisabeth M., den Eltern von Mathias M. Mathias war Zögling im Militärinternat, wurde von mindestens einem Mitbewohner körperlich und sexuell schwer misshandelt, trat aus der Schule aus und beging im Dezember des Vorjahrs Selbstmord. Er war 18 Jahre alt. In Abschiedsbotschaften an seine Eltern und an seine Schwester nennt er den Grund für seine Verzweiflungstat: Ihm habe der Mut gefehlt, diese Vergewaltigung anzuzeigen, und er bittet seine Eltern, das nachzuholen. Der Brief der Eltern und der gesamte Akt der Staatsanwaltschaft Innsbruck liegt ­profil vor. Die verantwortlichen Militärs in Wiener Neustadt sagen noch immer, Mathias sei, lange nach seinem Austritt aus dem ­Militärgymnasium, bei einem Unfall er­froren. Ist er nicht.

Kurzes Gastspiel.
Im August 2007 trat Mathias in das Militärgymnasium ein, verließ es aber nach bereits einem Semester im Februar 2008. Er hatte sich stark verändert, an einen weiteren Verbleib war nicht zu denken, und so trat Mathias im Hotel seines Onkels in Obertilliach in Osttirol eine Lehre als Koch und Kellner an. Am 19. Dezember 2009 arbeitete er bis 19.00 Uhr im Lokal. Gegen 22.30 Uhr besuchte er mit einem Kollegen zwei Lokale im Ortszentrum, um Mitternacht waren die beiden wieder in ihrem Personalzimmer im Dachgeschoß des Betriebs. Der Kollege ging zu Bett, Mathias rauchte noch am Fenster. Er versuchte seinen Vater und seine Schwester anzurufen, doch niemand hob ab. Um 1.06 Uhr hinterließ Mathias auf der Mobilbox seiner Schwester seine letzte Nachricht, in der er seine Eltern auch bat, den Täter anzuzeigen.

Gegen 4.00 Uhr vernimmt ein anderer Gast ein Geräusch. Nach Vermutungen der Polizei dürfte Mathias zu dem Zeitpunkt in den Tod gestürzt sein. Er war über die westseitige Luke auf das schneebedeckte Dach gestiegen. Seine Schuhspuren zeigen, dass er sich zielgerichtet auf die Südseite des Gebäudes begab, sich an der Giebelkante hinsetzte und die Beine an der Blechkante aufsetzte. Dann sprang er 13 Meter in die Tiefe und zog sich laut Obduktionsbericht tödliche Kopfverletzungen zu. In der Früh wurde die bei minus 20 Grad bereits festgefrorene Leiche entdeckt.
Seine Eltern richteten ihren Brief in der Vorwoche „in Erfüllung seines letzten ­Willens“ an das Militärgymnasium. Zitat: „In seiner letzten Nachricht auf unsere Mailbox hat Mathias uns das Motiv für seine Verzweiflungstat genannt: Mathias schilderte dabei die nächtlichen Vorkommnisse eines Wochenendes im Internat des Theresianischen Militärgymnasiums in Wiener Neustadt, nämlich massivste an ihm vorgenommene Gewalt- und Sexualhandlungen durch einen älteren Internatsschüler (Name bekannt) mit körperlichen und vor allem seelischen irreparablen Folgen … Er hat bedauert, nicht mutig genug gewesen zu sein, die Vergewaltigung der Polizei anzuzeigen und so eine gerechte Bestrafung des Täters zu bewirken. Dass er nicht mutig genug war, weitere derartige Verbrechen im Internat zu verhindern, und nicht mutig genug, seinen Eltern davon zu erzählen.“

Mathias habe sie, seine Eltern, gebeten, dies nach Möglichkeit nachzuholen, was sie mit der Anzeige gegen den beschuldigten Zögling Horst P. getan hätten. In dem Brief rufen die hinterbliebenen Eltern noch alle Schüler des Militärgymnasiums auf, bei ähnlichen Fällen sofort Meldung zu erstatten.
Michael Götschl, Oberstleutnant, ist der Leiter des Internats. Er sagt, nie auch nur das Geringste mitbekommen zu haben.

Günther S., ein von der Polizei zur Sache einvernommener Mitbewohner des Heims, sagt ganz anderes aus: „Ich weiß, dass Mathias im Internat ein Opfer war. Er wurde von Heiminsassen gemobbt. Im Internat war es normal, dass Schüler der unteren Klassen zu Schülern der oberen Klassen aufschauen, beziehungsweise gab es eine Hier­archie, die eingehalten werden musste, Schüler, die das nicht zur Kenntnis nahmen, wurden dann diszipliniert. Dies lief dann so ab, dass dieser undisziplinierte Schüler etwa
im Waschraum in Anwesenheit von meist drei Schülern der höheren Klassen Liegestütze machen musste, bis er völlig fertig war.“ Heimleiter Götschl erinnert sich im Gespräch mit profil an nichts dergleichen.

Der Lienzer Rechtsanwalt Gerhard Seirer vertritt die Eltern von Mathias. Seirer berichtet, die Innsbrucker Staatsanwaltschaft führe gegen den beschuldigten Horst P. Ermittlungen durch. P. selbst leugnet in seiner polizeilichen Einvernahme die Tat. Er kenne zwar den Namen Mathias M., doch habe er „kein Gesicht dazu“. Er sei nie gegen 4.00 Uhr in das Zimmer des M. gegangen.

Vater Josef M. zu profil: „Ja, die in ­Wiener Neustadt wollen das vertuschen. Aber es muss bekannt gemacht werden, ­damit sich so was vielleicht nicht mehr ­wiederholen kann. Das war der Wunsch meines Sohnes.“