Mississippi brennt noch immer

US-Wahl. Barack Obama liegt in den Umfragen weit vorne. Trotzdem streitet das Land über die Frage, ob ihn seine Hautfarbe doch noch den Sieg kosten kann. Ein Besuch in Neshoba County, Mississippi, wo die Rassenfrage nach einem brutalen Verbrechen vor 40 Jahren immer noch heftig diskutiert wird.

Es ist eine lange Liste, die Jerry Mitchell in der Redaktion des „Clarion Ledger“ aus dem Drucker zieht: Mehr als drei Dutzend Namen stehen in der Spalte unter dem fett gedruckten Titel „Opfer“. Daneben grausige Todesursachen: „erschossen“, „erhängt“, „von der Brücke gestoßen“ oder „bewusstlos geprügelt, in den Fluss geworfen und dort ertrunken“.
Die Liste, die Mitchell in den Händen hält, hat zwei Besonderheiten: Alle Morde wurden aus rassistischen Motiven an Schwarzen begangen. Und alle sind bislang ungeklärt. „Keine Verhaftungen“, lautet der trockene Vermerk bei den meisten.

Jackson im Bundesstaat Mississippi im Süden der USA. Hier, genauer gesagt im abgelegenen Neshoba County östlich der Hauptstadt, ereignete sich 1964 ein Verbrechen, das 24 Jahre später durch den Oscar-gekrönten Film „Mississippi Burning“ (mit Gene Hackman und Willem Dafoe in den Hauptrollen) international zu trauriger Berühmtheit gelangte: Drei Bürgerrechtler – ein Schwarzer und zwei Weiße – wurden brutal umgebracht, ihre Mörder wochenlang von der Polizei gedeckt.
44 Jahre danach stehen auch hier, im Kernland des rechten Amerika, die Plakate des demokratischen Präsidentschaftskandidaten Barack Obama am Straßenrand.

Trotzdem: „Im Süden der USA war die Rassenfrage immer ein Thema“, sagt Mitchell und blickt auf seine Liste. „Mit dem Präsidentschaftswahlkampf wird sich zeigen, wie weit das Land die Frage der Hautfarbe schon überwunden hat.“ Der altgediente Journalist weiß, wovon er spricht. Er kämpft seit 1989 um die Wiederaufnahme von so genannten „Cold Cases“, ungeklärten Fällen, mit rassistischen Motiven – und hat dabei bereits mehrere ehemalige Ku-Klux-Klan-Leute vor Gericht gebracht. Spät, aber doch. Auch mit der Tat, die im Zentrum von „Mississippi Burning“ steht, hat sich Mitchell intensiv auseinandergesetzt. Und dabei hatte ebenfalls der Ku-Klux-Klan seine Hände im Spiel.

Mord. Im Sommer 1964 machten sich zwei weiße Studenten aus New York in den Süden der USA auf, nach Neshoba County, dem Herzen von Mississippi. Michael Schwerner, 25, und Andrew Goodman, 21, wollten gemeinsam mit dem aus Mississippi stammenden Afroamerikaner James Chaney, 21, dabei helfen, schwarze Bürger als Wähler zu registrieren – was zu dieser Zeit von den lokalen Behörden massiv behindert wurde. Sie kamen nicht weit: Am 21. Juni verschwanden die drei am Weg zu einer aus rassistischen Motiven niedergebrannten Kirche. Das Schicksal der jungen Bürgerrechtler wurde im Gefängnis von Philadelphia, der 17.000-Einwohner-Hauptstadt von Neshoba County (nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Hauptstadt des Bundesstaates Pennsylvania), besiegelt. Der Vize-Sheriff von Neshoba, Cecil Price (selbst Klan-Mitglied), hatte die drei wegen angeblich überhöhter Geschwindigkeit gestoppt und eingesperrt. Danach alarmierte er seine Mitstreiter vom Ku-Klux-Klan, ließ das Trio frei und eskortierte es zur Stadtgrenze.

Dort warteten bereits die Mörder. Sie exekutierten Goodman, Schwerner und Chaney mit Schüssen in Kopf und Herz. Als Freunde begannen, nach ihnen zu suchen, wiegelten die Behörden ab. Lawrence Rainey, der Sheriff von Neshoba, erklärte, die drei würden sich wohl „nur verstecken, um dem Bundesstaat schlechte Publicity einzubringen“. Der Gouverneur des Bundesstaates Mississippi frotzelte, die Abgängigen „könnten auch in Kuba sein“ – und punzierte sie damit als Kommunisten. Inzwischen hatte der Fall jedoch US-weit Aufmerksamkeit erregt. Dies führte zu einer Premiere bei der Strafverfolgung: „Es war das erste Mal, dass sich FBI-Agenten in einen Fall wie diesen einschalteten und damit den zaghaften Versuch machten, dem Ku-Klux-Klan die Stirn zu bieten“, erinnert sich Stanley Dearman, ehemaliger Herausgeber der Zeitung „The Neshoba Democrat“. Er war 1964 als Lokalreporter von Anfang an dabei: „Allerdings: Die Angst der Menschen vor Repressalien des Klans war zu groß. Niemand kooperierte mit dem FBI.“

Erst sechs Wochen später wurden die Leichen der Ermordeten unter einem Erdwall gefunden. Sheriff Rainey hatte wenig unternommen, um den Fall zu klären. Ganz im Gegenteil: Er behinderte die Agenten der Bundespolizei FBI bei ihren Ermittlungen – und geriet nicht nur dadurch in den Verdacht, selbst in den Mord verwickelt zu sein. Schließlich wurden 16 Ku-Klux-Klan-Leute als Täter angeklagt, vorerst aber nur sieben verurteilt. Keiner von ihnen saß länger als sechs Jahre in Haft. Der heute amtierende Sheriff Donnie Adkins will nicht viel dazu sagen: „Das war lange vor meiner Zeit. Um die örtliche Polizei stand es damals nicht zum Besten.“ Seine Polizeistation liegt am Rande des Schwarzenviertels. Eine Afroamerikanerin redet verzweifelt auf ihn ein und bittet um Hilfe in einem Familienstreit.

„Dass auch die Schwarzen uns vertrauen, ist eine große Sache“, sagt Adkins. Drei seiner 18 Hilfssheriffs sind Afroamerikaner. „Können Sie sich vorstellen, was es für Menschen heißt, die noch vor 40 Jahren den örtlichen Sheriff fürchten mussten, wenn nun einer von ihnen Präsident würde?“ Obamas „Hope“-Botschaft ist hier mehr als nur ein Schlagwort. Was er selbst wählt, lässt der Sheriff offen.

Kill him. Doch rassistische Töne, die zuletzt im Wahlkampf hörbar wurden, klingen hier lauter als anderswo. Zeitungsherausgeber Dearman zuckt zusammen, wenn er im Präsidentschaftswahlkampf 2008 Schmähparolen gegen Barack Obama hört. „Kill him!“, brüllten Gegner des schwarzen Demokraten zuletzt bei einer Veranstaltung des konservativen Kandidaten John McCain. „Die Menschen haben ja keine Ahnung, welchen Geist sie damit heraufbeschwören“, sagt Dearman. Er meint damit auch den Geist, der in den sechziger Jahren in Neshoba County herrschte – als sich nicht nur Schwarze selbst, sondern auch „Niggerfreunde“ vor der lokalen Polizei in Acht nehmen mussten; als Afroamerikaner nicht nur Lokalverbote, sondern auch noch eine nächtliche Ausgangssperre zu gewärtigen hatten; und als sich Hilfssheriffs einen Spaß daraus machten, Schwarze vor ihren Polizeiautos herzujagen. Michael McDonald erinnert sich noch gut daran: „Einmal hat ein Deputy-Sheriff gedroht, dass er mir die Eier abschneiden wird“, erzählt der 65-jährige Afroamerikaner.

„Mississippi ist der grausamste und unzivilisierteste Bundesstaat in den USA“, schrieb der Bürgerrechtler Roy Wilkins einmal. „Es gibt keinen Staat, der in puncto Unmenschlichkeit, Mord, Brutalität und Rassenhass an ihn heranreicht.“ 539 Lynchmorde zählte Mississippi zwischen 1882 und 1964. In den sechziger Jahren fanden sich im Wählerregister nur sechs Prozent Schwarze, obwohl fast die Hälfte der Bevölkerung Afroamerikaner waren. Heute vermeldet Mississippi mit seinen rund drei Millionen Einwohnern einen neuen Wählerrekord. Nach ersten Schätzungen dürften sich rund 30 Prozent mehr Wähler als bisher registriert haben. Die meisten davon rechnet man Barack Obama zu.

Obwohl Mississippi bei der Wahl dennoch an die Republikaner gehen dürfte, hat der Staat in den vergangenen 40 Jahren enorme Fortschritte gemacht. Hier sind etwa weitaus mehr Afroamerikaner in hohen offiziellen Positionen tätig als anderswo in den USA. Allein deshalb aber plötzlich für den schwarzen Demokraten zu stimmen, sehen die Bürger von Neshoba County nicht als Verpflichtung. Im Gegenteil: Der Umstand, dass Schwarze öffentlich gefördert werden, wird von manchen als Freibrief dafür genommen, sich ostentativ für die weißen Kandidaten auszusprechen. Der Truckfahrer mit der Camouflage-Kappe, die ältere Spielerin im nahen Kasino, der Ladenbesitzer an der Durchzugsstraße: Obama, so sagen viele hier, habe noch zu wenig vorzuweisen. Tradition und Erfahrung zählen im Süden eben viel.

Aber Neshoba County mit seinen knapp 30.000 Einwohnern sei an der durch die blutigen Ereignisse von 1964 erzwungenen Konfrontation mit sich selbst gewachsen, findet Leeroy Clemons, Präsident der örtlichen Niederlassung der schwarzen Bürgerrechtsbewegung NAACP (National Association for the Advancement of Coloured People): „Philadelphia und Neshoba County wurden zum Inbegriff des Rassismus. Für viele im Ort war das inakzeptabel.“ Das Verbrechen führte etwa dazu, dass sich 30 schwarze und weiße Bewohner von Neshoba in der Philadelphia Coalition zusammenfanden, um die Vergangenheit aufzuarbeiten. Das war anfangs alles andere als leicht. Den Vorschlag der Schwarzen, einen Gedenkmarsch für die Opfer zu veranstalten, lehnten die Weißen ab. Sie fühlten sich dadurch zu sehr an die Märsche militanter Schwarzer in der Anfangszeit der Bürgerrechtsbewegung erinnert. Die Idee der Weißen, eine Resolution zu verfassen, stieß wiederum bei den Schwarzen auf Skepsis: Zu viel war ihnen zu oft schon in zu vielen Papieren versprochen – und gebrochen – worden.

Urteil. Eines war ihnen aber klar: Trotz der Verurteilung von sieben Tätern war das Verbrechen noch nicht vollständig geklärt. Das nahm die Philadelphia Coalition nun gemeinsam mit Jerry Mitchell vom „Clarion Ledger“ und einer Gruppe Studenten in Angriff. Sie befragten Zeugen, trugen Indizien zusammen und kamen so dem wahren Drahtzieher der Morde auf die Spur. Am 21. Juni 2005, exakt 41 Jahre nach dem blutigen Verbrechen, wurde Edgar Ray Killen, Sägemühlenvorarbeiter und Teilzeitprediger, für den Mord an den drei jungen Bürgerrechtlern verurteilt. Er hatte den Tatort für das Verbrechen ausgewählt, die von Hilfssheriff Cecil Price alarmierten Klan-Leute dorthin dirigiert und sich selbst ein Alibi besorgt.

Auch heute noch marschiert der Ku-Klux-Klan alle zwei Jahre durch Philadelphia in Neshoba County. Allerdings sind es nur mehr acht alte Männer. Von den tattrigen Radikalen geht längst keine Gefahr mehr aus. In Jewel McDonald weckt ihre Präsenz dennoch unangenehme Gefühle. Wenige Stunden vor den Morden von Neshoba County hatten Klan-Leute auf der Suche nach den drei Bürgerrechtlern auch die Mutter und den Bruder von Jewel verprügelt. „Da draußen laufen irgendwo immer noch einige mutmaßliche Täter herum, die nicht belangt wurden. Und viele, die uns das ganze Leben lang erzählt haben, dass wir wegen unserer Hautfarbe nichts wert sind“, sagt sie. „Wie denen wohl zumute ist, wenn sie nun bald von einem Schwarzen regiert werden?“

Leeroy Clemons von der NAACP ist nicht ganz so zuversichtlich, dass Obama gewinnen wird. „Wenn er zum Schluss nicht mit mindesten acht Punkten Vorsprung in den Umfragen führt, wird er die Wahl verlieren“, sagt er. „Sechs Punkte kostet ihn allein schon der Rassenfaktor, weil die Wähler in den Umfragen nicht ganz ehrlich sind.“ Inzwischen tippt Jerry Mitchell beim „Clarion Ledger“ die letzten Zeilen seines jüngsten Artikels in den Computer. Ein Nachruf: Der Chef der FBI-Untersuchungen in Mississippi ist im Alter von 94 Jahren gestorben. „Wie knapp Mississippi in den sechziger Jahren davor stand, vom Gesetz des Dschungels regiert zu werden, ist immer noch ein beängstigender Gedanke“, schreibt Mitchell. „Damals gab es nur eine verlässliche Institution, die das Gesetz durchsetzte – und das war das FBI.“

Als Bildschirmhintergrund hat er ein Dokument ausgewählt, das ihn immer an die Bluttat von 1964 erinnert: Es ist die Vermisstenanzeige für die Bürgerrechtler Schwerner, Chaney und Goodman. Unterdessen verbüßt Edgar Ray Killen, der bislang letzte für das Verbrechen zur Rechenschaft gezogene Täter, immer noch eine Haftstrafe von dreimal 20 Jahren. Wenn Amerika am 4. November die Wahl zwischen einem weißen Kandidaten und einem Afroamerikaner hat, ist er als verurteilter Straftäter nicht stimmberechtigt.

Von Josef Barth, Mississippi