Mörderische Vergleiche

Israels augenblickliche Politik ist hierzulande für viele der willkommene Anlass, endlich neu mit den Juden abzurechnen.

Selten dürfte eine Karikatur so vielen Österreichern aus der Seele gesprochen haben wie die der Grazer „Kleinen Zeitung“, die einen Nazischergen, der einen jüdischen Buben erschießt, mit einem israelischen Soldaten vergleicht, der auf einen Palästinenserbuben zielt.

Ich zitiere aus Leserbriefen des „Kurier“, der über die Kritik berichtete, die diese Karikatur bei der Israelitischen Kultusgemeinde ausgelöst hat: „Natürlich ist das, was Israel macht, den Verbrechen des Nazistaates gleichzusetzen. Sie begehen an den Palästinensern Völkermord …“ – „Ich halte diesen Vergleich für sehr zutreffend: Was dieser Ministaat mit den Palästinensern aufführt, ist dem Eroberungsfeldzug Hitlers gleichzusetzen.“ – „Und es wagt keiner, die Stimme zu erheben, weil jedem Redakteur vor der mächtigen Lobby die Beine zittern ...“

Als ein Leser den einsamen Versuch unternimmt, auch die andere Seite des Phänomens, den palästinensischen Terror, in die Diskussion mit einzubeziehen – „Wäre es nicht möglich, das kleine Israel auf seinem im Vergleich zu den umliegenden Staaten winzigen Gebiet in Ruhe leben zu lassen?“ –, stößt er auf höhnische Ablehnung: „Wer keine Ahnung hat wie du, sollte schweigen.“

Natürlich wird Israels Politik gegenüber den Palästinensern auch in Spanien, wo ich die meiste Zeit des Jahres verbringe, heftig kritisiert. Natürlich wird auch dort aufgezeigt, dass Israels Armee auf Attentate, denen drei, vier – freilich manchmal auch zehn – Israelis zum Opfer fallen, mit Vergeltungsschlägen antwortet, die dutzende tote Palästinenser zurücklassen.

Aber die Kritik behält Augenmaß: In keiner halbwegs angesehenen spanischen Zeitung könnte eine Karikatur wie in der „Kleinen Zeitung“ den Chefredakteur, seinen Stellvertreter oder irgendeinen leitenden Redakteur passieren.

Österreich ist leider ein Land, in dem man nicht nur den Schreibern von Leserbriefen, sondern offensichtlich auch führenden Journalisten erst erklären muss, dass der Vergleich zwischen dem systematischen millionenfachen Mord an den Angehörigen einer anderen Rasse und „ungezielten“ Vergeltungsschlägen einer Armee auf – ebenso „ungezielte“ – Attentate nicht bloß „unzulässig übertrieben“ ist, sondern dass er eine Ungeheuerlichkeit darstellt. Einen Beitrag zur Volksverhetzung und Volksverdummung.

Eines der letzten Gespräche, die ich mit meiner Mutter führen konnte – einer Frau, die ihr Leben riskiert hat, um Juden vor der Ermordung zu retten –, betraf die Politik Ariel Sharons. Es war – „natürlich“, bin ich beinahe geneigt zu schreiben – ein überaus kritisches Gespräch: Sharon verschaffe dem Terror, den er besiegen wolle, durch seine Vergeltungsaktionen ein unerschöpfliches Nachwuchs-Reservoir. Luftangriffe, bei denen weit mehr Unbeteiligte als Untergrundkämpfer getötet würden, seien inakzeptabel.

Aber über all dieser noch so berechtigten Kritik dürfe man doch nicht vergessen, dass zuerst die Terrorattentate der Hamas da waren – und dann erst die überharten „Vergeltungsaktionen“ der Israelis.

In dem Moment, in dem die Attentate aufhörten, hörten auch die „Vergeltungsschläge“ auf.

Das Problem ist, dass die radikalen Palästinenser das wissen. Daher werden sie immer wieder Attentäter nach Israel schicken. Denn für die „geistigen“ und „geistlichen“ Führer der Hamas (deren „gezielte Tötung“ zuletzt für so viel Empörung gesorgt hat) gilt nach wie vor: Es darf keinen Frieden mit Israel geben.

Damit spielen sie jenen radikalen Israelis in die Hände, die keinen Frieden mit den Palästinensern wollen.

Die Schlussfolgerungen meiner Mutter aus dieser Konstellation ließen ebenfalls nichts an Klarheit zu wünschen übrig: Eine rationale israelische Regierung müsse den Mut und die Kraft aufbringen, das nächste Hamas-Attentat „unvergolten“ zu lassen und die Verhandlungen mit der palästinensischen Führung so weiterzuführen, als ob nichts passiert sei.

Nur sollte man sich darüber im Klaren sein, wie ungeheuer schwierig das für jede Regierung ist: einer Bevölkerung, die eben wieder einen Autobus voller Schulkinder explodieren gesehen hat, erklären, dass man dennoch weiterhin mit Leuten an einem Tisch sitzen bleibt, die Jahre hindurch kaum etwas gegen diese Attentäter unternommen, ja sie gelegentlich sogar ermutigt haben.

So wie meine Mutter bin ich der Meinung, dass man der israelischen Regierung diesen schwierigen Kraftakt dennoch zumuten kann und zumuten muss und dass sie dafür zu kritisieren ist, dass sie den notwendigen Mut dazu nicht aufbringt.

Aber das ist doch etwas völlig anderes als auch nur der Vergleich mit Aggressoren.
Hierzulande wird leider von einer erschütternd großen Anzahl von Menschen nicht Israels augenblickliche Politik kritisiert, sondern Israels augenblickliche Politik ist der willkommene Anlass, endlich neu mit den Juden abzurechnen: „Im Vergleich zu den damals sicher barbarischen Zeiten erscheint die Vorgangsweise des Judenstaates viel schlimmer als der Tod vieler Menschen in den Straflagern des Dritten Reiches“ (Leserbrief zum Bericht des „Kurier“).

Noch eine kleine Drehung dieses Rädchens, und die Argumentation sieht folgendermaßen aus: Das gegenwärtige Verhalten der Israelis zeigt endlich der ganzen Welt, dass die Juden Mörder sind. Und da soll uns einer den Vorwurf machen, dass unsere Väter und Großväter sich bemüht haben, dieses Gesindel auszurotten.