Neue Alben: Pixies, Jagwar Ma, Deafheaven

Schwindelerregender Postrock, australische Sehnsuchtsmusik: Jagwar Ma und Deafheaven weisen in eine Zukunft ohne genrespezifische Grenzen. Songs without Borders eben – von Brooklyn bis Berlin-Kreuzberg. profil unerhört präsentiert die wichtigsten CDs der Woche.

Von Philip Dulle

Jagwar Ma: Howlin (Pias/Marathon Artists)

Schon wieder Australien, schon wieder Sehnsuchtsort. Aber auch der ewige Kampf Sydney gegen Melbourne. Die Vormachtstellung in Sachen australischer Welthauptstadt wird nicht nur anhand der Gentrifizierung mancher Viertel (Surrey Hills vs. Brunswick-Street) gemessen, sondern vor allem auch daran, wo man den besseren Cappuccino trinkt. Das aktuelle musikalische Wunderding kommt aus der ehemaligen Sträflingsenklave in New South Wales, hört auf den wunderbaren Namen Jagwar Ma und versucht mit dem Debüt „Howlin“ einen Bogen von Sydney zum Madchester-Rave zu spannen und dabei auch einen Zwischenstopp im psychedelischen Perth (gern zitiert: Tame Impala) einzulegen. So klingt Jagwar Ma nicht nur nach Pazifikschönheit, urbaner Abgeschiedenheit und ewigem Sommerflair, sondern auch nach dem Flanieren in den von Kaffeehäusern und Plattenläden gesäumten Gassen der Surrey Hills. Funktioniert übrigens auch in Mitteleuropa. Der Cappuccino duftet schon. (7.2/10) Ph. D.

Deafheaven: Sunbather (Deathwish/Indigo)

Und da sagt noch einer, es gibt im Zeitalter der Musikblogs und Auskennerwebsites keine Überraschungen mehr. Aber jetzt mal ehrlich: Black Metal für die Popmusik-Konsumenten von New York bis Berlin? Albumbesprechung im Feuilleton? Seit Wolves of the Throne Room und Liturgy hört man die Dark Arts eben auch in Kreuzberg und Brooklyn – und nun auch die nebelverhangenen Collagen der San-Francisco-Schmerzformation Deafheaven. Auf sieben Songs zwischen drei und 14 Minuten verschmelzen auf „Sunbather“ Postrock, Black Metal und Shoegaze zu einem post-everything-melody- Monolithen, der nicht nur dem Albumformat wieder neue Bedeutung verleiht, sondern sich neben all den Unzulänglichkeiten eben nicht auf die dunkle Seite ziehen lässt, sondern die Emotionen in uneindeutig befreiende Bahnen lenkt: Bohrmaschinen-Gedröhne, Indierock-Gitarren, Double-Bass-Glückseligkeit, erfrierendes Gekeife und Keyboardintermezzi. Spätestens beim zentralen Stück „Vertigo“ möchte man diesen süßen Schwindel nie mehr missen, sich immer wieder in die Tiefe werfen. Möge das Dröhnen niemals enden. (9.0/10) Ph. D.

Pixies: Bagboy (Single/freier Download)

Wieder einmal wie Phoenix aus der Asche: Natürlich gibt es kein neues Pixies-Album, zumindest aber einen neuen Song und das erste Material seit der Reunion von 2004. Und wenn Black Francis mal wieder die Arbeit aufnimmt, tauscht er die großartige Kim Deal (ich lege jetzt „Gigantic“ auf) gegen Kim Shattuck (von The Muffs) und kündigt für die kommende Europatournee auch gleich ein neues Album an (das erste seit 1991); aufgenommen irgendwo zwischen seinem Stamm-Starbucks in Boston und irgendeiner dunklen Hütte in Los Angeles. Egal ob man Francis liebt oder hasst, „Bagboy“ ist ein richtig guter Song geworden, der sich neben typischem Pixies-Geschrammel auch ein paar Elektrospielereien gönnt und dem „Bagboy“ wunderbar in Gewissen brüllt: „Cover your breath, polish your teeth“. Spätestens am 1. November, wenn die Pixies wieder in Wien gastieren. Ph. D.

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