Nach dem blutigen Anschlag in Israel

Nahost. Nach dem Schulmassaker von Jerusalem: Wie viele Tote gab es seit Beginn des jüngsten Friedensprozesses? Wie viele Gipfeltreffen? Wie viele Raketenangriffe? Die Zahlen.

Wir haben einen guten Start“, sagt US-Präsident George W. Bush, als er am 27. November 2007 das Ergebnis des Nahostgipfels in Annapolis bekannt gibt. Es ist eine kleine Sensation: Israels Regierungschef Ehud Olmert und Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas haben sich darauf geeinigt, innerhalb eines Jahres ein umfassendes, endgültiges Friedensabkommen auszuverhandeln.

Seit damals sind noch keine vier Monate vergangen. Die Ereignisse überschlagen sich. Die Hamas-Brigaden beschießen israelische Städte mit Raketen. Israel startet eine Militäroffensive. Ein palästinensischer Attentäter überfällt vergangenen Donnerstag eine religiöse Schule in Jerusalem und tötet acht Personen. Aber auch auf der diplomatischen Ebene tut sich einiges. Bush besucht Israel, Außenministerin Condoleezza Rice ebenso, Treffen zwischen Olmert und Abbas finden statt. profil versucht, aus dem Wirrwarr von Meldungen über Attacken, Vergeltung und Fortschritte im Friedensprozess Zahlen herauszufiltern, die zeigen sollen, was tatsächlich seit Annapolis geschehen ist.

Zahl der geplanten ­Gipfeltreffen: 7
Tatsächliche Treffen: 4

Alle zwei Wochen würden sich Israels Regierungschef Ehud Olmert und Palästinenser-Präsident Mahmud Abbas treffen, lautete eine der konkreten Abmachungen des Abkommens von Annapolis. Das versprach eine bedeutende Verbesserung des Klimas. Sieben Jahre lang hatte es keine Friedensverhandlungen gegeben. Doch die Gewaltausbrüche ließen bereits jetzt Treffen platzen. Zudem sitzt mit Abbas zwar der Präsident am Verhandlungstisch, doch die Hamas, die 2006 die palästinensischen Parlamentswahlen gewonnen hat, bleibt außen vor.

Kernfragen in den Verhandlungen: 6
Davon bisher gelöst: 0

Die Themen sind weiß Gott nicht neu. Einige davon gehen zurück auf Israels Gründung im Jahr 1948, andere beziehen sich auf den Sechstagekrieg 1967. Diesmal sollen alle Probleme aus dem Weg geräumt werden. Die da wären: der Grenzverlauf eines zu gründenden palästinensischen Staates; der Status der von beiden Konfliktparteien beanspruchten Stadt Jerusalem; die israelischen Siedlungen im paläs­tinensischen Westjordanland; die Sicherheit; die Verteilung der Wasserressourcen. Über Jerusalems Status konnte bisher nicht verhandelt werden, da die israelische Regierungskoalition dann auseinanderzubrechen droht. Eine Einigung gibt es bisher in keiner Frage. Zahl geplanter Wohnungen in israelischen Siedlungen: 1100

In der gemeinsamen Erklärung von Annapolis wurde die so genannte Roadmap, ein Friedensplan aus dem Jahr 2003, wiederbelebt. Die darin enthaltenen Verpflichtungen gelten erneut. Israel etwa darf demnach keine neuen Siedlungen im besetzten Westjordanland bauen und muss sogar einige abreißen. Doch stattdessen budgetierte das israelische Wohnbauminis­terium seit Annapolis neue Projekte im besetzten Gebiet – insgesamt 1100 Wohnungen. Die israelische Regierung argumentiert, die Pläne seien älter als das Abkommen der Roadmap und die betreffenden Orte würden in jedem Fall israelisches Staatsgebiet bleiben.

Zahl der auf israelisches Gebiet abgefeuerten ­Raketen und
Mörsergranaten: 1200

Militante Palästinenser verfolgen seit Jahren eine Zermürbungstaktik gegen Israelis, die in der Umgebung des Gazastreifens leben: Es vergeht kein Tag, an dem sie nicht ungezielt Granaten oder selbst gebastelte „Kassem“-Raketen auf Israel abfeuern. Letztere verfügen über eine Reichweite von bis zu zwölf Kilometern und können zwischen zehn und 20 Kilogramm Sprengstoff tragen. Das israelische Verteidigungsministerium bezeichnete die Raketen im Jahr 2006 als „eher psychologische denn physische Bedrohung“. Tatsächlich haben sie in den vergangenen sieben Jahren 14 Todesopfer gefordert – zuletzt starb im vergangenen Jänner ein Mann. In der besonders häufig beschossenen Stadt Sderot leiden inzwischen 28 Prozent der Bevölkerung unter posttraumatischen Stö­rungen.

Zahl der getöteten ­Palästinenser: 270
Nach Angaben von israelischer Seite handelt es sich bei den Opfern nahezu aus­schließlich um militante Aktivisten – so seien etwa 90 Prozent jener 120 Menschen, die etwa im Zuge des israelischen Einmarsches im Gazastreifen vergangene Woche ums Leben kamen, direkt an den Kampfhandlungen beteiligt gewesen. Das israelische Informationszentrum für Menschenrechte spricht hingegen davon, dass die israelische Armee bei ihren Einsätzen allein heuer mehr als drei Dutzend unschuldige Palästinenser getötet hat.

Zahl der getöteten ­Israelis: 16
In Israel sind beim schwersten Anschlag seit mehr als einem Jahr, dem bewaffneten Angriff auf die Talmud-Schule Mercaz Harav in Jerusalem, am Donnerstag vergangener Woche acht Jugendliche ums Leben gekommen, ein weiteres Dutzend wurde schwer verletzt. Damit steigt die Zahl der seit Ende November 2007 getöteten Israelis auf mindestens 16. Vier davon waren Angehörige der Armee oder der Sicherheitskräfte.

Zugesagte internationale Hilfe an die Palästinenser: 1,6 Mrd. Euro/Jahr
Zugesagte Militärhilfe der USA an Israel: 1,6 Mrd. Euro/Jahr

Sowohl Israel als auch die Palästinenserbehörde benötigen Unterstützung aus dem Ausland. Allerdings aus unterschiedlichen Gründen. Die palästinensische Wirtschaft liegt am Boden, im Westjordanland und Gaza herrschen Not und Armut. Die Regierung kann ihre Beamten nicht bezahlen. Bei einer internationalen Geberkonferenz im vergangenen Dezember wurden Präsident Abbas fünf Milliarden Euro für die kommenden drei Jahre versprochen. Damit soll der neue Staat aufgebaut werden. Israel hingegen kann auf Wirtschaftshilfe mittlerweile verzichten, bekommt aber von den USA in den kommenden zehn Jahren durchschnittlich zwei Milliarden Euro Militärhilfe pro Jahr (beginnend mit etwa 1,6 Milliarden im Jahr 2008).

Kindersterblichkeitsrate auf 1000 Lebendgeburten in Palästina: 21,88
Kindersterblichkeitsrate in Israel: 6,75

Nur ein statistisches Faktum, um zu zeigen, dass die Asymmetrie nicht nur die Kriegsführung, sondern vor allem auch die humanitäre Lage betrifft. Während Israel nach allen Parametern der Lebensqualität mit Staaten der westlichen Welt in etwa gleichauf liegt (Kindersterblichkeitsrate in Österreich: 4,54), sind die palästinensischen Gebiete Entwicklungsland. Der angestrebte Frieden wäre für die Palästinenser deshalb ökonomisch weitaus bedeutsamer als für die Israelis.

Quellen: Dachaf Public Opinion Research Institute, Israeli Defence Forces, CIA Factbook, APA, Israel Intelligence Heritage Commemoration Center, ynetnews.com, Globalsecurity.org

Von Martin Staudinger und Robert Treichler