Nach dem Rauswurf von Oberhauser:
Der ORF schlittert in eine schwere Krise

Zehn Monate vor der Neuwahl der ORF-Führung herrscht am Küniglberg Chaos. Der Kampf um die Positionen hat begonnen. Mit Informationsdirektor ­Elmar Oberhauser gibt es auch ein erstes Opfer.

Elmar Oberhauser, 63, fährt gern Auto. Wien–Vorarlberg und zurück ist für den Highway-Junkie ein entspannender Kurzausflug. Zwischen Sonntag und Dienstag dieser Woche chauffierte Oberhauser von Wien zu den Weltcuprennen in Sölden, von dort nach Innsbruck, wo Starregisseur Fritz Melchert für seine legendären Hahnenkamm-Übertragungen einen hohen Tiroler Orden bekam, und wieder zurück nach Wien.

Das gibt viel Zeit zum Telefonieren, und Elmar Oberhauser telefoniert oft dieser Tage. Wenn die Vermittlungsversuche verschiedener Freunde beider Streitparteien nicht noch in letzter Stunde mit Erfolg gesegnet sind oder man sich auf ein einvernehmliches Ausscheiden Oberhausers einigt, wird Generaldirektor Alexander Wrabetz dem ORF-Stiftungsrat vorschlagen, den Informationsdirektor vorzeitig abzuberufen. Vergleichbares gab es zuletzt vor 17 Jahren, als Gerd Bacher seinen Programmchef Ernst Wolfram Marboe hinauswerfen ließ.

Kundige Kenner der Küniglberg-Ränke sind sicher: Der Wrabetz-Vorschlag würde mit den Stimmen der SPÖ, des grünen Stiftungsrats und einiger Betriebsräte angenommen werden.

Das darf politisch nicht überinterpretiert werden:
Noch vor wenigen Wochen wollte die ÖVP Oberhauser loswerden, und die SPÖ protestierte ebenso lautstark dagegen wie jetzt die Schwarzen, was nur wieder einmal unterstreicht, wie absurd die Parteienherrschaft in Österreichs größtem Kommunikationsunternehmen inzwischen geworden ist.

„Man kann es nur immer wieder sagen: Parteien, Hände weg vom Personal!“, stöhnt Stiftungsrat und Caritas-Direktor Franz Küberl, einer der wenigen Freigeister im ORF-Lenkungsgremium.

Muss Oberhauser tatsächlich gehen, verliert die gegenwärtige ORF-Führung ihr schillerndstes Mitglied. Denn so unberechenbar, übellaunig und unnahbar der ehemalige Lehrer aus Hohenems oft auch sein mag – die ORF-Information hat er in den vergangenen vier Jahren so erfolgreich gegen jegliche Interventionsversuche von politischer Seite abgeschirmt wie noch kaum ein Info-Intendant vor ihm, das gestehen ­sogar Oberhausers Gegner zu. Damit stieg auch das Selbstbewusstsein der Redaktion. Manche Infosendungen des ORF mögen gegen das lärmende Infotainment der Privatsender oft schwerblütig und bieder wirken – aber hölzlwerfender Gefälligkeitsjournalismus wird im ORF schon lange nicht mehr betrieben.
Das zeigen auch die Reichweiten: Während sie im Gesamt-ORF sinken (siehe Grafik Seite 20), konnten die „ZiB 2“, die „ZiB 24“ sowie die Magazinsendungen „Thema“, „Report“, „Weltjournal“ und „Am Schauplatz“ in den ersten zehn Monaten des Jahres 2010 deutlich zulegen. Das Flaggschiff „ZiB 1“ gewann ebenfalls leicht hinzu.

Das Unheil begann im vergangenen Sommer. Wegen der Erkrankung von Radio-Direktor Willy Mitsche und mehrerer Pensionierungen war ein Personalkarussell in Gang gekommen, das umgehend die Parteien auf den Plan rief, die „ihre“ Kandidaten in Stellung brachten.

Ein Bärendienst: Fortan trugen die Postenanwärter das Kainsmal des Parteiengünstlings, bei dem es auf eigene Fähigkeiten nicht wirklich ankommt. Das erste Opfer war die Sendungsverantwortliche der „Zeit im Bild“, Lisa Totzauer, die als Kandidatin der ÖVP – genauer: der ÖVP Niederösterreich – ins Rennen um den Posten an der Spitze der TV-Magazine geschickt wurde. Wiewohl selbst aufmerksamen Zusehern keine besonderen Liebesdienste Totzauers für die ÖVP aufgefallen waren, galt die 40-jährige Wienerin plötzlich als tiefschwarzes Urgestein.
Generaldirektor Wrabetz nickte die Bestellung ab. Er wolle damit die ÖVP für die Geschäftsführungs-Wahlen im nächsten August günstig stimmen, verbreiteten anonym bleibende Kritiker.

Oberhauser tuschelte nicht, er polterte: Er sei, erstens, als zuständiger Direktor übergangen worden und dulde, zweitens, keine Parteikandidatin. Sollte Totzauer Magazinchefin werden, trete er zurück. Die Drohung wirkte: Magazinchefin wurde Waltraud Langer. Die ÖVP schäumte, die Sozialdemokraten fanden Oberhauser plötzlich toll.

SPÖ-Bundesgeschäftsführerin Laura Rudas – seit Kurzem Werner Faymanns Verbindungsfrau zum ORF – war in dieser Situation offenbar etwas unvorsichtig. Am 20. September vertraute sie Oberhauser jedenfalls an, die SPÖ wünsche sich den stellvertretenden Innenpolitik-Chef der „ZiB“, Fritz Dittlbacher, nach dem Abgang Karl Amons in die Hörfunk-Direktion als neuen Chefredakteur. Generaldirektor Wrabetz hielt auch das für eine gute Idee. Oberhauser tobte wie zuvor im Fall Totzauer.

Wie Totzauer war auch Dittlbacher von einer Partei quasi gekidnappt worden: Der ehemalige Redakteur der „Arbeiter Zeitung“ beweist seit zwanzig Jahren, dass er kein willfähriger Parteihengst ist und sein Geschäft beherrscht. Bei der innerredaktionellen Abstimmung erreichte er eine Zweidrittelmehrheit – man hätte auch ohne die „Denkhilfe“ durch die SPÖ auf die Idee kommen können, Dittlbacher zum TV-Chefredakteur zu bestellen. „Aber so ist es halt bei uns: Die Parteien wollen den Leuten das Gefühl geben, dass sie nur ihnen den neuen Job verdanken und sich daher gefälligst dankbar zeigen sollen“, sagt ein langjähriges Redaktionsmitglied.
Hatte sein brummbäriger Widerstand im Fall Totzauer noch gewirkt – bei der Bestellung Dittlbachers hatte Oberhauser zu hoch und zu verwirrend gepokert.

Erst nach der eindeutigen Abstimmung der Redaktion präsentierte er öffentlich „ZiB 2“-Moderator Armin Wolf als seinen Kandidaten. Als Wrabetz Minuten später Dittlbacher zum neuen Chefredakteur machte, schickte Oberhauser jenes Mail an alle Mitarbeiter der ORF-Information, das nun das Ende seiner ORF-Karriere bedeuten könnte: Er sei von Wrabetz einem Diktat unterworfen worden, es habe eine „völlig unzulässige Einmischung der SP֓ gegeben. Als er sich in einem Vieraugengespräch mit dem Generaldirektor weigerte, die Vorwürfe zurückzuziehen, wurde Oberhauser „beurlaubt“. Bis Donnerstag kommender Woche hat Alexander Wrabetz nun Zeit, seinen Abwahlantrag an den Stiftungsrat einzubringen. Eine Woche später folgt dann die entscheidende Sitzung.

Die ORF-Redakteure versuchen inzwischen zu retten, was noch zu retten ist, und Einigkeit zu demonstrieren. Nachdem „Presse“-Chefredakteur Michael Fleischhacker Dittlbacher in einem Wochenend-Kommentar vorgeworfen hatte, SPÖ-­Granden „nur aus der journalistischen Bauchlage“ interviewt zu haben, schrieb demonstrativ dessen Gegenkandidat Armin Wolf einen Leserbrief an die „Presse“, in dem er Dittlbacher „einen der hervorragendsten Journalisten dieses Landes“ nennt, dessen „Integrität, Ethos und Professionalität“ nicht anzuzweifeln wären.

Gastro-Politik.
Zur schrillen Vorwahl-Stimmung in der ORF-Kommandozentrale tragen freilich auch die Printmedien bei, die alle Intrigerln lustvoll rapportieren. Mitte September berichtete etwa der „Standard“, bei einem „City-Italiener“ seien Alexander Wrabetz, Laura Rudas, deren Mann im Stiftungsrat, Niko Pelinka, Unternehmenssprecher Pius Stobl und Innenpolitikchef Hans Bürger bei trautem Nudelessen gesehen worden. Sei also Bürger der Mann für den Chefposten? Drei Tage später warf sich „Österreich“ an die Gastrofront. Im Do & Co am Stephansplatz beobachtete man argusäugig Oberhauser und den ehemaligen SPÖ-Fähnleinführer im Stiftungsrat, Karl Krammer, beim Schmaus, als – Alarm! – auch der kaufmännische ORF-Direktor Richard Grasl (schwarz) Platz nahm. Vollends unübersichtlich wurde die Lage beim Eintreffen von ­Vizebürgermeister Michael Ludwig (rot). Da wurde selbst „Österreich“ unsicher: „Reiner Zufall? Eine Verschwörung?“

Gleiches Lokal, abermals drei Tage später, auf der Pirsch liegt die U-Bahn-Zeitung „heute“: Diesmal tafeln Ex-Vizekanzlerin Susanne Riess-Passer, der ehemalige „Kurier“-Herausgeber Peter Rabl und – als Stammbesetzung – Elmar Oberhauser. Letzterer soll dabei „minutenlang und nicht zu leise“ über Wrabetz hergezogen sein. Oberhauser dementierte zwar, was „heute“ aber bloß veranlasste, den Titel der Story mit einem Fragezeichen zu versehen: „Plan für Sturz des TV-Chefs?“ In der Folge kursierte das Gerücht, die Dreierrunde habe die Kandidatur Oberhausers für den Wrabetz-Job vorbesprochen, deren Spiritus Rector Gerd Bacher sei.

Das üppige Blühen von Verschwörungstheorien hat seinen Humus in den Trümmern, in denen das 2006 angetretene ORF-Direktorium inzwischen liegt. Für Alexander Wrabetz ist die Gemengelage unbequem:
• Informationsdirektor Elmar Oberhauser steht vor der Ablöse.
• Programmdirektor Wolfgang Lorenz ist nach einer Serie floppender Eigenproduktionen geschwächt abgetaucht.
• Radiodirektor Willy Mitsche schied wegen Krankheit aus. Sein Nachfolger Karl Amon war – und ist es vielleicht immer noch – der Wunschkandidat von Kanzler Faymann für den Generaldirektorsposten.
• Ein anderer Wunschkandidat, allerdings jener der ÖVP, sitzt auf dem wichtigen Posten des kaufmännischen Direktors: Richard Grasl ist zwar erst seit einem Jahr im Amt, hat aber bemerkenswert rasch feste Wurzeln geschlagen. Auch Gegner bescheinigen ihm Professionalität.
• Der technische Direktor Peter Moosmann wird wegen einer schweren Erkrankung derzeit am Ausüben seines Amts gehindert.
• Voll bei Kräften ist Onlinedirektor Thomas Prantner – den will Wrabetz allerdings schon lange loswerden.

Die gegenwärtige Führungsriege war 2006 durch eine Regenbogenkoalition ins Amt gekommen, die es in dieser Zusammensetzung in der politischen Geschichte dieses Landes noch nie gegeben hatte und wohl auch nie mehr geben wird: In einer Nacht-und-Nebel-Aktion hatten sich damals SPÖ, Grüne, FPÖ und BZÖ auf Wrabetz und sein höchst disperses Team geeinigt – die ÖVP war allzu siegessicher in die ORF-Wahlen gegangen. „Das Problem war nur: Es fehlte in diesem Team das gemeinsame Grundverständnis, was man miteinander angeht und wie man es angeht“, glaubt Stiftungsrat Franz Küberl an eine Art Geburtsfehler der nun zerbröselnden Wrabetz-Truppe.

Dazu kamen die unterschätzten Folgen der Digitalisierung, die bewirkte, dass viel mehr Haushalte Dutzende Auslandsprogramme empfangen können. Die daraus resultierenden Reichweitenverluste des ORF ließen die Werbetarife sinken, was sich fatalerweise zeitlich mit der internationalen Finanzkrise traf: 2008 machten die Küniglberger fast 80 Millionen Miese, heuer könnten sie wieder leicht ins Plus drehen.

Das kann aber nicht die selbst verschuldeten Niederlagen verdecken. „Mitten im Achten“, die Austro-Comedy, die jungen Sehern eine Alternative zur nicht mehr durchgeschalteten „ZiB“ bieten sollte, floppte legendär. Das teure Nachfolgeformat „Chili“, für das Society-Aufmischer Dominic Heinzl beim Konkurrenten ATV abgeworben wurde, kommt – trotz Totalreform – kaum an die 150.000-Seher-Marke heran.

Enttäuschungen.
Tolle Quoten hatte man sich von der am Freitag der Vorwoche erstmals ausgestrahlten Casting-Show „Helden von Morgen“ erwartet, für die man eigens Doris Golpashin, die Starmoderatorin von Puls 4, abgeworben hatte. Trotz üppiger Promotion und bester Sendezeit lockte das Wettsingen bloß 348.000 vor die TV-Geräte. Sogar der parallel auf ORF 2 laufende Reportage-Evergreen „Am Schauplatz“ hatte um 60.000 Zuseher mehr.

Die nächste Enttäuschung setzte es schon am folgenden Tag, als „Powerplay – ganze 17 Meter“ mit Publikumsliebling Christian Clerici Premiere hatte, eine Spielshow, deren Original in den USA umjubelte Erfolge feiert. „Wissen, Geschicklichkeit und jede Menge Action“ versprach die ORF-Ankündigung. Das wollten dann am Samstagabend ganze 311.000 Zuseher mitverfolgen – für die kommenden fünf Folgen bedeutet das nichts Gutes. Zuletzt, am Nationalfeiertag, gelang es den ORF-Unterhaltern sogar, „Kaiser“ Robert Palfrader zu verhunzen: Zwar stimmten am Nationalfeiertag bei „Wir sind Kaiser – ein Fest“ die Quoten (900.000 sahen zu), die Sendung selbst glich einer von einem Amateur abgefilmten Skikurs-Party. Wer dem peinlichen Treiben erschüttert ausweichen wollte, geriet auf ORF 2 in „Mei liabste Weis“. Auch das ist Österreich.

Im ORF ist jedenfalls der Startschuss für das Rennen um den Sessel des Generaldirektors gefallen. Gelingt es Alexander Wrabetz, die SPÖ davon zu überzeugen, dass er der richtige Kandidat ist, hat er fast schon gewonnen. SPÖ und Grüne – diese Achse scheint zu halten – haben im Stiftungsrat 16 der 18 für die Wahl notwendigen Sitze. Die zwei restlichen Stimmen sollten sich aus dem Kreis der unabhängigen Betriebsräte rekrutieren lassen. Auf die ÖVP darf Wrabetz nicht hoffen. „Der Generaldirektor ist doch nur noch eine Marionette, er hat sich der SPÖ an den Hals geworfen“, grollt ÖVP-Klubobmann Karlheinz Kopf nach der Oberhauser-Affäre.
Derzeit steht auch noch eine andere heikle Causa auf der Wrabetz-Agenda: die Übersiedlung aus der abgewohnten ORF-Zentrale. Am 16. Oktober erschien – von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt – in der „Wiener Zeitung“ ein Inserat des ORF mit der sperrigen Titelzeile: „Einladung zur Interessenbekundung – Liegenschaftsoption für einen neuen ORF-Standort“. Darin fragt das Unternehmen nach einem Grundstück von mindestens 35.000 Quadratmetern an „verkehrsgünstigem Standort“ mit „Erweiterungspotenzial“, was sehr stark nach dem von der Stadt Wien angebotenen Areal in Sankt Marx klingt. Viel konkreter kann ­Wrabetz nicht werden: Jedes genaue Raumkonzept würde die restriktiveren Personalpläne offenbaren, die mit solchen Übersiedlungen üblicherweise einhergehen. Das ­wiederum würde die bei der Geschäftsführungswahl mitstimmenden Betriebsräte ­irritieren.

Vielleicht kommt aber auch alles ganz anders. In Koalitionskreisen wird derzeit die Möglichkeit erörtert, angesichts der Unruhe die ORF-Wahlen auf das Frühjahr vorzuverlegen. Dazu bedürfte es allerdings eines neuen Gesetzes, also einer Einigung zwischen SPÖ und ÖVP, die wohl auch gleich ein fettes Personalpaket in Rot-Schwarz umfassen würde. Womit wir wieder auf Feld eins wären ...

Lesen Sie im aktuellen profil 44/2010 ein Interview mit ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz.