Nachruf: Das ewige Schwarz

Christian Seiler zum Tod der Country-Legende Johnny Cash.

Keine Ahnung, wo sich Johnny Cash gerade befindet. Er selbst wird, als es mit ihm zu Ende ging, wohl fest daran geglaubt haben, dass ihm demnächst ein mächtiger Engel das Tor zum Paradies öffnet, vielleicht zu den Klängen einer Honky-Tonk-Geige, vielleicht auch nur zum Sound einer akustischen Gitarre. Cash starb vergangenen Freitag in Nashville an den Folgen eines schweren Diabetes. Er war 71 Jahre alt, seit längerem von der Krankheit gezeichnet und zuletzt auch vom Kummer um seine im Mai verstorbene Frau June Carter, mit der er seit 1968 zusammengelebt hatte.
Lange hat er sich diesen Abschied vorgestellt, in eigenen und in fremden Bildern. Auf seinen letzten vier Alben – der „American Recordings“-Serie, die Cash gemeinsam mit dem ursprünglich branchenfremden Produzenten Rick Rubin aufgenommen hatte – richtete der größte Country&Western-Star aller Zeiten ein unvergleichliches Museum persönlicher Ängste und Tröstungen ein, jeder Raum ein Lied, jede Angst eine Schattierung jener Farbe Schwarz, die Cash zum Leitmotiv seines epochalen Künstlerlebens gemacht hatte.

Cash, der „Man in Black“, sang über den Blick in die bodenlose Finsternis („I Can See a Darkness“, im erschütternden Duett mit Will Oldham). Er berichtete von den desaströsen Schmerzen der Abhängigkeit und von der Unvermeidbarkeit des Abschieds (Cashs Version des Nine-Inch-Nails-Fixerlamentos „Hurt“ gehört zu den anrührendsten Bekenntnissongs ever). Er beschrieb mit geradezu terroristischer Gelassenheit, wie ein Todeskandidat auf dem elektrischen Stuhl versucht, die finale Angst zu unterdrücken, und wie er ihr dann doch erliegt („The Mercy Seat“, geschrieben von Nick Cave).

Aber Cash tröstete auch, wenigstens sich selbst. Sobald ein Song zu dunkel ausgefallen war, knipste er im nächsten ein Licht an, immer öfter das ewige. Die Hinwendung zu Gott. Es reichten zwei Akkorde auf der Gitarre – und diese Stimme, der muskulöse Bass, der in den letzten Jahren immer mehr Sprünge gekriegt hatte, diese Stimme, die auf der ganzen Welt so schnell erkannt wurde wie das Coca-Cola-Logo.

Die Karriere des Johnny Cash ist eine in all ihren Facetten amerikanische Story. Kindergitarrist, Luftwaffensoldat, Hitlieferant. Cash besaß zwei Fähigkeiten, die ihn in der Country-Metropole Nashville schnell ins Establishment aufsteigen ließen – die Qualitäten eines Songschreibers mit einer unverkennbaren Stimme –, und mehr als zwei Eigenschaften, die sich mit den Regeln des Establishments ganz und gar nicht synchronisieren ließen: Eigenwilligkeit, Interesse an Rauschmitteln, Sympathie für Menschen, die zwanghaft Regeln brechen.

Der Mann, dessen „Ring of Fire“ die amerikanischen Omas beim Bingo-Spielen begeisterte, trat gleichzeitig vor schweren Jungs im Gefängnis auf und erklärte ihnen offen seine Sympathie. Das Live-Album „At San Quentin“ (1969) ist ein früher Meilenstein politischer Aufmüpfigkeit, und Cashs „Folsom Prison Blues“, in dem der Sänger sich als Mörder zu erkennen gibt, dessen einziges Motiv darin besteht, dass er einem Mann beim Sterben zusehen will, dient auch den grimmigsten West-Coast-HipHoppern als Vorbild an Lakonie und Glaubwürdigkeit. Die Sauf- und Drogenskandale, die sich Cash gemeinsam mit seinem Country-Kumpanen Waylon Jennings leistete, trugen das Ihre zur Schärfung von Johnnys Profil als Quentin-Tarantino-Figur bei, bevor Tarantino noch wusste, was eine Figur überhaupt ist.

Klar, dass die Heile-Welt-Zentrale Nashville den unberechenbaren Cash fallen ließ, sobald seine Songs nicht mehr die kalkulierten Umsätze machten. Der Weltstar auf der Straße, ohne Plattenvertrag, ohne Engagement. Auch das ist ein Kapitel einer sehr amerikanischen Geschichte. Aus diesem Schlamassel wurde Johnny Cash von Rick Rubin befreit, der den abgehalfterten, inzwischen tief religiösen Star aus seiner Vergangenheit befreite und auf seine Substanz zurückwarf.
Nie war Johnny Cash besser als in den auf „American Recordings“ festgehaltenen Momenten, in denen er die Augen zumachte und begann, seinen eigenen Geschichten zu vertrauen, egal ob er sie selbst geschrieben hatte oder einfach der Richtige war, sie zu erzählen. Als „American Recordings“ das unerwartete Comeback des Johnny Cash bei Kritik und großem Publikum einläutete, ließ sich dieser nicht lumpen, kaufte, nachdem er den Grammy für das beste Country-Album 1998 erhalten hatte, eine ganzseitige Anzeige im Branchenblatt „Billboard Magazine“ und schickte mit gerecktem Mittelfinger einen bösen Gruß nach Nashville.
Johnny Cash hat die Dunkelheit kommen sehen. Bis er von seinen Krankheiten daran gehindert wurde, stand er mit Rick Rubin im Studio, um sich mit neuen Liedern gegen den letzten Sonnenuntergang zur Wehr zu setzen. Das Album ist nicht fertig geworden, und die Sonne ging trotzdem unter. Hoffen wir für Johnny Cash, dass er einen Ort erreicht hat, der so hell ist, wie er es immer glaubte.