„Nationale Einstellung ist etwas Positives“

Jörg Haider über Dieter Böhmdorfers plötzlichen Rücktritt, sein Verhältnis zu den FPÖ-Nationalen – und Ursula Haubner, die keine Maggie Thatcher ist.

profil: Herr Landeshauptmann, verraten Sie uns, warum Justizminister Dieter Böhmdorfer so plötzlich zurückgetreten ist?
Haider: Er hat es sich seit vielen Wochen überlegt. Ich habe ihn immer wieder abhalten können, ihm gesagt, bleib da, lass dir Zeit, entscheiden wir das nach der EU-Wahl. Donnerstagnachmittag habe ich dann sehr lange mit ihm gesprochen. Da hat er den Entschluss gefasst, dass wir jetzt einen Generationenwechsel machen sollten, und damit den Anstoß für eine Regierungsumbildung gegeben. Wir beide sind der Meinung, dass nun ein Jüngerer, der bereits eingearbeitet ist und sich als Justizfachmann Profil erworben hat, das Amt führen soll.
profil: Wer soll das sein?
Haider: Es gibt eine Reihe von Kandidaten. Die Entscheidung liegt allerdings bei Ursula Haubner.
profil: Wann darf man mit dem Abschied von Herbert Haupt, Reinhart Waneck und Karl Schweitzer rechnen?
Haider: Das ist ebenfalls Chefsache. Die Regierungsumbildung soll eine Konsequenz der Neupositionierung der FPÖ-Spitze sein. Meine Aufgabe besteht darin mitzuwirken, dass die Bundespartei das Kärntner Modell zum Maßstab ihrer Aktivitäten macht. Denn dort, wo die FPÖ gut regiert, haben wir auch die meisten Erfolge.
profil: Wieso trauen Sie sich eigentlich nicht, den FPÖ-Vorsitz zu übernehmen?
Haider: Weil man nicht mit einem Hintern auf zwei Sesseln sitzen kann. Einerseits hier erfolgreich das Kärntner Modell zu praktizieren und andererseits ein Team in der Bundesregierung zu steuern, das ist nicht möglich.
profil: Könnte es sein, dass sich das Modell Jörg Haider außerhalb Kärntens gar nicht mehr verkaufen lässt?
Haider: Das glaube ich an sich nicht. Denn wir sind das einzige Modell, das überhaupt Wählervertrauen mobilisieren kann.
profil: Der Wiener FPÖ-Gemeinderat Wilfried Serles meinte in der „Presse“: „Solange Haider de facto in der Partei anschafft, ist der Niedergang programmiert.“
Haider: Das sind Einzelmeinungen. Da wo ich kandidiert habe, waren wir immer erfolgreich.
profil: In der vorwöchigen FPÖ-Vorstandssitzung haben Sie Wiens FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache den Chefposten der Bundes-FPÖ angeboten. War das ernst gemeint oder eine Finte, um den Weg für Ihre Schwester zu ebnen?
Haider: Es war zu überprüfen, wie weit recht junge Kandidaten bereit wären, diese Herausforderung anzunehmen. Es sollte ja nichts Ungewöhnliches sein, dass ein 35-Jähriger Verantwortung übernimmt. Karl-Heinz Grasser war noch keine 35, als er Finanzminister geworden ist, und ich selbst war auch jünger, als ich Parteiobmann geworden bin.
profil: Ist Ihnen Strache zu viel Haider-Klon?
Haider: Nein, er ist ein eigenständiger Politiker, der sein Profil noch schärfen wird. Er ist ein riesengroßes politisches Talent.
profil: Haben Sie Andreas Mölzer schon zum EU-Ticket gratuliert?
Haider: Ich habe ihn noch nicht getroffen, aber ich nehme an, wir werden in den nächsten Tagen miteinander Kaffee trinken gehen.
profil: Wie würden Sie denn Ihr aktuelles Verhältnis zum wiedererstarkten nationalen Flügel in der FPÖ beschreiben?
Haider: Diese nationalen und liberalen Reflexe, die es in der Ära Peter und Steger gegeben hat, gibt es nicht mehr. Die FPÖ ist im Prinzip eine geschlossene freiheitliche Bewegung. Wir sind heute weiter denn je davon entfernt, eine Reideologisierung des Parteiensystems vorzunehmen. Die Leute wollen mit einer Ideologie im Sinne einer quasireligiösen Glaubensauffassung nichts mehr zu tun haben.
profil: Sogar im FPÖ-internen Jargon heißt es nun aber, „die Nazis“ seien wieder da.
Haider: Solch eine Wortwahl würde ich für dumm und unredlich halten. Eine nationale Einstellung ist gerade in einem größer werdenden Europa etwas Positives. Menschen, die Wurzeln in ihrer Heimat haben, die traditionsbewusst sind – davon wird Europa letztlich massiv profitieren. Jeder, der glaubt, dass er ein schillernder Kosmopolit sein kann, dass er freischwebend und ohne Wurzeln in der Heimat zu haben existent sein kann, der ist am falschen Weg.
profil: Ihnen, der Sie weltweit als rechtsrechter Rabauke gelten, müsste es eigentlich gefallen, dass Sie nun derjenige sind, der die FPÖ vor der Machtübernahme der Nationalen bewahrt hat.
Haider: Das ist die Denke der Journalisten und Zeitungen. Es ging um keine Machtübernahme der Nationalen. Es sind alle Freiheitliche. Heimatbewusstsein ist nicht verboten.
profil: Aber mit „Vaterlandsverräter“-Kampagnen gewinnt die FPÖ auch keine Wahlen mehr.
Haider: Die EU-Wahl war ein außerordentliches Ereignis, da die Wählerschaft der FPÖ zu zwei Dritteln gar nicht an der Wahl teilgenommen hat. Der FPÖ nimmt man es einfach krumm, wenn sie sich leichtfertig von Positionen verabschiedet, für welche sie Vertrauen bekommen hat: ob das nun die Bedingungen der EU-Osterweiterung waren, die Benes-Dekrete oder der Kampf gegen das AKW Temelin. Was die FPÖ ernst nehmen muss: Die Themen, für die wir gewählt wurden, dürfen nicht vernachlässigt werden.
profil: Soll Volksanwalt Ewald Stadler in Ursula Haubners „Team der besten Köpfe“?
Haider: Das muss die Chefin entscheiden.
profil: Andreas Mölzer meint, Ursula Haubner möge eine österreichische Maggie Thatcher werden. Ist sie der Typ „Eiserne Lady“?
Haider: Die Uschi ist sicherlich keine Maggie Thatcher, weil sie viel zu viel soziales Verständnis hat und die Solidarität auch mit den Schwachen lebt. Thatcher war eine eiskalte Privatisiererin, die auf die sozialen Konsequenzen – wie etwa bei der Demontage des Bildungssystems oder der Gesundheitsversorgung – nicht Rücksicht genommen hat. Das ist nicht die Welt meiner Schwester.
profil: Der ehemalige FPÖ-Klubsekretär Josef Moser soll neuer Rechnungshofpräsident werden. Wurde das tatsächlich bereits beim herbstlichen Geheimtreffen in Kitzeck mit der ÖVP paktiert?
Haider: Doktor Moser braucht kein politisches Paktum. Wenn er sich entschließt, aus seiner Bundesbahnposition auszuscheiden und im Rechnungshof einzusteigen, wäre das eine sehr gute Wahl. Er ist nicht nur ein exzellenter Fachmann, sondern hat auch eine enorme Durchschlagskraft.
profil: Und die ÖVP sieht das auch so?
Haider: Die ÖVP wird sich da überhaupt nicht schwer tun, denn sie weiß ja, dass der Doktor Moser als Personalvertreter bei der Finanz auf einer ÖVP-nahen Liste kandidiert hat. So hat er ja erst den Weg in die Politik gefunden.
profil: Frage an den Fußballpräsidenten: Wer wird Europameister?
Haider: Gefühlsmäßig würde ich sagen die Franzosen.