Neue Alben: Tindersticks, Pelican

Nichts bleibt für die Ewigkeit: Warum die Tindersticks sich nach all den Jahren feiern dürfen und Pelican gegen die Vergänglichkeit ankämpfen. profil unerhört präsentiert die wichtigsten CDs der Woche.

Von Philip Dulle und Stephan Wabl

Tindersticks: Across Six Leap Years (City Slang)

Die traurigsten Lieder schreibt nicht das Leben, sondern die britische Pop-Institution Tindersticks. Wer das nicht glauben will, sollte sich noch ein Mal das neun Minuten lange „Chocolate“ vom letztjährigen Meisterstück „The Something Rain“ auf der Zunge zergehen lassen. Heuer, 20 Jahre nach ihrem fulminanten, feingliedrigen Debüt „Tindersticks“, schloss sich die Band um Schmerzensmann Stuart Staples in den legendären Abbey Road Studios ein, um teils vergessene, teils unsterbliche Spoken-Word-Tragödien aus dem eigenen Fundus mit neuen Arrangements (und live!) einzuspielen. Tindersticks entwickelt dabei eine Intensität, die es nicht nur schafft, die Originalaufnahmen stellenweise zu überflügeln, sondern die Band am Zenit ihres Schaffens zu zeigen. So droht Stapels Stimme bei „Dying Slowly“ vor der unerträglichen Leichtigkeit des Seins zu kapitulieren, nur um bei „Marseilles Sunshine“ angreifbar und verloren zurückgelassen zu werden. „Across Six Leap Years“ ist Chamber-Pop der reinsten Sorte; kleine Geschichten, feiner Pathos, überlebensgroße Gefühle. (7.8/10) Ph. D.

Pelican: Forever Becoming (Southern Lord)

Versprechen sind nicht für die Ewigkeit. „Pelican sind und werden immer sein: Trevor, Bryan, Larry und Laurent.“ So steht es geschrieben im Booklet von „City of Echos“, der dritten Platte der vier Post-Metal-Industrial-Herren aus Chicago. Das war im Jahr 2007. Sechs Jahre später heißen die Bandmitglieder Trevor, Bryan, Larry und Dallas. Gitarrist Laurent hat das Quartett im vergangenen Jahr verlassen, man habe sich aber in Freundschaft getrennt, ließ die Band verlautbaren. Die verbliebenen Pelican-Mitglieder zögerten kurz, wagten sich dann aber doch nach vorne und ersetzten das Gründungsmitglied durch Dallas Thomas. Aus dem Versprechen für die Ewigkeit wurde das ewige Werden. „Forever Becoming“ heißt das neue Album, und ist dunkler, rauer, aber auch fokussierter und vielfältiger als der schwache Vorgänger „What We All Come to Need“ (2009). „Diese Platte war wie der Anfang einer neuen Beziehung. Diese Aufgeregtheit, wenn man etwas Neues beginnt“, erzählt Gitarrist Trevor de Brauw. Die acht Stücke auf „Forever Becoming“ zeichnen zwar in gewohnter Pelican-Manier düstere Landschaften mit nur kurz aufreißenden Wolkenfeldern. Die Lieder gehen aber weitere Wege, trauen sich mehr zu, und strahlen trotz der Wechsel und Klippen mehr Selbstvertrauen aus. Ist die Ewigkeit erst einmal überwunden, kann einen nichts mehr so schnell erschüttern. Das spiegelt sich auch in Songtiteln wie „The Cliff“, „Deny the Absolute“ und „Perpetual Dawn“ wider. Vor allem aber das Stück „Immutable Dusk“ ist eine großartige Reise durch unwägbares Gelände, mit kurzen Verschnaufpausen, quer über Stock und Stein. Am Ende wird das Ziel erreicht; was es bedeutet und wie lange es Bestand hat, ist aber unklar. Denn nichts hält ewig. (7.1/10) S. W.

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