(Nicht) paffen

Toleranz! Noch nie wollten die Rauchenden ein Verbot des Nichtrauchens erwirken.

Ich vertrag keinen Zigarettenqualm. Wenn ich angepafft werde, bleiben mir Luft und Stimme weg. Ich falle dann unangenehm auf durch Krächzen und Röcheln, und beim Atemholen pfeife ich wie ein Erdzeiserl, nur dass ich dabei nicht herzig ausschaue. Allergisches Asthma, sagt der zuständige Medizinmann. Er hat leicht diagnostizieren. Er muss sich nicht entscheiden zwischen Bronchienschonung und Sozialkontakten.
Ich entscheide mich natürlich für die Sozialkontakte, eh klar. Es ist ja auch nicht so, dass die Qualmenden keine Rücksicht nähmen, oh nein.

Sie rücken ein Stück ab von mir, pusten in die andere Richtung (aber, haha, der Rauch weht immer zu den Nicht-rauchenden, ein Naturgesetz) und ertragen es vor allem großmütig, dass ich so zimperlich bin.

Sie sehen mir nach, dass ich bloß passiv rauche, noch dazu asthmatisch. Von Zeit zu Zeit lassen sie allerdings anklingen, dass das mit der Allergie mehr als unwahrscheinlich ist. Zwar glauben sie an die Naturgesetzlichkeit des von Nichtrauchenden angezogenen Rauchs, halten aber die biologistische Erklärung einer allergischen Reaktion darauf für etwas gewagt.

Viel wahrscheinlicher ist doch, dass ich mich gehen lasse (respektive nicht zusammenreiße), Aufmerksamkeit erregen will, dem Zigarettenrauch eine negative Erwartungshaltung entgegenbringe (was somatische Konsequenzen nach sich zieht), das Rauchen aus Genussfeindlichkeit ablehne und/oder kleinlicherweise lieber übers Passivpofeln lamentiere, statt mutig der industriellen Luftverschmutzung den Kampf anzusagen, die viel, viel schädlicher ist.

Ich bin eh gegen die industrielle Luftverschmutzung, sage ich, hustend, nur leider weigert sich mein Beuschl, deswegen die Tschickerei gut zu finden, und dann hab ich ja auch nicht wirklich die Wahl zwischen eurer Tschickerei und dem übrigen Dreck – ich meine, eins hebt doch das andere nicht auf, oder?

Sie schenken mir gekränkte Blicke, aus denen ich schließe, dass sie genau das glauben. Offenbar qualmen sie, um wirklich schädliche Emissionen durch harmlosen Dunst zu verdünnen.

Und ich, statt dankbar zu sein, setze mich ostentativ ans gekippte Fenster. Nein, nicht ostentativ. Unauffällig, eigentlich. Aber meine aufsässige Keucherei verrät mich, ich schaffe es nicht, glaubwürdig den Eindruck zu erwecken, dass ich die Fensternähe bloß suche, um gebannt ins nächtliche Dunkel zu schauen.

Die Pofler und -innen sind debattierend inzwischen beim Zeitgeist angelangt, der ihrer Ansicht nach ganz allgemein zunehmend restriktiver wird, was sich besonders deutlich an der mittlerweile geradezu hysterischen Diskriminierung des rauchenden Menschen zeige. Kreuzzugcharakter. Verfolgte Randgruppe. Bald werden wir in einer unerträglich sterilen Welt leben, in der alles verboten ist, was Spaß macht. Calvinismus, Kapitalismus, freudloses Leistungsdenken, Ausbeutung.

Ich würde gerne widersprechen, weil ich mich nicht so mir nichts, dir nichts ins neokapitalistische Eck drängen lassen möchte, traue mich aber nicht, zumal die andere Nichtraucherin in der Gruppe soeben kriecherisch flötet: Also, ich rauche ja auch nicht, aber gerade deswegen rieche ich den Rauch so gern!

Die verfolgte Randgruppe nickt anerkennend. Genau. Vernünftig miteinander reden. Keine autoritären Verbote. So was kann man sich doch ohne Vorschriften ausmachen. Friedliches Nebeneinander statt Gegnerschaft. Toleranz!

Das Blöde ist nur (denke ich mir), dass beim Nebeneinander, sei’s im Büro, im Restaurant oder in der Bahn, nie die Nichtrauchenden die Rauchenden mit Frischluft penetrieren, was ein gewisses Ungleichgewicht der durchgesetzten Interessen erzeugt.

Andererseits stimmt es, dass die Rauchenden insofern toleranter sind als die Nichtrauchenden, als sie noch nie ein Verbot des Nichtrauchens erwirken wollten.

Ich sage nichts. Feiges Schwein, das ich bin, meide ich Konflikte. Doch tief innen bin ich froh über jede geschützte Zone beim Arbeiten, beim Bahnfahren, beim Fliegen, beim Essen. Scheinheilig verstecke ich mich gern hinter höherer Staatsgewalt. Ich bin’s nicht, Leute, die euch das Rauchen vermiest, hier gibt’s eine Verordnung, an die müsst ihr euch halten, leider, leider.

Ist ja vielleicht auch der Sinn von Schutzräumen: dass die Geschützten nicht selber um Schonung betteln müssen.

Die bedrohte Spezies um mich empfindet mein Schweigen scheint’s als subversiv. Sag, hast du nicht auch einmal geraucht?, fragt mich einer aus der Runde misstrauisch, er kennt mich seit hundert Jahren und erinnert sich dunkel an mein Vorleben.

Ja, hab ich. Deshalb glaub ich ja nicht ans Miteinander- Ausmachen und an die Appelle an die Einsicht. Ich weiß doch, wie ich selber war. Zigarette angezündet und verächtlich auf die zickigen Spaßverderber heruntergeschaut, die schlappe Bronchien oder gar so was Spießiges wie stinkende Vorhänge ins Spiel zu bringen wagten!
Na, dann kriegst du halt nur zurück, was du verdienst, sagt der, der meine Vergangenheit kennt, grinsend.

Ja? Interessante Vorstellung: Das Schicksal instrumentalisiert scharenweise qualmende Menschen – um den Preis der Belästigung unschuldiger Nie-gequalmt-Habender –, nur um es mir zu zeigen. Wahnsinn.
Danke, Schicksal, und übertreib nicht so.