Franz Ferdinand: „Tanzmusik ist unsere große Liebe”

Nick McCarthy, Gitarrist und Hauptsongschreiber der schottischen Band Franz Ferdinand, über klaustrophobische Aufnahmeprozesse, aufblasbare Bierflaschen und die Unmöglichkeit, mit CD-Verkäufen noch Geld zu verdienen.

Interview: Philip Dulle

profil online: Das neue Album Ihrer Band Franz Ferdinand „Right Thoughts, Right Words, Right Action“ erscheint am 23. August. Live waren Sie damit schon auf Tour. Brauchen Sie den Nervenkitzel vor der Veröffentlichung nicht mehr?
Nick McCarthy: Wir waren selbst verwundert, dass wir alle Songs bereits live gespielt hatten. Wir sind auch keine klassische Studioband. Es macht heutzutage keinen Sinn mehr, neue Songs geheim zu halten. Eine Offenheit gegenüber dem Publikum ist ganz gut.

profil online: Ihre Albumverkäufe beeinträchtig das nicht?
McCarthy: Sagen Sie das nicht unserem Label, aber es geht uns nicht darum, möglichst viele Alben zu verkaufen. Ich will, dass die Menschen die Songs hören. Wie sie das machen, ob im Internet oder auf Platte, ist mir ziemlich egal.

profil online: Sie haben Songs für Computerspiele und Filmsoundtracks zur Verfügung gestellt. Muss sich eine Popband heutzutage derart breiter aufstellen?
McCarthy: Wir sind in der glücklichen Position, von solchen Vertriebsarten nicht wirklich abhängig zu sein. Unsere ersten beiden Alben kamen 2004/2005 auf den Markt, als man noch CDs kaufte - von den damaligen Einkünften zehren wir noch immer. Für jüngere Bands ist das weitaus schwieriger. Wir waren unlängst mit einer US-Gruppe auf Tour, die sich von einem lokalen Coffeeshop sponsern lassen musste.

profil online: Würden Sie das auch tun?
McCarthy: Man muss unterscheiden können, mit welchen Unternehmen man kooperiert. Autofirmen halte ich für grundsätzlich fragwürdig. Eine Brauerei wollte uns einmal aufblasbare Bierflaschen auf die Bühne stellen. Es gibt eben Sponsoren, da muss man einfach absagen. Früher war die Werbung viel subtiler, heute muss man als Band tausend Zugeständnisse machen, um Geld zu bekommen.

profil online: Ihre letzte Veröffentlichung datiert aus 2009. Warum die Auszeit?
McCarthy: Wir hatten uns während der Studioaufnahmen aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Wenn man zu viel über das Musikschreiben redet, funktioniert es nicht mehr so gut.

profil online: Ist Franz Ferdinand das Bollwerk, mit dem man alle paar Jahre neue Alben veröffentlicht um sich dazwischen den Liebhabereien zu widmen?
McCarthy: Es ist wichtig, dass wir auch kleine Nebenprojekte machen, in anderen Bands spielen. Wir kuratieren Theaterstücke, designen und schreiben Bücher. Man muss sich immer wieder bewusst werden, dass es ganz gut ist, in einer Band zu spielen.

profil online: Mussten Sie sich von Ihren Bandkollegen erholen?
McCarthy: Wir mussten wieder lernen, dass wir eigentlich ganz gute Freunde sind. Ich finde es ohnehin überraschend, dass wir nach zehn Jahren noch immer zusammen in einer Band spielen.

profil online: Das letzte Album "Tonight: Franz Ferdinand“ war experimenteller.
McCarthy: Unsere Arbeit mit Synthesizern war eine Reaktion auf die Musikszene Ende der Nullerjahre. Es gab nur noch diese Gitarrenbands, die alle nach dem gleichen Rezept funktionierten. Das hatte uns nicht mehr gefallen.

profil online: Das neue Album klingt leichtfüßiger, weniger gezwungen. Seid Ihr heute gelassener?
McCarthy: Ich bin froh, dass man das hören kann. Die Aufnahmen zum letzten Album waren alles andere als einfach. Wir waren damals gut eineinhalb Jahr in einem einzigen Zimmer und haben aufgenommen. Diese klaustrophobische Stimmung hört man dem Album an. Die neuen Songs klingen offener.

profil online: Fröhliche Songs für eine krisengebeutelte Zeit?
McCarthy: In Krisenzeiten sucht man immer nach einem Ausweg. Vielleicht ist die Musik ein richtiges Mittel dafür. Aber unsere Texte sind auch düster und nachdenklich. Die Musik bleibt aber positiv. Reine Spaßmusik wollen wir nicht machen.

profil online: Hat sich der Aufnahmeprozess seit dem letzten Album verändert?
McCarthy: Ja. Wir haben zwei Wochen aufgenommen, dann wieder an neuem Material geschrieben und wieder zwei Wochen aufgenommen. Wir wollten nicht wieder in dieses Loch fallen.

profil online: Verändern sich die Songs zwischen Aufnahme, Live-Präsentation und Veröffentlichung der Platte noch?
McCarthy: Natürlich. Die Energie geht rauf, man spürt welche Teile besser und welche weniger gut funktionieren. Außerdem hat sich unsere Einstellung zu Franz Ferdinand verändert. Unsere Hörer sollten wieder Spaß mit uns haben.

profil online: Zurück zum Start, zurück zum Stadionpop?
McCarthy: Das hört sich jetzt vielleicht seltsam an, aber: Tanzmusik ist unsere große Liebe.

Nick McCarthy, 38
Der Gitarrist und Songautor (im Bild links außen) gründete gemeinsam mit Sänger Alex Kapranos (ganz rechts) 2002 die schottische Band Franz Ferdinand. Auf ihrem vierten Album "Right Thoughts, Right Words, Right Action“ changieren Franz Ferdinand zwischen gefälligem Indie-Disco-Pop, Motown-Rock und eingestreuten Streicher-Arrangements. Live wird die Band am 15. August beim Frequency Festival in St. Pölten zu hören sein.