Mohammeds Mordbrigade

Nigeria wird von einer radikalislamischen Sekte terrorisiert – der Boko Haram. Ein Lokalaugenschein in der Hochburg der unheimlichen Schattenarmee.

Von Johannes Dieterich, Maiduguri/Nigeria

Der Spuk dauert nur wenige Minuten. Als aus dem Slum jenseits der Baga-Straße Schüsse gellen, lassen die Händler in den Holzbuden ihre Waren fallen, Taxifahrer drücken die Gaspedale ihrer klapprigen Karossen durch, panikartig suchen Passanten Schutz hinter nahe gelegenen Mauern. Für eine kurze Weile liegt die Hauptstraße von Maiduguri an diesem Sonntagmorgen wie ausgestorben da – doch schon wenig später geht das Leben weiter wie zuvor.

Der Bananenmann bietet die Früchte an, die er auf dem Kopf balanciert, ein ­Taxifahrer nimmt neue Passagiere auf. Nur der pensionierte Polizist, den unbekannte Schützen hinter den Holzbuden im Slum dieses Mal erwischt haben, steht nicht mehr auf. Alltag in Maiduguri, der tödlichsten Stadt Afrikas.

„Maiduguri ist ein Kriegsgebiet“ , sagt ­Abubakar, während er aus der Deckung seiner am Rand der Straße gelegenen Sandsackstellung steigt. Als Agent der Sicherheitskräfte soll Abubakar den Stadtteil Jajeri bewachen – und das macht ihn selbst zum Ziel.

Schon monatelang findet der Mann im Trainingsanzug keine Ruhe mehr, nicht einmal nachts. Seit Unbekannte sein Haus angezündet haben, fürchtet er, dass es ihm so ergehen könnte wie jenen elf seiner Kollegen, die in den vergangenen Monaten umgebracht wurden.

Tag für Tag wird das im äußersten Nordosten Nigerias gelegene Maiduguri von neuen Gewalttaten heimgesucht. Kürzlich überfielen Bewaffnete den Baga-Markt und richteten ein Blutbad an, weil ein Fischhändler angeblich einen von ihnen an die Behörden verraten hatte. Vor zwei Tagen sprengten sich drei Männer beim Bombenbasteln selber in die Luft, und erst in der vorangegangenen Nacht wurden zwei Dunkelmänner von Soldaten erschossen, als sie eine Schule anzünden wollten.

„Sie sind mitten unter uns“, sagt Abu­bakar. Er meint die Verantwortlichen für all diese Gräuel: „Sie haben keine Uniform und kein Gesicht. Keiner kann sie erkennen.“
Sie: Das sind die Mitglieder der radikal­islamischen Sekte Boko Haram, die im Norden Nigerias Angst und Schrecken verbreiten. Und was hier in Maiduguri vor sich geht, droht das ganze Land in den Abgrund zu stürzen.
Denn längst hat der Spuk auch auf andere Teile des mit 150 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichsten afrikanischen Staats übergegriffen. In der Hauptstadt Abuja jagten Bomber, die anscheinend mit den Phantomkillern unter einer Decke stecken, Mitte des vergangenen Jahres das Hauptquartier der Vereinten Nationen in die Luft. Zu Weihnachten kartätschten Kämpfer der Schattenarmee Christen während des Gottesdiensts in ihren Kirchen nieder. Und einen Monat später organisierten sie einen generalstabsmäßig geplanten Angriff gegen den Staat: In Kano, der zweitgrößten Stadt Nigerias, attackierten mehr als 100 Aufrührer Polizeistationen. Beim folgenden Gemetzel, an dem weitere 900 indirekt beteiligt gewesen sein sollen, kamen mehr als 200 Menschen ums Leben. Spätestens seit diesem Vorfall herrscht unter den Politikern und Intellektuellen des Landes Panik. Kolumnisten sagen der halb muslimischen, halb christlichen Nation einen Religionskrieg voraus, mancher Experte sieht den Vielvölkerstaat bereits auseinanderbrechen.
Die Suche nach der Identität der Phantomkiller bringt aberwitzige Verschwörungstheorien hervor: Honorige Universitätsprofessoren machen die USA für die Destabilisierung des zehntgrößten Erdölproduzenten der Welt verantwortlich, andere sehen Terrorgruppen wie die somalische Al Schabab oder gar Al Kaida am Werk. Selbst die Regierung gehe inzwischen eher von äußeren als von inneren Feinden aus, sagt ein Diplomat: je weiter weg die Schuldigen zu suchen sind, desto besser. Nordnigerianer schauen nach Süden und Südnigerianer nach Norden, um die Hintermänner des Mordens auszumachen. Nur nach Maiduguri schaut keiner – womöglich, weil das zu gefährlich ist.

Dabei hat hier alles angefangen, auf einem Gelände in der Nähe des Bahnhofs, wo heute nur noch zwei Trümmerhaufen und ein halbes Dutzend ausgebrannter Fahrzeuge zu sehen sind. Hier standen einst Moschee und Wohnhaus des Sektengründers Mohammed Jusuf, dessen Anhänger vor wenigen Jahren noch mühelos zu erkennen waren. Sie trugen lange Bärte und Hosen, die über den Knöcheln endeten. Um den Kopf hatten sie Tücher zu Turbanen gebunden. Sie nannten sich „Jamaatu Ahlis Sunna Liddaawati Wal-Jihad“ (Menschen, die der Verbreitung der Lehre des Propheten und des Heiligen Krieges verpflichtet sind).

Doch weil der arabische Name viel zu kompliziert ist, wurden sie von allen nur Boko Haram genannt. Das heißt so viel wie: „Westliche Erziehung ist Sünde“ – eine Anspielung auf ihre Ablehnung staatlicher Schulen, in denen westliche Konzepte wie die Evolutionstheorie, Zinssätze oder die Errungenschaften der Französischen Revolution unterrichtet werden. Die Sektenmitglieder schicken ihre Kinder stattdessen auf muslimische Madrassen, wo im Wesentlichen nur der Koran auf dem Lehrplan steht.
Unmittelbar nach ihrer Gründung im Jahr 2003 genoss die Sekte enormen Zulauf. Auch Ahmad Salkida fühlte sich von Boko Haram angezogen: Der Sohn christlicher Eltern war bereits zuvor zum Islam übergetreten – aus „Abenteuerlust“, wie er heute sagt. Für die islamischen Fundamentalisten war Salkida ein Juwel. Der blitzgescheite Junge hatte die weiterführende Schule abgebrochen; trotzdem wurde er zu einem landesweit bekannten Journalisten. „Mohammed Jusuf wollte an meinem Beispiel zeigen, dass man auch ohne Schulabschluss erfolgreich sein kann“, sagt Salkida beim Treffen auf dem Universitätsgelände in Maiduguri: „Er liebte meine Geschichten und versuchte, mich zum Beitritt zu überreden.“ Allerdings habe er abgelehnt, versichert der schmächtige 37-Jährige mit dem wachen Gesicht. Er wisse jedoch sehr wohl um die Attraktivität der Sekte, deren Gründer er noch heute respektvoll den „Martin Luther King von Maiduguri“ nennt.

Denn der charismatische Mohammed Jusuf habe sich nicht nur um das spirituelle Wohl seiner Jünger gekümmert, fährt Salkida fort. Vielmehr habe der begüterte Grundbesitzer den Sektenmitgliedern das auf seiner Farm geerntete Gemüse zum halben Preis angeboten und ein Mikrokreditsystem organisiert, mit dem selbst arme Schlucker zu etwas Geld kommen konnten.

Jusufs Lehre nach war Arbeitslosigkeit unislamisch: Ein gottesfürchtiger Führer müsse alles tun, um seinem Volk Beschäftigung zu verschaffen. Der Sektenchef ging in seinen Freitagspredigten hart mit der Provinzregierung ins Gericht; diese schere sich einen Dreck um das Wohl der Bevölkerung, pflegte Jusuf zu toben.

Derartige Töne und die Tatsache, dass die zu diesem Zeitpunkt bereits auf eine halbe Million Mitglieder angewachsene Gruppe auch paramilitärische Trainingslager betrieb, veranlasste die nervös gewordene Provinzregierung schließlich zum Handeln: Im Juli 2009 schlugen die Sicherheitskräfte zu.
Fast 100 Stunden tobte die Schlacht. So lange brauchten die Soldaten, um den Widerstand der mit hausgemachten Schießprügeln, Molotow-Cocktails, Macheten und sogar Pfeil und Boden bewehrten Sektenmitglieder zu brechen. Erst am vierten Tag drang die Armee schließlich in Jusufs Komplex im Bahnhofsviertel ein. Die Soldaten zündeten Haus und Moschee an und schleiften alles, was danach noch übrig war. Über 100 Leichname von Sektenmitgliedern sollen danach in dem Komplex verstreut gelegen sein. Jusuf selbst wurde – zumindest der ­Legende nach – im Schafstall einer außerhalb der Stadt gelegenen Farm gestellt: Die Soldaten brachten ihn nach Maiduguri und übergaben ihn der Polizei, die ihn in ihrem Hauptquartier in der Jos-Straße ohne Gerichtsverfahren hinrichtete. ­Danach meldeten die Sicherheitskräfte ­triumphierend die Zerschlagung von Boko Haram.

Sie hätten gar nicht falscher liegen können. Denn nach dieser Niederlage wurde die in den Untergrund getriebene Sekte nur noch gefährlicher – und radikalisierte sich zunehmend. Ihre Führung übernahm nun die „Bibliothek“ von Mohammed Jusuf: der mit einem außerordentlichen Gedächtnis ausgestattete Imam Abubaker Shekau, ein radikaler Finsterling und erklärter Al-Kaida-Sympathisant, der angeblich nur eine Koranschule besucht hat.

Schon vor ihrer Zerschlagung in Maiduguri habe Boko Haram in den meisten der zwölf nördlichen Bundesstaaten Nigerias solide Strukturen aufgebaut, will Journalist Salkida wissen: Konzertierte Großangriffe wie jener auf Kano im Jänner überraschten deshalb nur mäßig. Außerdem seien einzelne Sektenmitglieder nach der Konfrontation mit der Armee ins Ausland geflüchtet und hätten dort möglicherweise mit anderen Terrororganisationen Kontakt aufgenommen – etwa mit der Al Kaida im Maghreb, dem nordafrikanischen Zweig des Terrornetzwerks, oder den fundamentalistischen Al-Schabab-Milizen in Somalia.

Khalifa Dikwa ist einer der wenigen, die in Maiduguri über Boko Haram sprechen, ohne die Stimme zu senken und ängstlich über die eigene Schulter zu schauen. „Ich fürchte mich nicht“, sagt der Professor, der jeden Sonntagmorgen im Lokalfernsehen eine Kommentarsendung bestreitet.
Allerdings hat der ausgebildete Linguist aus anderen Gründen Schwierigkeiten, über Boko Haram zu reden: Neben dem Original gebe es inzwischen mindestens sieben Pseudo-Boko-Harams – Trittbrettfahrer, die den Wirbel um die Sekte dazu nutzten, um ihre eigene Agenda zu befördern. Dazu gehörten sowohl organisierte Rauschgiftbanden als auch antiislamische Milizen oder von Politikern bezahlte Schlägertrupps.

Wenn sie wüten, dann dient das auch einem strategischen Zweck: Es soll den hier im Norden Nigerias als Christen verhassten Präsidenten Goodluck Jonathan als unfähig darstellen, für Recht und Ordnung zu sorgen.
Es sei mittlerweile fast ausgeschlossen, angesichts dieser tödlichen Gemengelage den Überblick zu bewahren, sagt der Professor: „Die Situation ist völlig außer Kontrolle geraten.“

Tatsächlich wird die Lage in der Halbwüstenstadt, die zudem unter der schon seit Jahren grassierenden Trockenheit in der Sahelzone leidet, Tag für Tag aussichtsloser. Wer es sich leisten konnte, ist längst weggegangen; wer bleiben musste, ist heute noch schlimmer dran als früher.

Ein ehemaliger Student, der mit seinen Freunden nahe der Universität herumlungert, erzählt, wie er erst seinen Job und dann seinen Ausbildungsplatz an der Universität verlor. Es begann damit, dass Killerkommandos mehrmals von Motorrädern aus zuschlugen – worauf die Polizei diese Fahrzeuge generell verbot. Damit konnte der Student nicht mehr als Motorradtaxifahrer arbeiten und in der Folge auch die Studiengebühren nicht mehr bezahlen.

Jetzt zuckt er nur mit den Schultern, wenn er nach seiner Zukunft gefragt wird. Es sei nur eine Frage der Zeit, meint Journalist Salkida, bis sich junge Männer wie dieser entweder Boko Haram oder einer anderen der geheimen Organisationen anschließen.

Im Krankenhaus von Maiduguri berichtet der Neurologe Musa Watila von immer mehr Fällen von Nierenerkrankungen, die der Trockenheit zuzuschreiben seien, und von Cholera, Typhus und Meningitis, die sich als typische Armutserkrankungen immer weiter verbreiten. Hinzu kämen nun auch die Folgen der dauernden Bedrohung durch Terroranschläge: Depressionen und Psychosen, die Fachleute unter dem Stichwort posttraumatisches Stresssyndrom zusammenfassen. „Das Leben wird von Tag zu Tag miserabler“, sagt der Arzt, der niemanden findet, der seinen seit Monaten defekten Computertomografen reparieren würde, weil sich kein Fachmann mehr nach Maiduguri wagt.

Dass es nicht jedem schlecht geht, ist in der „Government Reserve Area“ zu sehen, einem Stadtviertel Maiduguris, das hochrangigen Politikern und Staatsbeamten vorbehalten ist. Dort hat unter anderen auch der einstige Gouverneur des Bundesstaats Borno, Ali Modu Scheriff, ­seinen Palast errichtet, auf einem über 20.000 Quadratmeter großen Grundstück. Hinter dem vergoldeten Metalltor sind eine eigene Moschee und das mächtige Dach der Hauptvilla auszumachen. Details des Luxuslebens von Ali Modu Scheriff, der sich derzeit aus Sicherheitsgründen in der Hauptstadt Abuja aufhält, bleiben den Blicken von außen verborgen.

Maiduguris politische Führer herrschen wie mittelalterliche Feudalfürsten in ­ihren Palästen, während das Volk um sie herum verhungert. Die Anfrage nach einem Interview lehnt der amtierende Gouverneur, kaum überraschend, ab.

„Unser staatliches System ist durch und durch verrottet“, sagt Journalist Salkida: „Wenn das westliche Modell hier funktionieren würde, wäre Boko Haram niemals so erfolgreich geworden.“

Die Drecksarbeit haben unterdessen die zeitgenössischen Ritterheere zu leisten: Bereitschaftspolizisten und Soldaten, die Maiduguri mit ihren Straßensperren und Sandsackstellungen in eine Besatzungszone verwandelt haben. Ein traditioneller Distriktchef in der Gutschum-Straße, der aus Angst vor Repressalien seinen Namen nicht nennen will, berichtet von einer ­typischen Razzia der Sicherheitskräfte, die auf brutale Gewalt angewiesen seien, weil sie schon lange nicht mehr mit der Kooperation der Bevölkerung rechnen könnten.

Zwei Wochen ist es her, dass Soldaten zu ihm kamen und verlangten, die Namen möglicher Mitglieder von Boko Haram zu nennen. Als er das verweigerte, weil er andernfalls mit blutiger Rache rechnen musste, ließen ihn die Militärs die ganze Nacht gefesselt auf der Straße liegen – während neben ihm ein Schuldirektor verblutete, den sie angeschossen hatten.
Die Hände des 32-jährigen Distriktchefs zittern, als hätte er Parkinson, während er erzählt. „Wir wissen nicht, wen wir mehr fürchten sollen“, sagt er dann – die Killer in Uniform oder diejenigen ohne, von denen die Hölle Maiduguri bevölkert ist.

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