„Österreich unvorbereitet“

Stuart Poole-Robb, Ex-Agent und Chef einer Sicherheitsfirma in London, über die jüngsten Terrorattacken in London und über die Gefahrenlage in Österreich.

Manchmal würde man viel dafür geben, nicht Recht zu behalten. Am 14. April warnte das britische Sicherheitsunternehmen Merchant International Group (MIG), Terroristen würden in London am ehesten die U-Bahn angreifen. Daran musste Thomas Havranek, MIG-Österreich-Geschäftsführer, denken, als er vergangenen Donnerstag in der Liverpool Street aus dem Zug stieg.

Die dort gelegene U-Bahn-Station war abgeriegelt. Zwei Züge seien kollidiert, man kämpfe mit einem Stromausfall, erklärte ein Polizist. Feuerwehrleute, Angehörige einer Spezialeinheit und Beamte des Bombenkommandos konnte Havranek sehen, aber „keinen einzigen Menschen, der ,Energy‘ am Leiberl stehen hatte“. Im Taxi, das den Wiener ins MIG Headquarter brachte, hörte er die Meldung aus dem Radio: Eine Viertelstunde zuvor war in der U-Bahn die erste Bombe explodiert.

Es dauerte eine Weile, bis Havranek es ins MIG Office geschafft hatte. Seine Kollegen waren bereits damit beschäftigt, alle verfügbaren Informationen zusammenzutragen. Um 11.20, rund zwei Stunden nach der ersten Explosion, ging bereits ein „Distant Early Warning“ an die MIG-Kunden hinaus: „London hit by apparent terror attack.“

Sicherheitsanalysen gehören zu den Aufgaben des Unternehmens, das 1982 vom Ex-Agenten Stuart Poole-Robb gegründet wurde und nach eigenen Angaben auf ein Netzwerk aus Anwälten, Wirtschaftsprüfern, Exekutivbeamten, Journalisten, Ex-Geheimdienstlern und Militärangehörigen zurückgreifen kann. Insgesamt rund 3000 Mitarbeiter aus 147 Ländern sollen das Headquarter mit Informationen beliefern. Diese werden dann ausgewertet und gegen gutes Honorar an private Unternehmen verkauft. MIG-Chef Stuart Poole-Robb sprach mit profil über die jüngste Terrorattacke.

profil: Wie viele Leute brauchte es, um die Anschläge auszuführen?
Poole-Robb: Für die Durchführung reichen zwei bis vier Leute. Das Timing lässt aber darauf schließen, dass die Attacken gut geplant wurden. Die G8-Konferenz in Schottland band riesige Polizeikräfte. Das bedeutete, dass Gebiete wie Manchester, Birmingham und London relativ ungeschützt waren.
profil: Halten Sie das Bekennerschreiben im Internet für authentisch?
Poole-Robb: Ja. Es wird zwar schwierig, eine direkte Verbindung zu al-Qa’ida nachzuweisen. Aber wir sind seit Langem davon ausgegangen, dass es in England Schläfer gibt, die darauf warten, Anschläge zu verüben – als Vergeltung für die britischen Soldaten im Irak.
profil: Rechnen Sie mit weiteren Anschlägen?
Poole-Robb: Unserer Erfahrung nach kann es nach so einem Anschlag zu Nachahmungstaten kommen. Wir müssen darauf gefasst sein, dass in England oder anderen Teilen Europas weitere Verkehrsmittel attackiert werden. Das heißt, dass die Polizei noch stärker auf abgestellte Autos oder Taschen achten und gegebenenfalls unter kontrollierten Bedingungen sprengen wird.
profil: Gab es schon früher Attentatsversuche?
Poole-Robb: Ja. Mehr möchte ich dazu nicht sagen. Die Geheimdienste unseres Landes sind extrem sophisticated und vernetzt. Es war nie die Frage, ob es Anschläge geben wird, sondern immer nur, wann.
profil: Waren die Behörden ausreichend vorbereitet?
Poole-Robb: Ich glaube, die Behörden waren sehr gut vorbereitet. Die Krankenhäuser und die Exekutive haben genau so ein Szenario trainiert. Wir hatten diese Probleme ja auch während der IRA-Anschläge.
profil: Wie wahrscheinlich ist ein Terroranschlag in Wien?
Poole-Robb: Ich halte es für unwahrscheinlich, dass Wien jemals zu einem Angriffsziel wird. Österreich ist eher ein Durchzugsland. Aus meiner Sicht wären die Behörden mangels praktischer Erfahrung unvorbereitet auf Anschläge in der Größenordnung von Madrid oder auch nur London und würden sich wahrscheinlich schwer tun, so eine Krise zu meistern. Es ist zu hoffen, dass das nie nötig sein wird. Aber in unserer Arbeit ist es normal, sich auf das Schlimmste einzustellen und das Beste zu hoffen.
profil: Ist das ein wohlmeinender Rat?
Poole-Robb: Ich glaube, dass es eine Verantwortung aller EU-Mitgliedsstaaten gibt, sich auf terroristische Anschläge vorzubereiten. Aus präventiver Sicht füge ich hinzu: Wenn sich in Ihrer Stadt Schläfer oder sonstige Sympathisanten des Terrors aufhalten, haben die Behörden eine Sorgfaltspflicht und alles zu unternehmen, was nötig ist, um Probleme zu verhindern.
profil: Die islamistische Szene in Österreich gilt als gemäßigt.
Poole-Robb: Ja, das habe ich gehört.
profil: Teilen Sie diese Einschätzung?
Poole-Robb: Nein.
profil: Wie lautet Ihre?
Poole-Robb: Dazu sage ich nichts. Ich möchte meine Freunde in Ihrem Land nicht aufbringen. Außerdem möchte ich auch in Zukunft noch gelegentlich in Österreich Schi fahren.

Interwiew: Edith Meinhart

Stuart Poole-Robb* arbeitete im Auftrag der britischen Regierung als Anti-Terror-Experte im Nahen Osten, bevor er 1982 die Merchant International Group (MIG) gründete. Seit vier Jahren ist das Unternehmen auch in Wien vertreten.
*) Foto-Abdruck ist nicht gewünscht.