Österreich als Nr. 1?

Antworten auf die Einwände der Skeptiker.

„Vorurteil stützt die Throne, Unwissenheit die Altäre“
Marie von Ebner-Eschenbach

Die „good news“-Kolumne in profil 45/03 trug den Titel „Österreich als Nr. 1“. Die dort vertretene Hypothese lautete: Österreich ist heute schon die Nummer sieben in der Wohlstandsstatistik, obwohl wir nur in der unsichtbaren Hälfte der Wirtschaft (bei Investitionsgütern) Weltmeister sind. Wären wir auch Weltmeister in der sichtbaren Hälfte (bei Konsumgütern), könnten wir etwa 2020 die Nummer eins sein. Die heute Wohlhabenden würden reich sein. Auch die heute noch Unzufriedenen und Armen würden in einem warmen Vollbad des Wohlstands pritscheln.

Es gab darauf temperamentvolle Reaktionen – pro wie kontra. Interessanter ist natürlich die Kritik, aber auch die Zustimmungen waren nuanciert und lehrreich.

Relativ unerheblich, weil logisch, die Zustimmung aus der größeren Regierungspartei ÖVP. Dort schätzt man natürlich jede Stimme, die Österreich mit Zuversicht besingt. Dergleichen kommt immer den Regierenden zugute. Die Oppositionellen hören lieber Trauerlieder.

Wichtiger schon die verblüffende Existenz von ÖsterreicherInnen, die meinen berüchtigten Optimismus noch übertreffen. Sie finden das Zieljahr 2020 zur Erreichung der Top-Position pessimistisch. „Du hast“, schrieb ein Freund, der sich mit langfristigen demografischen Entwicklungen beschäftigt, „in deiner Begeisterung für die große Reserve Konsumgüter vollkommen vergessen, zwei weitere wichtige Punkte anzuführen, die für eine gute Zukunft Österreichs sprechen.“

Erstens: Der heutige Arbeitsplatzmangel werde schon bald aus demografischen Gründen (weil die geburtenschwachen Jahrgänge wirksam werden) zu einem Arbeitsplatzüberangebot führen. Dies sei zwar theoretisch schlecht für die Wirtschaft, werde aber durch Produktivitätsfortschritte und einen Arbeitskräftezufluss aus den ehemaligen Ostblockstaaten abgefedert. Die besten der Reformländer würden dann schon EU-Status haben. Die ÖsterreicherInnen würden die neuen MitbürgerInnen zunächst zähneknirschend akzeptieren, bald aber lernen, die Vorteile zu begreifen.

Zweitens: die Osterweiterung ganz generell. Kein Land profitiert durch sie wie Österreich. Unsere vielfältigen Geschäfte mit den Reformländern (als Investoren, Bankiers, Händler und einfühlsame Vermittler) werden die hohen Ausgaben als EU-Nettozahler mehrfach hereinspielen.
Ich reiche diese Argumente mit Handkuss nach. Gleichwohl glaube ich nicht, dass wir vor 2020 an die Spitze kommen können. Das hat nichts mit einer Geschlechtsumwandlung vom Optimisten zum Pessimisten zu tun. Sondern damit, dass ich nach dreißig Jahren Wirtschaftsjournalismus weiß, wie dünn die Luft an der Spitze der Nationalökonomien ist. Über der Baumgrenze wird jeder Schritt mühsam. Außerdem, realistisch gesehen: Die Wahrscheinlichkeit, wirklich ganz nach oben zu kommen und die Nummer eins zu werden, ist verdammt klein. Eher konvertieren Jörg Haider und seine Freunde zum jüdischen Glauben. Im Kampf um die obersten Spitzenplätze gibt es auch eine „economy of scale“ – einen Vorteil der ganz großen Staaten. Aber es wäre schon toll, eines Tages die Schweiz zu überholen – eine Idee, die noch vor zwanzig Jahren reiner Wahnsinn gewesen wäre. Die Schweizer Unternehmer leiden unter der Nicht-EU-Mitgliedschaft und dem Würgegriff enger, provinzieller Populisten.

Nun zu den Kritikern, die schon unsere heutige Wohlstandsposition (Nummer sieben in der Welt, Nummer fünf in Europa) als statistische Lüge bezeichnen, zumindest aber jeden weiteren Aufstieg für unmöglich halten. Eines ihrer Argumente lautet: Wir haben die lähmendste Bürokratie der Welt. Haben wir? Subjektiv ja. Jedem Österreicher werden durch bürokratische Schikanen zehn Lebensjahre geraubt. Nur: Wer sagt denn, dass es anderen Ländern besser geht? Eher im Gegenteil. Bundespräsident Rudolf Kirchschläger sagte mir einst: „Ich verrate Ihnen etwas, was Sie besser nicht schreiben sollten. Man wird Sie sonst für geisteskrank halten. Aber ich empfange jede Woche ausländische Delegationen, die Österreichs effiziente Verwaltung studieren wollen. Das sind keineswegs nur Abgeordnete aus Italien und Griechenland, sondern auch aus Deutschland, der Schweiz und Kanada. Wir haben speziell in den oberen Rängen ganz hervorragende Beamte.“ Kirchschläger könnte sich heute bestätigt fühlen: Nirgendwo geht die bürgerfreundliche Online-Verwaltung by Internet so zügig voran wie in Österreich.

Ein zweites Argument der Kritiker lautet: Mit diesen Steuersätzen kann man nicht weiterkommen. Auch da nickt man gern. Das Leid, als Spitzenverdiener 50 Prozent Einkommensteuer zu zahlen, ist Monat für Monat ein unermesslicher Schmerz. Nur gilt auch hier: Das kennen auch die Bürger anderer Länder (Süditalien vielleicht ausgenommen, wo 50 Prozent aller Arbeit schwarz erledigt wird, und natürlich Monaco und Andorra, die aber keine industrielle Konkurrenz sind). Leider tut sich selbst die rechte Koalition schwer, die Unternehmer zügiger zu entlasten – die einfachste Möglichkeit, indirekt die Einkommen aller zu erhöhen. Nur: Einiges ging auch hier wenigstens halbherzig weiter (etwa bei der Besteuerung nicht entnommener Gewinne), und man kennt deutsche Unternehmer, die bereits lieber in Österreich wären – nicht nur als Touristen.

Nach diesem Strickmuster kann man alle Punkte der Kritiker abhaken: Österreichs ärgerliche Schwächen haben die anderen Länder auch. Unsere Stärken aber haben wir für uns allein. Es gibt daher keinen Grund, dem Optimismus der letzten Kolumne, in der von diesen Stärken die Rede war, abzuschwören.