Österreich zieht seine Truppen aus dem Tschad ab: Die Krise bleibt

Zwei Jahre nach Beginn der humanitären Inter­vention im Tschad zieht Europa seine Truppen aus dem Grenzgebiet zu Darfur ab. Zurück bleibt eine schwachbrüstige UN-Mission – und ein Notfall, der zur Dauereinrichtung wird.

Gleich hinter dem orangefarbenen Seil, das die Soldaten über die Sandpiste gespannt haben, gilt nur noch eines: das Recht des Stärkeren. Das Seil gehört zu einem Checkpoint der tschadischen Armee am Stadtrand von Abéché, die Piste führt nach Osten, in Richtung Sudan. Wer sie nimmt, sollte gute Gründe haben, ein schnelles Fahrzeug und eine Waffe, um sich zu verteidigen. Und er sollte sich keine Hoffnung machen, dass ihm im Notfall irgendjemand zu Hilfe kommt. Einer der Soldaten erhebt sich aus dem Schatten des Baumes, unter dem er gelegen ist, wirft hinter der Sonnenbrille einen gelangweilten Blick in den Wagen und lässt das Seil herunter. „Das hier ist Indianerland“, sagt der Fahrer, ein Hauptmann des österreichischen Bundesheeres, und gibt Gas, ohne sich um die Schlaglöcher zu kümmern.

Abéché liegt weit im Osten des Tschad in der Provinz Ouaddai, ein staubiges Nest, das rund 100.000 Einwohner, 400 Haushalte mit Stromanschluss und ein halbes Dutzend Moscheen hat.
In nahezu regelmäßigen Abständen tauchen hier Rebellen auf, die sich am Weg in die Hauptstadt N’Djamena befinden, um Diktator Idriss Déby zu stürzen.

Über Jahrhunderte war Abéché einer der wichtigsten Umschlagplätze für Schmuggelwaren in der Sahel-Zone und eine Hochburg des Sklavenhandels – Ersteres ist sie unbestritten heute noch, Zweiteres offenbar auch. Die Eisenwarenhändler, die man hinter den Garküchen mit den gebratenen Schafsköpfen und den gesottenen Heuschrecken am Markt findet, haben jedenfalls nicht nur Messer, Macheten und Speerspitzen im Angebot. Sie führen auch aus Baustahl geschmiedete Hand- und Fußfesseln im Angebot, das Paar um 2000 tschadische Francs, umgerechnet 2,80 Euro.

Seit Anfang 2008 ist die Stadt aber noch etwas: Schauplatz einer groß angelegten, internationalen Militäroperation mit humanitärem Hintergrund.
Die Vereinten Nationen verfolgen hier ein ambitioniertes Ziel. Sie wollen eine Krisenregion stabilisieren, die so groß ist wie halb Mitteleuropa, in der es keine asphaltierten Straßen gibt und kaum Wasser, dafür aber ein undurchschaubares Gewirr an politischen, ethnischen, ökonomischen und ökologischen Bruchlinien: die sudanesische Region Darfur, in der seit 2003 mehrere hunderttausend Menschen durch kriegerische Auseinandersetzungen und ihre Folgen ums Leben gekommen sind – und die im Tschad gelegene Provinz Ouaddai, in die sich aus genau diesem Grund hunderttausende Darfuris geflüchtet haben.

Im Nordwesten des Sudan gibt es dafür seit 2008 eine Blauhelmmission namens ­Unamid (United Nations African Union Mission in Darfur), im Osten des Tschad nunmehr die Minurcat (United Nations Mission in the Central African Republic and Chad).

Zelte sacken in sich zusammen, Gabelstapler jonglieren mit Frachtcontainern, eine Hercules mit österreichischem Hoheitsabzeichen rollt grollend von der Landebahn zu ihrer Parkposition. Anfang 2008 waren die ersten Soldaten aus Österreich nach Abéché gekommen – damals als Teil einer 3200 Mann starken Einsatzgruppe der EU. Die Mission Eufor Tschad/RCA, die sich auch auf Teile der angrenzenden Zentralafrikanischen Republik erstreckte, sollte als Überbrückung bis zum Eintreffen der Blauhelme in der Region dienen. Ihr Hauptziel war es, Mitarbeiter von Hilfsorganisationen vor Übergriffen bewaffneter Banden zu beschützen und so die Versorgung der Flüchtlinge zu ermöglichen.

Auf einen schwierigeren Einsatz hatte sich das Bundesheer zuvor noch nie eingelassen: nicht nur, weil die Entscheidung, an einer Militärmission in Afrika teilzunehmen, in Österreich zunächst für einen mittleren Volksaufstand sorgte – sondern auch aufgrund der kniffligen Umstände.
Aber letztlich ist alles gut gegangen: Nach knapp zwei Jahren zieht das Bundesheer aus Afrika ab. Von den insgesamt 325 Soldaten und vier Soldatinnen, die über zwei Jahre verteilt im Tschad waren, sind inzwischen bis auf eine kleine Nachhut alle wieder wohlbehalten zu Hause.

Die EU hat sich bedankt, die UNO ebenfalls, für den internationalen Ruf Österreichs war die Mission – professionell und weitgehend problemlos abgewickelt – von Nutzen. Bei der Bewerbung um einen prestigereichen Sitz im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen ebenfalls. Jetzt verlassen nicht nur die Österreicher den Tschad, sondern auch die meisten anderen europäischen Nationen. Die Franzosen haben ihr Camp bereits weitgehend abgebaut. Die Polen rücken in Kürze ab, die Norweger übergeben das Spital, das sie am Flughafen betreiben, im Mai an die Russen. Bleiben die Iren und die Finnen.

Und die Krise.
Noch immer leben im Osten des Tschad rund eine halbe Million Flüchtlinge und Vertriebene. Noch immer ist an ihre Rückkehr in die Heimat nicht zu denken. Noch immer sind sie, die Bevölkerung des Landes und die Hilfsorganisationen das Ziel von Übergriffen durch bewaffnete Banden. Statt besser zu werden, verschlechtert sich die Lage. Das sagen Hilfsorganisationen und Militärs in seltener Übereinstimmung.
Nur die Sprachregelung der UN lautet anders.

Viele hier trauern den Zeiten der Eufor nach, die als mobile, flexible Einsatztruppe konzipiert war und vorwiegend aus Spezialeinheiten – darunter auch Soldaten des österreichischen Jagdkommandos – bestand.
Sie verlegten sich darauf, möglichst viele Patrouillen in der Umgebung der Flüchtlingslager und entlang der wichtigsten Straßenverbindungen durchzuführen und dabei gegenüber mutmaßlichen Banditen möglichst martialisch aufzutreten. „Der Eufor-Einsatz war militärisch ein unbestreitbarer Erfolg. Mit den europäischen Soldaten wollte sich keiner anlegen, dazu hatten die Kriminellen viel zu viel Respekt“, sagt Oberst Herbert Haller, Kommandant des letzten österreichischen Tschad-Kontingents, das aus einer Transportkompanie bestand.

Und die Situation heute? „Wieder ziemlich ähnlich wie Anfang 2008, vor Beginn des Eufor-Einsatzes – es herrscht große Unsicherheit aufgrund von bewaffneten Raubüberfällen.“ Das gilt sowohl für Flüchtlingscamps als auch für die offene Straße. Wendepunkt war ein Fall im Mai 2008, bei dem Banditen einen NGO-Mitarbeiter ermordeten, der nicht sofort auf ihre Forderungen eingegangen war. Es sprach sich rasch herum, dass die Helfer daraufhin vereinbart hatten, sich bei Überfällen nicht mehr zu wehren – sie waren somit allgemein als „weiche Ziele“ bekannt und entsprechend beliebte Beute.

Seit Neuestem kommt es zudem zu Entführungen – ein Phänomen, das sich bisher auf Darfur beschränkt hat. „Die Sicherheitslage ist sehr viel schlechter geworden“, sagt auch Annette Rehrl, Sprecherin des UN-Flüchtlingshochkommissariats (UNHCR) im Tschad. Das liege aber auch daran, dass die örtlichen Behörden nichts unternehmen würden, um Banditen und Kidnapper zu verfolgen, selbst wenn deren Namen bekannt seien.

Am Appellplatz vor dem Hauptquartier der UN in Abéché ist die Welt offiziell nicht nur in Ordnung – sie ist auch in einer beeindruckenden Vielfalt versammelt. Zierliche Pakistani salutieren vor wuchtigen Senegalesen, blässliche Russen plaudern mit dunklen Mongolen. Es gibt Togolesen und Nepalesen, Inder und Bangladeschi, Norweger und Iren und sogar Amerikaner von der US Navy. Insgesamt sind über 30 Nationen an der Mission beteiligt. Im vergangenen März übergab die EU das Kommando im Tschad plangemäß an die UN, aus der Mission Eufor Tschad/RCA wurde Minurcat. Das war allerdings so ziemlich das Einzige, was seither reibungslos funktioniert.

Aber Brigadegeneral Gerald Aherne, stellvertretender Minurcat-Kommandant, ist ein Profi. Deshalb würde er die Probleme, die seine Truppe hat, nie als solche bezeichnen. Sondern maximal als Herausforderungen. Nach fast zehn Monaten haben es die Vereinten Nationen gerade einmal geschafft, die Hälfte der zugesagten 5200 Blauhelme in den Tschad zu bringen. Im nördlichen Sektor des Einsatzgebietes sollen die Polen eigentlich von 800 Mongolen abgelöst werden. Bis vergangene Woche waren allerdings nur 100 aufgetaucht. Im zentralen Sektor beschützen sich 300 Ghanesen vorwiegend selbst, auch sie sollten eigentlich 800 Mann stark sein. Vor ein paar Tagen wurden ihnen zwar 80 Nepalesen zur Verstärkung geschickt. Mehr geht jedoch nicht, weil auch Nepal, das eigentlich die Reserve der Minurcat stellen soll, um 500 Blauhelme zu wenig in den Tschad abkommandiert hat.

Was Aherne darüber wirklich denkt – er sagt nur so viel: „Natürlich würden wir zusätzliche Kräfte begrüßen. Aber die Entwicklung geht in die richtige Richtung. Wenn die Truppenentsendungen in den nächsten zwei Monaten wie geplant erfolgen, können wir zuversichtlich sein, so viele Soldaten zu haben wie geplant und nötig.“ Deutlicher wird da schon Oberst Haller, der nach dem Abzug des Bundesheers weiterhin im Stab der Blauhelmmission tätig sein wird. „Es hat in New York Planungsfehler gegeben. Man hat übersehen, dass europäische Staaten ihre Truppen abziehen, dadurch entstand ein Loch“, sagt er. „Minurcat hat momentan bei Weitem nicht die Effektivität, die sie eigentlich haben sollte. Das kann sie bei erst 52 Prozent der vorgesehenen Truppenstärke aber auch nicht.“

Dafür herrscht absolut kein Mangel an Meetings und Briefings, Assessments und Evaluations. Der Tross ist dabei, sich auf unabsehbare Zeit in seinem Hauptquartier am Rand des Flughafens von Abéché einzurichten. Und das heißt: Erst einmal muss die Verwaltung funktionieren. Draußen, vor dem Camp, lassen sich Blauhelme aus Personalmangel vorerst allerdings vergleichsweise selten blicken. Und den Flüchtlingslagern, die sie beschützen sollen, dürfen sie sich ohne Sondergenehmigung nicht weiter nähern als zehn Kilometer. Innerhalb dieses Bannkreises soll nämlich die DIS (Détachement intégré de sécurité), eine mit UN-Hilfe gegründete tschadische Polizeitruppe zweifelhafter Reputation, für Sicherheit sorgen.

Wer am Weg von Abéché Richtung sudanesische Grenze nicht überfallen und ausgeraubt wurde, erreicht nach etwa 70 Kilometern Gaga – 600 Einwohner, eine Autostunde von der sudanesischen Grenze entfernt. Gleich nach dem Ortsende zweigt eine ­Piste nach Nordosten ab, zum Flüchtlingslager: Die rund 19.000 Menschen, die hier leben, sind Kriegsvertriebene aus Darfur, um die sich das UNHCR kümmert. In den vergangenen zehn Monaten ist ihre Zahl kaum gestiegen. Das Aufnahmeregister des Camps verzeichnet in dieser Zeit lediglich 312 Neuzugänge.

Berichte sprechen davon, dass sich die Lage in Darfur halbwegs normalisiert habe, dass besetzt geglaubte Dörfer in Wirklichkeit leer stehen würden. Dass es möglich sei zurückzukehren. Die Flüchtlinge schenken dem allerdings keinen Glauben: Sie haben Angst, und sie wollen bleiben. Es ist schwer, ihnen das zu verdenken. Aus dem Flüchtlingslager Gaga ist inzwischen eine Stadt geworden, sehr einfach, aber weitaus besser organisiert als jede andere Ansiedelung in der Umgebung.

Hier gibt es eine Schule, einen Markt und eine kleine Klinik mit Geburtenstation, in der pro Monat 100 bis 120 Babys zur Welt kommen. Die Kindersterblichkeit liegt bei 0,5 Prozent. Jeder registrierte Flüchtling hat Anspruch auf 15 Liter Trinkwasser und 2200 Kalorien Nahrung pro Tag, und das funktioniert im Großen und Ganzen auch. Am Rand der Siedlung liegen Lehmziegel zum Trocknen auf. Es wird gebaut. Und die Ratsversammlung der Flüchtlinge scheut sich auch nicht, Wünsche kundzutun: längere Zeiten für die Entnahme von Trinkwasser aus dem Leitungssystem des Camps. Mehr Ärzte für die Klinik des Lagers. Weiterbildungsmöglichkeiten nach dem Pflichtschulabschluss. Und, ach ja: Die Lebensmittelversorgung sei grundsätzlich in Ordnung, es fehlten aber Gewürze zur Abrundung.
„Die Rücksiedelung der Flüchtlinge, das große Ziel, hat bis dato nicht stattgefunden“, konstatiert Oberst Haller. „Dafür gibt es einen ganz einfachen Grund. Es geht ihnen in den Camps bei Weitem besser als in ihren Heimatdörfern.“

UNHCR-Sprecherin Annette Rehrl hört derlei nicht so gerne: „Eine Rückkehr nach Darfur ist unmöglich“, sagt sie. „Wenn es eine Lösung für die Krise hier gibt, dann muss sie politisch zwischen dem Tschad und dem Sudan ausgehandelt werden.“

Colonel Mahamat Souar, Kommandant des 5. Tschadischen Militärbezirks, schmal, dunkel, misstrauisch, nimmt einen Schluck Tee und einen tiefen Zug aus seiner Zigarette. In der Ecke seines Büros lehnt ein halbes Dutzend Kalaschnikows, daneben steht ein zerwühltes Bett. Ein ruhiger Tag ist das heute. Die Tanklaster, mit Tarnfarben lackierte Ungetüme, parken draußen im Hof der Kaserne von Abéché, und das heißt: Keine Gefechte sind im Gang, sonst würden sie nämlich mit Treibstofflieferungen für die Panzerfahrzeuge durch die Gegend brausen. Sehr junge Soldaten lungern in den Kolonaden der Mannschaftsgebäude herum, die noch aus der französischen Kolonialzeit stammen. Ein Pickup-Truck brettert durch das Tor, auf der Ladefläche ein Dutzend Soldaten, an den Seiten des Fahrerhauses ganze Büschel von raketengetriebenen Granaten. Der Feldkommandant, der hinter dem Lenkrad sitzt, springt ab, umarmt einen Offizier und eilt in das Büro des Colonels, um Meldung zu machen.

Colonel Souar ist jetzt 49, seit 30 Jahren dient er in der Armee. „Ich habe in 35 Schlachten gekämpft“, sagt er. „Dass es hier immer noch Krieg gibt, liegt am Sudan. Er hat sich noch nie an Vereinbarungen gehalten. Jetzt organisiert er auch noch Räuber, um den Konflikt am Leben zu erhalten.“
Aber wird der tschadischen Armee nicht auch unterstellt, Raubüberfälle zu begehen? Und unterstützt nicht auch der Tschad Rebellen, die gegen den Sudan kämpfen?

Die Augen von Colonel Souar werden zu dünnen Schlitzen, er quält sich ein rasiermessersüßes Lächeln ab: „Es gibt keine sudanesischen Rebellen im Sudan. Nur Flüchtlinge“, sagt er dann. „Wir wollen den Frieden. Aber er ist unmöglich, wenn ihn alle anderen nicht wollen.“ Hinter ihm hängt ein Plakat, das Präsident Idriss Déby im Kampfanzug zeigt. Er ist umgeben von Soldaten mit Waffen in der Hand. Sie jubeln dem Diktator zu.