Oleg Deripaska: Der Enkel des Panzerfahrers

Ein Großvater des Milliardärs liegt am russischen Friedhof in Laa an der Thaya. Nun will ihm sein Enkel eine Gedenkstätte errichten lassen.

Ende April 1945, an einem der allerletzten Kriegstage, war der Mann als Panzerfahrer mit der Roten Armee aus der damaligen Tschechoslowakei kommend auf Laa an der Thaya im Weinviertel vorgerückt. Im Bereich des Mitterhofes und des Rothenseehofes im Osten der Stadt wurden die paar verbliebenen Panzer der deutschen Wehrmacht zum letzten Mal angeworfen, um ein bisschen Widerstand zu leisten. Heute gilt die darauf folgende „Schlacht“ als kleinere Auseinandersetzung, in deren Folge 100 Soldaten der Roten Armee auf dem russischen Friedhof von Laa an der Thaya beerdigt wurden.

Ganz hinten links am vorletzten Grab des respektvoll gepflegten, mit roten Sternen versehenen Soldatenfriedhofs stand bis vor Kurzem noch ein halb geleertes Glas mit Wodka, das sich nun wohl in der Obhut eines Souvenirjägers befindet. Oleg Deripaska, der mit seinen 39 Jahren einen beruflichen Aufstieg hinter sich hat, der aus der Sicht von 1945 unvorstellbar gewesen wäre, hat hier vor drei Wochen einen Wodka auf seinen Großvater gehoben. Der liegt mit anderen Gefallenen in diesem Grab. Dabei hat Oleg, wie die Tradition es wünscht, die Hälfte des Inhalts für den Verblichenen zurückgelassen. Der Großvater wäre stolz gewesen auf diesen Enkel.

Hoher Besuch. Anfang August des vergangenen Jahres war ein Hubschrauber am Hundeabrichteplatz in Laa an der Thaya gelandet. Oleg Deripaska, 17 Milliarden Euro schwerer Putin-Freund und Aluminiummagnat, stand viele Minuten gesenkten Hauptes am Grab seines Großvaters, bevor er wieder entschwand. Die Informationen über den Verbleib des alten Kämpfers dürfte er aus russischen Archiven bezogen haben, vermutet Manfred Fass, Bürgermeister von Laa an der Thaya. Denn „in der Gemeinde war darüber nichts bekannt“. Auch nicht der Name des Großvaters, der jedenfalls nicht Deripaska laute. Fass vermutet daher, dass es sich um den Großvater mütterlicherseits handeln müsse.

Einige Wochen nach dem ersten Besuch meldete sich Deripaskas in Zypern niedergelassene Firma „Meisen“ und bekundete Interesse am Kauf des 400 Quadratmeter großen, direkt neben dem Friedhof gelegenen Grundstücks sowie eines alten, unbewohnten Hauses daneben. Die Ausländer-Grundverkehrskommission hatte nichts einzuwenden, und so wechselte der Grund aus dem Gemeindebesitz um handelsübliche 16 Euro pro Quadratmeter den Besitzer. Der Verwendungszweck: eine Gedächtnisstätte für den Großvater und seine Kameraden.

Vor drei Wochen nun, als der Enkel des gefallenen Panzerfahrers seinen Freund Wladimir Putin nach Wien begleitete, schwebte er wieder über Laa an der Thaya ein. Diesmal wurde ihm das Sportzentrum als Landeplatz zugewiesen, und der Bürgermeister informierte nur enge Mitarbeiter vom hohen Besuch, „weil wir dadurch ja auch ein Sicherheitsproblem haben“. Diesmal kam Deripaska in einem Hubschrauber der Firma Magna, wo er seit Kurzem Miteigentümer ist. Jetzt war auch der Architekt dabei, der die Gedenkstätte plant. Nach Minuten der Andacht und nach einem halben Glas Wodka wurde das Bauprojekt besprochen: Es solle kein Mausoleum, sondern eher eine Kapelle werden, die sich stilistisch an die katholische Kirche anlehnt, die gegenüber am Friedhof der Einheimischen steht. Danach saß Deripaska 35 Minuten beim entspannten Gespräch im Büro des Bürgermeisters. Fass ist von der „Bescheidenheit und Höflichkeit dieses Herrn“ tief beeindruckt. Der Bürgermeister: „Er ist ein sehr sympathischer, nachdenklicher Mensch, der großen Wert auf Höflichkeit legt und auf gute Beziehungen zwischen Russland und Österreich.“ Deripaska habe sich in gewinnender Weise über Laa an der Thaya erkundigt und seinerseits offen Auskunft gegeben. Fass: „Nur auf die Frage nach dem Krieg schien er sentimental zu werden, sodass ich nicht weiter bohren wollte.“ Fass zeigt sich auch von Deripaskas sensiblem Umgang mit seinem Großvater angetan, den er gar nicht gekannt haben kann, weil er mehr als 20 Jahre nach seinem Tod geboren wurde.

Wenige Tage nach dem Besuch habe sich Deripaska schriftlich für den freundlichen Empfang bedankt und die Übermittlung der Baupläne für die Kapelle sowie einen weiteren Besuch angekündigt. Der Bürgermeister ist angetan vom neuen Freund der Gemeinde. Der Bürgermeister ist es auch, der als Baubehörde über die zur Bewilligung eingereichten Baupläne für die Gedenkstätte zu entscheiden haben wird. Doch da braucht sich Oleg wohl keine ernsthaften Sorgen zu machen. Der Bürgermeister ist nun sein Freund.

Von Emil Bobi