Der ORF und ein 40.000 Quadratmeter großes Problem

Die SPÖ Wien kämpft weiter für einen Umzug des ORF nach St. Marx. Scheitert das Projekt, platzt auch der Traum von einem vorzeigbaren Medienzentrum.

Die Pressekonferenz des Bürgermeisters ist ein Ritual. Jeden Dienstag treffen sich die immer gleichen Journalisten kurz nach elf Uhr vor dem Steinsaal im Wiener Rathaus. Man labt sich am Buffet, plaudert und tauscht den neuesten Hauptstadtklatsch aus. Um halb zwölf erscheint dann Michael Häupl, üblicherweise begleitet von einem Mitglied seines Stadtrats, und bittet zur Audienz. Vordergründig geht es stets um irgendein Sachthema der Wiener Politik, aber hauptsächlich kommen die Journalisten, um dem Bürgermeister ein paar bärbeißige Sager zu entlocken. Das ist für gewöhnlich eine leichte Übung; Häupl hat es bekanntlich nicht so mit der Höflichkeit.

In letzter Zeit stand die Debatte um den ORF-Standort ziemlich oft auf der Agenda: "Irgendwann werden sie sich ja wohl entscheiden müssen, und zwar demnächst. Das dauert, mit Verlaub, schon lange genug“, grummelte Häupl vor ein paar Wochen. Am Dienstag vergangener Woche legte er nach: "Es ist eine Chimäre, dass ich mir wünsche, dass der ORF nach St. Marx zieht. Aber für den ORF wäre es gut.“ Sollte der ORF auf dem Küniglberg bleiben, wäre das auch kein Beinbruch: "Es gibt unzählige Angebote für das Grundstück.“ Trotzdem sah sich Häupl veranlasst, etwas Werbung zu machen. Die günstigen Konditionen, die eigentlich nur bis Ende Juni gelten sollten, blieben bestehen, versprach der Bürgermeister.

Natürlich ist es der Stadt Wien überhaupt nicht egal, ob der ORF mit Sack und Pack in den dritten Bezirk zieht oder auf dem Küniglberg bleibt. Das 37 Hektar große Areal des ehemaligen Schlachthofs St. Marx im dritten Wiener Gemeindebezirk wurde in den vergangenen Jahren mit viel Geld zu einem Medien- und Technologiezentrum hochgerüstet. Der ORF sollte das Herzstück von "Neu Marx“ werden. Doch die Signale vom Küniglberg waren zuletzt nicht ermutigend. Der Stiftungsrat dürfte, wie es jetzt aussieht, einem Neubau nicht zustimmen. Und ohne Österreichs größtes Medienunternehmen klafft auf dem Gelände nicht nur im wörtlichen Sinn ein riesiges Loch.

Mittwochnachmittag der Vorwoche in St. Marx:
Das Wetter eignet sich eher nicht für eine Baustellenbesichtigung. Der Wind pfeift in Sturmstärke durch die Gassen, zwischendurch regnet es immer wieder. In 73 Unternehmen und Institutionen arbeiten derzeit schon rund 6000 Menschen, 15.000 sollen es irgendwann sein. An Tagen wie diesen werden sie sich besonders über die bescheidene öffentliche Verkehrsanbindung ihres Dienstorts ärgern. Die U3 umfährt St. Marx großräumig, von den zwei nächstgelegenen Stationen sind es etwa zehn Minuten Fußmarsch. Irgendwann soll die U2 bis hierher erweitert werden, heißt es. Aber fix ist das nicht.

In der denkmalgeschützten ehemaligen Rinderhalle wird es eines Tages Geschäfte und Lokale geben. Wer jetzt schon eine Wurstsemmel kaufen möchte, muss einen ausgedehnten Spaziergang auf sich nehmen. Dafür sind die Bürogebäude nagelneu und architektonisch durchaus ansprechend. Mit etwas Fantasie kann man sich vorstellen, dass es in St. Marx richtig nett wird. Demnächst ziehen die "Wiener Zeitung“ und der Privatsender Puls 4 ein - wieder ein paar hundert Leute mehr, die Leben in das Grätzel bringen.

Doch von vielen Büros aus sieht man den Schandfleck der Gegend: das 40.000 Quadratmeter große Brachland zwischen Karl-Farkas-Gasse und Hermine-Jursa-Gasse. Früher stand hier die Halle des Fleischmarkts; seit deren Abriss ist die Fläche für den ORF reserviert. Es gebe aber natürlich einen Plan B für den Fall, dass der ORF ausfällt, sagt Monika Freiberger, Geschäftsführerin der Wiener Stadtentwicklungsgesellschaft (WSE). "Wir haben Interessenten in petto. Das ist ein großartiges Grundstück in zentraler Lage mit guter Verkehrsanbindung. Da muss man sich keine Sorgen machen.“ Der Fokus werde in diesem Fall auf Unternehmen aus dem Technologiebereich liegen.

Mag sein, dass sich die kahle Stelle füllen lässt. Aber der Plan der Wiener Regierung, in St. Marx einen auch international beachteten Medienstandort zu schaffen, wäre geplatzt. Ebenfalls erledigt hätte sich die Hoffnung der anderen Mieter, mit dem ORF einen potenten Geschäftspartner zu bekommen. Außerdem gibt es in Wien schon jetzt einen erheblichen Leerstand bei Büroräumlichkeiten. Die Preise stagnierten in den vergangenen Jahren. Ganz so einfach ist es derzeit nicht, ein riesiges Gewerbegrundstück gewinnbringend zu vermarkten.

Direkt vom Brachland in St. Marx sieht man auf die Gasometer-City, ein anderes Prestigeprojekt der Stadt - und ein ganz schlechtes Vorbild: Wie ein im Herbst 2011 fertiggestellter Rechnungshofbericht konstatiert, war das Vergnügungs- und Einkaufszentrum im Erdgeschoß der Wohntürme schon fast pleite und konnte nur durch einen Schuldenerlass und Subventionen vor der Insolvenz gerettet werden. Noch so einen Flop kann sich die finanziell ohnehin klamme Wiener Regierung nicht leisten.

Wie wichtig ein Erfolg in St. Marx für die SPÖ wäre, zeigt der Umstand, dass die Causa sogar Niederschlag im Wahlprogramm 2010 fand. "Der ORF soll von St. Marx - dem besten Medienstandort der Stadt - aus senden“, heißt es darin. Als im Sommer 2011 die Wiederwahl von Alexander Wrabetz als ORF-Chef anstand, soll Michael Häupl seine Unterstützung von einem Umzug nach St. Marx abhängig gemacht haben. Beweise für diesen Deal gibt es zwar nicht, ernsthaft dementiert wurde das Gemauschel aber auch nie.

Erklären würde dieser Hintergrund das seltsame Verhalten von Alexander Wrabetz in der Standortfrage. Der ORF-Chef spricht sich zwar für einen Umzug nach St. Marx aus, lieferte den Stiftungsräten aber bisher keine eindeutigen Argumente dafür. Drei Berechnungen über die zu erwartenden Kosten wiesen zweimal St. Marx als teuerste Variante aus. "Die Signale der ORF-Führung waren einfach zu zwiespältig“, kritisierte der SP-nahe Stiftungsrat Norbert Kettner vor Kurzem.

Wrabetz gilt nicht als knallharter Entscheider. Gut möglich, dass er einfach versucht, das leidige Umzugsproblem in aller Freundlichkeit niederzuadministrieren.

Am 28. Juni findet die nächste Sitzung des Stiftungsrats statt, einen Nottermin könnte es noch am 12. Juli geben. Schwarze und blaue Stiftungsräte dürften gegen den Umzug stimmen, auch die fünf Vertreter des Betriebsrats sind dagegen. Dem Vernehmen nach hat Alexander Wrabetz derzeit nicht einmal unter seinen Direktoren eine Mehrheit für sein Projekt.

Die Option auf das Grundstück in St. Marx läuft noch bis Jahresende. Wenigstens das ist ein Geschäft für die Stadt: Der ORF zahlt dafür pro Jahr eine Viertelmillion Euro.