Papst Franziskus: Schwulenfreundliche Katholiken, homophobe Orthodoxe

„Wer bin ich, über sie zu urteilen?”: gegenüber Homosexuellen mehr, Kreml-Chef Wladimir Putin lässt hingegen vermehrt strafrechtlich urteilen.

Die katholische Lehre, gemäß der praktizierte gleichgeschlechtliche Liebe Sünde ist, gilt natürlich weiter. Und doch hat Papst Franziskus mit seinen jüngsten Äußerungen Furore gemacht: "Wenn eine Person schwul ist und guten Glaubens den Herrn sucht - wer bin ich, ihn zu verurteilen?“, sagte der Pontifex auf dem Rückflug vom Weltjugendtag in Brasilien. Eine Untersuchung des Pew Research Center zeigt nun, dass der aus Argentinien stammende katholische Oberhirte sich mit dieser erstaunlich lockeren Art, Homosexualität anzusprechen, im Einklang mit den Gläubigen seines Heimatkontinents befindet: Klare Mehrheiten der lateinamerikanischen Katholiken sind der Meinung, dass "Homosexualität von der Gesellschaft akzeptiert werden soll“. Nicht nur das: In fast allen Ländern Süd- und Mittelamerikas sind die Katholiken in dieser Frage liberaler als ihre nicht-katholischen Landsleute. Ein ähnliches Bild in Nordamerika: 64 Prozent der US-Katholiken, aber nur 54 Prozent der übrigen Bevölkerung treten für die Akzeptanz der Homosexualität durch die Gesellschaft ein. Und immer mehr lateinamerikanische Staaten (allen voran Brasilien, Argentinien, Uruguay) führen die Homo-Ehe ein.

Die Legalisierung gleichgeschlechtlicher Verbindungen sei "ein sehr gefährliches apokalyptisches Symptom“, wetterte hingegen kürzlich Patriarch Kirill, der Führer der russisch-orthodoxen Kirche: "Denn das bedeutet, dass das Volk den Pfad der Selbstzerstörung einschlägt.“

„Homosexuellen-Propaganda”
Welcher Kontrast! Während die lateinischen Christen und der Westen insgesamt in rebus sexualibus immer liberaler werden, hat Russland den Rückwärtsgang eingelegt. Nicht zuletzt unter dem Einfluss der Orthodoxie hat Kremlherr Wladimir Putin Anfang Juli dieses Jahres von der Duma, dem russischen Parlament, ein Gesetz gegen "Homosexuellen-Propaganda“ verabschieden lassen. Jede Thematisierung gleichgeschlechtlicher Liebe ist damit faktisch strafbar. Putin weiß dabei das Volk auf seiner Seite: Zwei Drittel der Russen sind für das Gesetz. Und nach einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Lewada wächst in Russland die Ablehnung von Schwulen und Lesben. Erschreckend: 43 Prozent der Befragten sind entweder für eine "Zwangsheilung“ (22 Prozent), für "Isolierung“ (16 Prozent) oder sogar "Liquidierung“ (5 Prozent). Diese Werte sind im Vergleich zu früheren Studien gestiegen. Nach heftigen Protesten aus dem Ausland verkündete Moskau zunächst, dass das Anti-Schwulen-Gesetz während der Olympischen Spiele in Sotschi 2014 ausgesetzt werden soll - nahm das allerdings wenig später wieder zurück.