Pervers heißt verdreht

Richard Picker, Psychotherapeut und Theologe, über das Bild des katholischen Glaubens in der St. Pöltner Krise.

Der Taxifahrer fragte mich, warum ich so spät noch zum ORF auf den Wiener Küniglberg hinaufwolle. Als er hörte, es ginge um das Seminar St. Pölten und dass man im Grunde auf den Papst warte, der dort eingreifen müsste, sagte er: „Wer da noch einen Papst braucht, ist schon daneben. Die einfache menschliche Anständigkeit weiß, was zu tun ist!“

Frage: Was würde denn die „einfache menschliche Anständigkeit“ auf folgende Sätze antworten:
– „Ich wusste von nichts und kann für nichts etwas dafür, bin aber trotzdem verantwortlich.“
„Das Foto vom Zungenkuss?“
– „Muss man interpretieren.“
„Und das Foto von der Hand am Hosentürl?“
– „Kann man auch interpretieren, weil kein Penis sichtbar ist.“

Derartige Versatzstücke einer Diskussion zeigen ihre Verdrehung. Bischof Krenn steht unter großem Druck. Ihn jetzt medial zu konfrontieren heißt auf einen bedrohlichen Zug aufspringen. Ihn aber jetzt nicht zu konfrontieren heißt weiter herumreden, bis den Kinderporno-Opfern wieder nicht geholfen und die Kirche Österreichs abermals in eine destruktive Sackgasse für Jahre hineinbetoniert wird.
Deshalb: Selbst ein „natürlich Anständiger“ würde sofort zurücktreten. Da braucht der Papst nicht bemüht zu werden. „Man weiß doch, was man zu tun hat.“ Bischof Krenn ist sichtlich nicht imstande, das Problem zu lösen. Er kann es gesundheitlich nicht, er kann es auch aus der rechtlichen Struktur seines Glaubensverständnisses nicht. Sein Stil zerbröselt nicht nur die Diskussion in „Kreuz und Quer“ aus der Vorwoche, sondern natürlich alle Gespräche, in denen er den Ton angibt.

„Wir wissen sowieso: Die Kirche hat den Sex verdrängt!“, sagte der Taxler. Das stimmt indirekt, denn das alte, antike Weltbild konnte „das Fleisch“ und die Materie nicht schätzen. Aber es ist seit 1500 Jahren längst überholt – der Taxler redet da gar nicht mehr darüber. Ihm wird fad. Seine Lebenszeit ist dafür zu kostbar. Nur zur Erinnerung: Wir wissen heute, dass Frauen Eierstöcke haben, dass Würmer nicht aus Schlamm entstehen und dass Sexualität nicht nur zur Zeugung, sondern auch zum liebevollen, mitmenschlichen Kontakt da ist. Der Taxler – und „jeder anständige Mensch“ in seiner Diktion – weiß auch, dass der Mensch ein Paarwesen ist und nicht ein Mönch, „kein Einzelner“. Deshalb ist die lebenslange sexuelle Enthaltsamkeit – die Zölibat genannt wird – keine gute Voraussetzung für den Priesterberuf. Er verpflichtet zu einem sexuell vollkommen enthaltsamen Leben. Lebenslänglich. Ohne Tricks. Die grausam verdrängte Erotik rächt sich in den Tiefen der Seele. Denn Sex und Eros haben etwas mit Liebe zu tun. Und die Liebe, „die ist Gott und ist der Mensch und die Welt!“, sagen die Mystiker und die Heiligen vieler Religionen.

Die „natürliche Anständigkeit“ weiß klarerweise auch, dass es eine geglückte Ehelosigkeit geben kann, dass nichts auf der Welt nur schwarz oder nur weiß zu nennen ist. Trotzdem geht es ihr nicht um irgendwelche spirituellen Kraftakte, sondern um Glaube, Hoffnung und Liebe. Ohne erotische Entfaltung gibt es keine Gefühlsentfaltung, also auch keine Fähigkeit zur Gottes- und Nächstenliebe. Es stimmt sicher, dass auch der Zölibat ein Ausdruck der Liebe sein kann. Aber ebenso stimmt es, dass man nicht deswegen schon Gott liebt, weil man keinen Menschen lieben (darf).

Also muss der Zölibat freigestellt werden. Wer ihn leben will – zeitweise oder für immer –, der soll das tun. Aber wer ihn nur per Verdrängung leben kann, der soll das schleunigst überdenken. Sonst baut er an einer emotionalen Rutschbahn, die alle labileren Menschen gefährdet. Der Männerbund Klerus produzierte rings um sich doch stets auch ein krankes Milieu der Leugnung, der Heuchelei. Und das geht eben nicht, wenn man Frauen ausschließt und den Klerus in einen spirituellen Männerbund verwandelt, der eine „lange Tradition“ im eleganten Leugnen, Vertuschen und Ablenken von Skandalen und Problemen entwickelt, weil er sie immer weniger lösen konnte. Aus der Knabenliebe der Antike ist die kriminelle und mörderische Internetpädophilie der Gegenwart geworden, die mit Videos von tausenden vermarkteten Kinderkörpern angeheizt wird.

Was im St. Pöltner Seminar fotografisch dokumentiert ist – Zungenkuss und Penisgrabschen –, ist Sexualität unter Erwachsenen und daher strafrechtlich irrelevant. Geht den Staat nichts an. Wohl aber die Kirche.

Innerkirchlich ist das Verhalten der Seminarvorstehung klerikale Heuchelei im höchsten Ausmaß. Heuchelei macht auch dann krank, wenn das Strafgesetz nicht eingreifen muss. Die Wahrheit ist nämlich, dass Menschen eben nicht nur „Männer“ sind, sondern Männer und Frauen, ein Paarwesen. Muss das jemand verdrängen, wird jemand sexsüchtig und dazu noch ins Mörderische pervertiert, so wartet unter dem Passwort „Priester“ der Computer im St. Pöltner Seminar.

Man sagt, Bischof Krenn habe geweint, als er davon erfuhr und erfasste, was da passiert war.

Falls das zutrifft, wäre das sein erster Schritt der Einsicht gewesen.