Peter Kern: „Ich habe gar nichts bewirkt“

Der Schauspieler, Autor und Regisseur Peter Kern über seine Kinowunder-Skepsis, die Totalabschaffung der Filmförderung und den Porträtfilm „Kern“.

profil: Sie gehen in dem Film „Kern“ von Anfang an auf Konfrontationskurs mit dem Regie-Duo Veronika Franz und Severin Fiala. Ist die Streitkultur Ihre Arbeitsgrundlage?
Kern: Keineswegs. In meiner Arbeit ist die genaue Vorbereitung alles. Man muss, gerade wenn man Low-Budget-Filme macht, die Professionalität jedes Details – jedes Wort, jedes Motiv, jeden Kamera­schwenk – akribisch überprüfen. Und meinem Team, insbesondere meinen Schauspielern, die ja oft ohne Honorar arbeiten müssen, begegne ich mit immenser Liebe und Umarmung. Mit Macht und Drohung geht da gar nichts.

profil: Josef Hader, mit dem Sie „Diamantenfieber“ gedreht haben, hat für Sie nur lobende Worte parat.
Kern: Hader ist eine Wunderperson. Er hat sich in dem schwersten aller Fächer, dem Kabarett, im Alleingang durchgesetzt. Gegen alle Intriganten, Neider und Apparatschiks. Auf einem Niveau, das niemand sonst hat.

profil: Woher nehmen Sie die Energie, seit drei Jahrzehnten für kein Geld einen Film nach dem anderen zu drehen?
Kern: Gut dotierte Filme kann man nur alle vier oder fünf Jahre drehen, weil der Finanzierungsprozess so lange braucht. Und dadurch sind unsere Politiker geschützt: Es gibt ja so gut wie keine politischen Filme in diesem Land. Ich finde, das geht nicht. Als mich Peter Zadek 2001 an die Burg holte, habe ich mich in meiner Ruhelosigkeit sofort an die Arbeit gemacht – und die Politsatire „Haider lebt“ gedreht.

profil: Aber wieder fast ohne Geld. Ist das nicht leidvoll, auf Dauer so zu arbeiten?
Kern: Das ist das größte Leid, das man sich vorstellen kann. Denn man wird nur runtergemacht in dieser Gesellschaft, für die Kunstwerke, die nichts gekostet haben, auch nichts wert sind. Damit wird Kultur der Marktwirtschaft gleichgestellt. Jeder Film, den ich mache, ist Teil meines Lebens, meines Herzens, meiner Sehnsüchte. Lange dachte ich, ich könne mit meinen Filmen die Welt verändern. So ein Volltrottel war ich! Unlängst fiel mir auf, dass ich gar nichts bewirkt habe. Ich bin übrigens dafür, sämtliche Filmförderungen mit einem Schlag abzuschaffen! Das wäre heilsam für das Kino. Dann würden nur noch jene Filme entstehen, die wirklich entstehen müssen.

profil: Im Rahmen des österreichischen Kinowunders sind Sie Außenseiter geblieben – aber aus der Szene auch nicht mehr wegzudenken. Wie sehen Sie die Branche?
Kern: Das so genannte Kinowunder ist nichts als ein großer Irrtum. Da werden konventionelle, rückschrittliche Erzählweisen gepflegt und Filme nur noch an Marketingstrategien angepasst. Wir alle sind Gefangene eines Systems der ästhetischen Mittelmäßigkeit. Weil es aber kaum noch Kinos gibt, die riskantere Filme zeigen, hat man sich eine zweite Schiene gebaut, die noch gefährlicher ist als der angepasste Kinonormalbetrieb, weil in ihr Korruption und Machtmissbrauch blühen: Diese Schiene heißt „Filmfestival“.

profil: In „Kern“ scheinen Sie nur eine Rolle zu spielen: den grantigen Star, der auf die Zudringlichkeit seiner Regisseure mit Bosheit reagiert. Ist das noch ein Dokumentarfilm?
Kern: Da kamen zwei liebe Menschen an, die mich porträtieren wollten, bei mir daheim in der Großfeldsiedlung. Und dann filmten mich die aus allen falschen Ecken und fuchtelten mit der Kamera herum. Meine Kritik an den Filmemachern ist ernst gemeint. Irgendwann sagte Veronika Franz sogar zu mir: „Jetzt koch’ einmal.“ Das fand ich echt obszön. Ich meine, was hätte Billy Wilder gesagt, wenn ihn Dokumentaristen darum gebeten hätten, für den Film doch schnell einmal ein Gulasch zuzubereiten? Der hätte denen eine Pfanne aufgesetzt.

profil: „Kern“ war also keine gute Erfahrung für Sie?
Kern: Doch, doch. Es war beim Drehen unglaublich lustig, denn Frau Franz hat einen Humor, der sagenhaft ist. Deshalb bin ich dieser Frau auch hörig. Aber sagen wir so: Der Film bringt einem nicht unbedingt mein filmisches Werk näher, sondern nur einen traurigen Menschen.

profil: In „Kern“ erklären Sie abschließend maliziös, dass Sie nur gelogen hätten, dass man über den wahren Peter Kern einen ganzen Film lang nichts in Erfahrung bringen konnte. Sind Sie nie ganz Sie selbst?
Kern: Ich bin immer ich selbst. Nur jener, der mich anders sehen will, muss ­herausfinden, was da Wahrheit ist und was Erfindung. Wenn ich sage, dass ich nur gelogen hätte, so ist das natürlich auch eine Lüge. In seinem Pathos ist das ja absurd, aber ich mag den Satz, denn er hebt alles Vorhergehende auf. Das Leben besteht eben aus Irritationen.

Zur Person
Peter Kern, 64, beachtet die Geschmacksgebote der bürgerlichen Welt nicht. Seit rund 30 Jahren dreht er unaufhörlich Low- und No-Budget-Spielfilme. Schauspieler wie Helmut Berger und Josef Hader schwärmen von ihm, für Fassbinder, Syberberg und Schlingensief hat Kern gespielt, nun tritt er in einem ebenso amüsanten wie ausgefuchsten Film auf, der exklusiv um ihn kreist: „Kern“ (Regie: Veronika Franz und Severin Fiala) setzt sich, höchst selbstreflexiv, mit einem streitbaren Künstler auseinander – und mit der Frage, wo im dokumentarischen Kino die Fiktion beginnt.