Phantomschmerz: Nach Uranbohrungen
fürchtet sich eine Gemeinde vor Spätfolgen

Fast 40 Jahre nach Probebohrungen erfuhr der Bürgermeister von Treglwang, dass sein Ort mit Uran kontaminiert sein könnte. In der Gemeinde macht sich Angst breit.

Sein erster Gedanke war, das müsse ein Bosheitsakt sein, den man nicht ernst zu nehmen brauche. Das Schreiben, das Johann Grössing, Bürgermeister der kleinen steirischen Gemeinde Treglwang am Schoberpass, in Händen hielt, hatte vergangene Woche ihn und zwei weitere Treglwanger erreicht. Als Absender war die Heilsarmee Deutschland angegeben, der Inhalt reichlich „obskur“, gibt Grössing zu.

Demnach sollen vor fast 40 Jahren in der Nähe der steirischen Ortschaft „enorme Uranerzvorkommen“ gefunden worden sein, bei den Probebohrungen wenig später hätten die Nadeln der damals schon „längst veralteten Messgeräte“ ausgeschlagen, den anwesenden Studenten der Montanuniversität Leoben sei geraten worden, bei Regen Unterschlupf zu suchen. Später sollen die Bohrlöcher nicht ordnungsgemäß versiegelt und so das Umland kontaminiert worden sein. Unzählige Menschen würden in Zukunft an Krebs erkranken.

„Wenn es nicht um die Gesundheit der Gemeindebürger gegangen wäre, hätte ich den Zettel einfach weggeschmissen“, sagt Grössing. So aber bat er seinen Sohn zu recherchieren. Und siehe da, die Bohrungen hatte es in den siebziger Jahren tatsächlich gegeben. Experten gehen aber nicht davon aus, dass es in der Folge zu Gesundheitsschäden gekommen ist.

Grössing schaltete dennoch die Staatsanwaltschaft ein.

„Ich war in den Siebzigern zwar noch nicht Bürgermeister, saß aber schon im Gemeinderat. Von geologischen Untersuchungen habe ich nie etwas gehört“, erzählt er. „Jetzt will ich es genau wissen.“

Der Antwortbrief der Montanuni Leoben, die er vergangene Woche um Informationen zu den damaligen Uran-Untersuchungen gebeten hatte, konnte den Bürgermeister nicht beruhigen: Rektor Wolfhard Wegscheider bestätigte die Explorationen, eine Gefährdung für Leib und Leben habe es damals aber wohl nicht gegeben, „doch muss die fachliche Beurteilung einem Mediziner überlassen werden“.

Nicht an die große Glocke
Gegenüber profil wird Wegscheider deutlicher: „In der Gegend gibt es Uran, das etwa durch Regen ausgeschwemmt werden kann – unabhängig von der Untersuchung. Dass jene damals von den Auftraggebern nicht an die große Glocke gehängt worden ist, kann ich mir durchaus vorstellen. Nicht aber, dass es durch die Bohrungen Gesundheitsschäden gab. Als Chemiker habe ich mir in dem Schreiben jedoch nicht angemaßt, eine medizinische Expertise abzugeben.“

In der Geologischen Bundesanstalt in Wien glaubt man nicht, dass der Wohnort Treglwang gesundheitsschädlich ist. „Die Bohrungen waren ja nicht tief, die wirbeln nicht genug Dreck auf, um krebserregend zu sein“, meint auch der Wiener Geologe Johann Hellerschmidt-Alber. Er war selbst zwei Jahre bei den Bohrungen an der Landesgrenze zwischen Salzburg und der Steiermark dabei. 1982 wurde der Uranbergbau in der Gegend gänzlich eingestellt: Sogar in der nahe gelegenen Forstau, wo die Vorkommen am größten waren, lohnte der Uranabbau nicht: „Die Halden wurden geräumt, die Stollen versiegelt.“

Genau das zweifelt das anonyme Schreiben jedoch an. Einige Treglwanger sind deshalb beunruhigt: Manche Aussagen, die sie früher nicht beachtet hatten, bekommen nun eine Bedeutung. Vor einigen Jahren wurde etwa überlegt, eine Asphaltfabrik nahe dem Schoberpass zu bauen. Als manche Bürger dagegen protestierten, wurde ihnen von Bergleuten lapidar entgegengehalten: „Bei der Belastung bei euch ist das auch schon wurscht.“

Jeder Krebstote wird nun auf die Goldwaage gelegt. Ob es tatsächlich mehr als in anderen Gemeinden sind, weiß aber nicht einmal Bürgermeister Grössing. Er wartet auf die Antwortschreiben der Bergbaubehörde Leoben, des Wirtschaftsministeriums und der Staatsanwaltschaft. Was Grössing macht, wenn ein medizinisches Gutachten eine Verseuchung seiner Gemeinde feststellt, weiß er nicht. Die auftraggebenden Firmen von damals gibt es schon lange nicht mehr.