Plötzlich Königin: Sabine Haag, die neue Leiterin des Kunsthistorischen Museums

Das Kunsthistorische Museum hat erstmals eine Chefin: Völlig überraschend ging Sabine Haag im Vorjahr aus der Ausschreibung als Siegerin hervor. Nun verwaltet sie den wertvollsten Kunstschatz der Republik. profil sah ihr dabei einige Tage lang zu.

Mittwoch, 7. Jänner 2009. In den Gängen des Kunsthistorischen Museums (KHM) ist es ruhig, die Büros sind wie ausgestorben. Nur wenige Mitarbeiter sind heute zur Arbeit erschienen. Es ist noch immer Urlaubszeit und – wetterbedingt – Krankenstandszeit. Ab und zu klingelt ein vergessenes Handy, eine Sekretärin unterhält sich, sichtlich entspannt, am Telefon.

Seit einer Woche amtiert Sabine Haag , 46, als Chefin eines der größten und imperialsten Museen der Welt, zu dem neben dem Prachtbau am Burgring noch ein halbes Dutzend anderer Standorte gehören. Die Kunsthistorikerin, die bis vor Kurzem nur Insidern ein Begriff war, herrscht über das KHM, das Völkerkundemuseum am Heldenplatz, das Schloss Ambras bei Innsbruck, die Wagenburg, den Theseustempel und das Wiener Theatermuseum. Über 400 Mitarbeiter sind Haag, die im vergangenen Juni als Siegerin aus der Ausschreibung hervorging, unterstellt.

Noch residiert die Nachfolgerin von Wilfried Seipel in ihrem alten Büro im ersten Stock des rund 150 Jahre alten Historismus-Baus, bald wird sie in die imposante General­direktion im Hochparterre übersiedeln. Ihr altes Zimmer, nicht allzu groß, mit Sitzgarnitur, Kasten, Bücherregal und Schreibtisch alles andere als pompös eingerichtet, ist weder pedantisch aufgeräumt noch chaotisch überladen. Private Gegenstände haben hier keinen Platz, nur ein paar Pflanzen. Der Feiertags-Schlendrian hat von Haag keinen Besitz ergriffen: Ihre momentane Grundstimmung ist die Euphorie. „Die Leitung des Kunsthistorischen Museums ist ein Lebenstraum“, erklärte sie unlängst im ORF. „Es gibt keinen besseren Job.“

An diesem Nachmittag hält sie mit den drei anwesenden Mitarbeitern der Kunstkammer, die sie seit 2007 leitet, den all-wöchentlichen Jour fixe ab, bei dem hochfliegende Pläne ebenso besprochen werden wie alltägliche Kleinigkeiten. Ihr Ton ist freundschaftlich, die Stimmung gelöst, es wird gescherzt. Herrschte Wilfried Seipel im Haus wie ein alter Patriarch, zieht mit Sabine Haag nicht nur erstmals eine Frau, sondern eine andere Unternehmenskultur in die Führungsetage ein: Sie sinniert zwei, drei Sekunden lang, scheint kurz ins Leere zu blicken – dann stimmt sie den Vorschlägen ihrer Mitarbeiter ohne weitere Debatte zu. Thema erledigt, nächster Tagesordnungspunkt.

Von der Kollegin wurde sie für die Mitarbeiter des Hauses, buchstäblich über Nacht, zur Chefin. Am 11. Juni gab Kulturministerin Claudia Schmied völlig überraschend bekannt, sich nicht für einen prominenten Ausstellungsmacher wie Max Hollein entschieden zu haben. Am wenigsten hatte Haag, die seit ihrem Studienabschluss 1990 im KHM arbeitet, mit ihrer Designierung gerechnet. Schmied hatte bereits ausführliche Gespräche mit den anderen Kandidaten abgewickelt – bis sie Anfang Juni auf Haag aufmerksam wurde, mit ihr redete und ihr, innerhalb weniger Tage, einen der begehrtesten Jobs der Museumswelt anbot. Erst kurz vor der Pressekonferenz erfuhren die KHM-Angestellten von Haags neuem Job – spontane Freudenkundgebungen sind überliefert.

Dabei hat es durchaus Tradition , dass Haag, im Unterschied zu ihrem Vorgänger Wilfried Seipel (einer der Kustoden nennt ihn süffisant den „ehemaligen Allmächtigen“), direkt aus dem Haus rekrutiert wurde: Fast alle Direktoren hatten vor ihrer Bestellung zum Generaldirektor im Haus gearbeitet. Auch an mangelndem Durchsetzungsvermögen den ehemaligen Kollegen gegenüber fehlt es Haag nicht. „Ich bin verpflichtet, Entscheidungen zu treffen und auch manchmal ein Machtwort zu sprechen. Das liegt in meiner Verantwortung“, erklärt die neue Direktorin resolut. Nachsatz: „Ich bin mir auch sicher, dass meine Mitarbeiter das von mir erwarten.“

Gegenentwurf. Der Kurswechsel am Kunsthistorischen Museum hätte wohl kaum radikaler ausfallen können: Sabine Haags Bestellung ist der Gegenentwurf zu Wilfried Seipels 18 Amtsjahren. Während Seipel über beste Kontakte in die Wiener Gesellschaft verfügte, glänzte Haag bislang kaum am Society-Parkett; während Seipel sein politisches Naheverhältnis zur ÖVP offen pflegte, hält sich Haag mit politischen Statements entschieden zurück; während Seipel auf spektakuläre Blockbuster-Ausstellungen setzte, will Haag die Sammlung ins Zentrum des Publikumsinteresses rücken.

Womit nicht mehr zu rechnen ist: Werbekampagnen, wie sie Wilfried Seipel etwa anlässlich der Fußballeuropameisterschaft im Vorjahr lancierte. Auf den Plakaten war unter dem Titel „Die schönsten Fankurven der Welt“ ein Akt des italienischen Renaissancekünstlers Correggio zu sehen; geworben wurde mit dem Sujet für ein vergünstigtes „Ladies Ticket“. Doch selbst der giftige Grünton, der derzeit noch die Marketinglinie des KHM dominiert, ist Haag zu schreiend – sie wird die Farbe durch ein gedämpftes Weiß ersetzen: Diese passe besser zur Identität des Hauses.

„Er hat zwar von den Mitarbeitern viel verlangt, aber zu wenig nachhaltig agiert“, kritisiert Haag ihren Vorgänger nur vage. „Die schönsten Vorgaben nutzen nichts, wenn sie nicht eingefordert werden.“ Sie will die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Abteilungen des Museums verbessern, „Initiativen aus den Sammlungen heraus“ forcieren, verstärkt im Haus präsent sein – womit sie sich vom reisefreudigen Seipel ebenfalls unterscheidet. Bis vor Kurzem leitete Sabine Haag als Chefin der Kunstkammer ein 19-köpfiges Team. Nun steht sie der Belegschaft eines Großbetriebs vor. Rund 180 ihrer Mitarbeiter erscheinen am Mittwoch der Vorwoche zu Haags betriebsinterner Antrittsrede im Bassano-Saal des Kunsthistorischen Museums. Der Termin um 8.30 Uhr – für den Kulturbetrieb nahezu exzentrisch früh – hat die Kustoden, Verwaltungskräfte und Restauratoren offensichtlich ebenso wenig abgeschreckt wie die eisigen Außentemperaturen. Mit einem derart hohen Interesse hat selbst Haag nicht gerechnet. Weitere Stühle müssen herangeschafft werden.

Herzensangelegenheit. Im Saal herrscht gespannte Aufmerksamkeit, als Haag, in schlichtem, aber elegantem schwarzem Kostüm und spitzen schwarzen Stiefeln, das Podium betritt. Die gebürtige Vorarlbergerin spricht frei, souverän, als hätte sie ihr Leben lang nichts anderes getan. Ein Showmaster ist Haag freilich nicht: Sie gestikuliert sparsam und verhalten. Reserviertes Gelächter ertönt, als sie sich einen kleinen Scherz erlaubt, um Bedenken zu zerstreuen, dass sie in ihrer Doppelfunktion als Generaldirektorin und Chefin der Kunstkammer ihre eigene Abteilung gegenüber den anderen bevorzugen könnte: „Zu den eigenen Kindern ist man besonders streng.“

Dabei ist die Wiedereröffnung der seit 2002 gesperrten Kunstkammer eine Herzensangelegenheit Haags: Die Sanierungs- und Umbauarbeiten bis Ende 2011 abzuschließen sei ihr „ein ganz großes Anliegen“. Von Ministerin Schmied habe sie „eindeutige Signale“ erhalten. Von sicheren Zusagen ist jedoch nicht die Rede.

Schon Seipel bemühte sich vergeblich um die nötigen Gelder für das Großprojekt. Für die Neuaufstellung der Kunst­kammer, deren Objekte einen legendären Ruf in der Kunstwelt besitzen (siehe Kasten), benötigt das Kunsthistorische Museum 17 Millionen Euro, „sechs Millionen Baukosten, zehn Millionen Einrichtungskosten und eine für die Sicherheit“, wie Haag ausführt. In ihrem Arbeitszimmer liegt ein detaillierter Zeitplan für das Vorhaben – die Absiedlung der Büros, Baubewilligungen und Ausschreibungen, die Sanierung von Fenstern und Böden, die Installation der Elektrik sowie die Aufstellung der Vitrinen. Sobald das Ministerium die Gelder bewillige, könne mit dem Bau begonnen werden. „Ich bin mir sicher, dass die Ministerin mich nicht deswegen ernannt hat, weil sie hofft, dass ich nichts einfordern werde“, sagt Haag.

Ihre Nominierung durch die SPÖ-Ministerin war durchaus umstritten: Im Ausschreibungstext wurde von potenziellen Kandidaten der „Nachweis der erfolgreichen wirtschaftlichen und organisatorischen Führung eines Museums oder einer vergleichbaren Kulturinstitution“ ebenso eingefordert wie Erfahrung im Umgang mit Sponsoren, der Öffentlichkeit und den Medien. Haag kann weder das eine noch das andere vorweisen, was Schmied prompt Kritik eintrug – und eine 114 Punkte umfassende parlamentarische Anfrage des damaligen ÖVP-Kultursprechers Franz Morak.

Ungebremst. Haag und Schmied haben ein herzliches Verhältnis zueinander. Von Schmieds Idee, Kindern und Jugendlichen freien Eintritt in die Museen zu gewähren, zeigt sich Haag angetan und berichtet zufrieden, dass Schmied ihr Kommen für das Open House am 24. Jänner zugesagt habe. Leise Kritik an Schmieds Amtsführung meldete Haag erst einmal an – als sie die Kulturagenden im Regierungsabkommen als „viel zu vage“ bezeichnete (profil 49/2008).

Kaum ist der Applaus für ihre morgendliche Rede verhallt, eilt Haag zurück in ihr Büro. Pünktlich ist sie an Ort und Stelle – im Gegensatz zu zwei Mitarbeitern, die erst nach geraumer Zeit erscheinen. Dabei muss man doch noch dringend darüber reden, wie die Sammlung des Hauses mehr Aufmerksamkeit erhalten, wie die einzelnen Abteilungen besser miteinander kooperieren, wie man mit den knappen Budgetmitteln auskommen könne. Haag, die ungebremste Euphorikerin, hat keine Zeit zu verlieren.

Haag ist – im Unterschied zu ihren Wiener Kollegen – kein Ego-Shooter, sondern eine konsequente Arbeiterin. Ihre fast mädchenhaft wirkende Begeisterung unterscheidet sich vom polternden Auftreten ihres Kollegen Peter Noever, dem Direktor des Museums für Angewandte Kunst; sie ist, bei aller Stilsicherheit in Auftreten und Kleidung, weit entfernt vom Glamour der Belvedere-Chefin Agnes Husslein oder der exzentrischen Selbstinszenierung von Kunsthallen-Direktor Gerald Matt; ihre entschlossen-forsche Art hat mit dem jovialen Habitus ihres Vorgängers ebenso wenig zu tun wie mit dem markigen Auftreten von Albertina-Chef Klaus Albrecht Schröder.

Sabine Haag steht nicht für Blockbuster und Rundumerneuerung; sie steht für Konsolidierung. Sie will die wertvollen Bestände ihres Hauses lieber hüten, als sie quer über den Globus zu schicken, die Zahl der publikumsträchtigen Ausstellungen mit großen Namen reduzieren und den wissenschaftlichen Charakter des Kunsthistorischen Museums in den Vordergrund rücken. Sie will nicht länger mitmachen im Show-off der Museen, die einander mit immer noch aufwändigeren Ausstellungen zu übertrumpfen versuchen. Das mag langweilig klingen. Aber vielleicht ist dieser konservative Kurs tatsächlich genau das, was das KHM braucht.

Von Nina Schedlmayer