Neue Alben: M.I.A., Editors, Waxahatchee, Kirin J. Callinan

Geteiltes Leid ist halbes Leid: Zwischen den Editors und Waxahatchee bleibt kein Auge trocken – und M.I.A. überbrückt das Sommerloch bis zur schönsten Zeit des Jahres. profil unerhört präsentiert die wichtigsten CDs der Woche.

Von Philip Dulle und Sebastian Hofer

Editors: The Weight Of Your Love (Pias)

Vier schöne Tage lang wurde im Ö1-Radiokolleg über die Bedeutung des Postpunk im Allgemeinen und Joy Division im Besonderen philosophiert, nur um jetzt das neue Album der Editors rezensieren zu müssen? Klarer Fall von gutem Start mit bösem Ende. „The Weight of your Love“, das vierte Album der Briten, hat mit der Wut und Frustration eines Ian Curtis nichts, aber auch gar nichts mehr gemein. In den letzten Jahren hat sich ein Gutteil der düsteren Postpunk-Revivalisten ohnehin zu Kings-of-Leon-Epigonen entwickelt, die in bester radiotauglicher Manier in schunkelndem Pathos zergehen; Streicher-Arrangements, Falsett statt Bariton, unerfüllte Liebe. Und dann auch noch dieses Cover! Jetzt wirklich? An dieser Stelle wurde schon einmal ein Vergleich der Editors mit den Unsterblichen (Joy Division, Echo and the Bunnymen) gewagt, die Paraphrasierlaune einer ganzen Musikergeneration verteidigt und sogar die Idee gelobt, doch noch die Madchester -Freunde ein wenig auszuschlachten. Ganz ehrlich: Heute möchte man nur noch heulen. (2.5/10) Ph. D.

M.I.A.: Bring the Noize (Single)

Paranoia, Militanz, schnelles Blitzlicht und die Aussicht auf eine eher unangenehme Verhörsituation ohne Sie-dürfen-jetzt-Ihren-Anwalt-anrufen: M.I.A. spekuliert wieder einmal mit den ganz großen Undurchsichtigkeiten des zeitgenössischen Daseins unter besonderer Berücksichtigung des Kriegs gegen den Terror und des kriegerischen Finanzkapitalismus („fucking banks!“). „Bring the Noize“ erscheint als Vorweg-Single zum neuen Album „Matangi“ sowie als Teil des leider sehr kurzen, aber doch sehr fantastischen (und fantastisch uneindeutigen, weil bei aller fundierten Kapitalismuskritik halt doch für einen kommerziellen Sponsor produzierten) Matangi Mixtape und liefert klassisches M.I.A.-Material: knallige Beats, angedeutetes Schusswaffendurchladen, internationale Hochtemposamples und Parolendeklamationen. Im dazugehörigen Musikvideo wird gezeigt, wie eine Fete Blanche im Jahr 2013 auszusehen hat, in der „Gold Edition“ desselben Videos bleibt davon nur noch eine glänzende Erinnerung. Zum Schießen! S. Ho.

Waxahatchee: Cerulean Salt (Pias/Rough Trade)

Kleines Geständnis: Wenn schon Kitsch, dann ordentlich. Wehtun muss es, wenn die Stimme versagt und nur noch die Gitarre spricht, die Sängerin ununterbrochen an der unerträglichen Leichtigkeit des Seins zerbricht und man sich endlich im Meer der Lebensunzulänglichkeiten treiben lassen kann. Und ist es nicht schön, wenn man wieder einmal merkt, dass man nicht ganz allein ist? Geteiltes Leid ist eben halbes Leid. Das denkt sich vermutlich auch Katie Crutchfield alias Waxahtchee und veröffentlicht nach dem Ende ihrer Lasst-uns-Krawall-machen-Punkband P.S. Eliot bereits ihr zweites zwischen Akustik- und Indierockgitarren changierendes Soloalbum. Lo-Fi-Gitarren-Folk könnte man „Cerulean Salt“ nennen, wobei sich die 24-jährige aus Alabama stammende Crutchfield zumindest musikalisch an die frühen Neunziger erinnert, sich aber nur ein wenig erwachsener fühlen will. Gibt es ein schwierigeres Alter als 24? Wohl kaum. Und vielleicht trifft man sie ja einmal an der nächsten Straßenecke. Eine Frau, eine Gitarre, ein Verstärker. Die Regler rauf und den Frust lauthals rausschreiend. (7.5/10) Ph. D.

Kirin J. Callinan: Embracism (Terrible Records/ XL Recordings/ Indigo)

Sehnsuchtsort Down Under: Das wussten nicht nur die Men at Work, sondern immer wieder auch die internationale Auskennerpresse (letztes großes Beispiel: Tame Impala) und ein ziemlich kaputter Typ namens Kirin J. Callinan. Die hohe Kunst der Popperformance liegt auf „Embracism“ irgendwo zwischen John Maus und Gil Scott-Heron, dazu die schmachtenden Synthis des Lederjackenfetischisten Twin Shadow und die vertrackten Lo-Fi-Exzesse eines Willis Earl Beal. Klingt erschreckend? Ist es vielleicht. Aber auch großes Kino für die Ohren. Die Grenzen des Pop werden mal wieder gesprengt. (7.3/10) Ph. D.

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