Porträt: Der ewige Bub

Vor acht Jahren hat Andreas Goldberger seinen letzten Sieg gefeiert. Aufhören mag er trotzdem nicht. Rosemarie Schwaiger über einen jungen Mann, der nicht erwachsen werden will.

Wenn Andreas Goldberger seine Zukunft plant, dann sieht er sich in einem komfortablen Firmenwagen durch Österreich fahren. Im Kofferraum hat er eine Auswahl dekorativer Schachteln, im Telefonspeicher die wichtigsten Kundennummern und im Kopf ein paar launige Vertretersprüche. Goldberger hat das alles bereits geübt: „Ich bin schon oft mit dem Edi mitgefahren. Das taugt mir.“

Edi Federer ist Goldbergers Manager. Nebenbei betreibt er ein Verpackungsunternehmen. Und dort wird Goldberger, wenn ihn das Skispringen einmal wirklich nicht mehr freut, als Verkäufer im Außendienst arbeiten. „Das ist fix ausgemacht.“ Auf der Gehaltsliste bei Federer steht Goldberger schon seit ein paar Jahren, sozusagen als putzmuntere Karteileiche und „eh nur wegen der Versicherung“. Der Weg ins normale Leben wird also ganz bequem sein, nicht einmal ein richtiger Sprung, nur ein kleiner Schritt.

Aber doch nicht so verlockend, dass es Goldberger damit wahnsinnig eilig hat.

Wenn am 29. Dezember in Oberstdorf die Vierschanzentournee beginnt, wird Goldberger wieder dabei sein – in seiner 14. Weltcup-Saison. Zweimal hat er die Tour schon gewonnen, der letzte Sieg ist aber schon neun Jahre her, eine Sportlerewigkeit. Obwohl die Konkurrenten immer jünger und die Bedingungen immer härter werden (siehe Interview), findet Goldberger, dass er diesmal für eine Überraschung gut sein könnte. Nach einer Schulteroperation im vergangenen Februar sei er endlich halbwegs schmerzfrei und gut in Form. Möglich sei alles, aber „gewinnen wär am besten“.

Seine Anhänger würde das natürlich freuen, aber wirklich notwendig ist es nicht. Obwohl Goldbergers letzter Sieg in einem Weltcupbewerb aus dem Jahr 1996 datiert und er seither manchmal knapp, viel öfter deutlich am Triumph vorbeihüpfte, ist er nach wie vor der mit Abstand populärste Springer im österreichischen Nationalteam. Die Fanpost sei zwar weniger geworden, berichtet seine Mutter Herta, „aber ungefähr 40 bis 50 Autogrammwünsche in der Woche kommen immer noch“. Wenn das Team gemeinsam unterwegs ist, darf hauptsächlich Goldberger die Huldigungen der Fans entgegennehmen. Der Getränkeerzeuger Red Bull, seit vielen Jahren Sponsor, hält Goldberger unerschütterlich die Treue. Und die für ihre Trinkfestigkeit berüchtigten Goldi-Fanclubs reisen nach wie vor an, wenn ihr Idol einen wichtigen Bewerb bestreitet. „Wahrscheinlich merken die Leute, dass ich keiner bin, der abgehoben hat“, vermutet Goldberger.

Ein bisschen mehr als das wird es wohl sein. Mit den Jahren ist Andreas Goldberger vom Superstar zu einer tröstlichen Figur geworden. Siege hat er in den letzten Jahren zwar nicht geliefert, aber dafür Kontinuität. Jedes Jahr zu Wintereinbruch ist er zuverlässig wieder da: ewig jung, ewig rotbackig, ewig gut aufgelegt. Vor kurzem hat Goldberger Geburtstag gefeiert. Laut Taufschein den 31. Aber das muss man nicht so ernst nehmen. Goldi altert nicht. Und er wird auch nicht erwachsen. „Eigentlich ist der Andi erst 18“, findet Manager Federer. „Für meine Frau und mich ist er wie das dritte Kind.“

Federers Rundumbetreuung hat vielleicht dazu beigetragen, dass Goldberger seinen Reifungsprozess bis auf irgendwann verschieben konnte. Um Geld oder andere erwachsene Angelegenheiten musste er sich noch nie selber kümmern. Ersatzpapa Edi erledigt das mit Bravour.

Andererseits sollte man den Einfluss des Managers auf Goldbergers Entwicklung auch nicht überschätzen. Der Innviertler Bauernsohn ist nämlich keiner von denen, die sich von der Außenwelt stark prägen lassen. 14 Jahre Spitzensport mit großen Siegen und bitteren Niederlagen sind nicht nur äußerlich weit gehend spurlos an ihm vorbeigegangen. „Ich weiß ja schon, wie das ist, wenn man ganz oben auf dem Stockerl steht“, begründet er die Tatsache, dass er die ruhmlosen letzten Jahre ohne größere Panikattacken überstanden hat. Einzig die Koks-Affäre, in die er 1997 geschlittert war, bewirkte ein paar psychische Verwüstungen. „Da hab ich gemerkt, wie falsch die Leute sein können“, meint Goldberger ein bisschen wehleidig.

Monatelang war damals diskutiert worden, wie mit dem – angeblich einmaligen – Sündenfall umzugehen sei. Noch dazu, da Goldberger kurz damit liebäugelte, nicht mehr für Österreich, sondern für Serbien zu springen. Die Causa gipfelte in einer fürs Fernsehen inszenierten Versöhnung zwischen ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel und dem reuigen Täter – wortreich assistiert von Helmut Zilk und Elmar Oberhauser. Selten zuvor hatte ein Sportler für einen solchen Eklat gesorgt; und selten zuvor war die Öffentlichkeit so enttäuscht gewesen über einen ihrer Lieblinge.

Aber Goldberger hat die Popularitätsdelle wieder ausgebügelt. Am Schluss überwog das Mitleid mit dem armen Buben, der noch dazu im Anschluss von einer Pechsträhne – bestehend aus Verletzungen, ungünstigen Windböen und insgesamt widrigen Umständen – erfasst wurde.

Vieles an Goldbergers Habitus sähe bei jedem anderen verdächtig nach einer gelungenen Masche aus. Die Rolle des unschuldigen, arglosen Bauernbuben kommt in Österreich erfahrungsgemäß gut. Aber an eine Inszenierung glaubt nicht einmal ÖSV-Sportdirektor Toni Innauer, der das Duo Federer-Goldberger seit den unseligen Koks-Zeiten etwas kritischer beobachtet. Der Andi sei „in sehr hohem Maß genauso, wie er rüberkommt“, findet Innauer.

Vor ein paar Jahren hat sich Goldberger einen Ruck gegeben und ist zu Hause ausgezogen. Jetzt wohnt er allein in Mondsee, an einem Hügel mit Blick auf den See – in einem Haus, das wie ein zu groß geratenes Jugendzimmer anmutet. Im Wohnzimmer herrscht das übliche Teenager-Chaos: ein Rucksack auf dem Boden, drum herum ein Haufen gebrauchter Trainingsklamotten. Und vor dem Kachelofen hat Goldberger die herzigsten Exponate seiner großen Plüschtiere-Sammlung aufgereiht. „Die krieg ich von den Fans geschenkt, ich weiß gar nicht mehr, wohin damit“, erzählt er.

Zum 31. Geburtstag sind sicher wieder ein paar dazugekommen.