Porträt: Der Mann mit dem Wrumm-Wrumm-Syndrom

Was treibt Dietrich Mateschitz? Der Red-Bull-Boss kauft sich zum Sechziger den Formel-1-Rennstall von Jaguar – und will nun hunderte Millionen Euro in das glücklose Team investieren. Das Psychogramm eines Grenzgängers.

Ein bisschen weniger Speed, und es wäre nichts passiert. Aber alles andere als Höchstgeschwindigkeit kommt für Dietrich Mateschitz einfach nicht infrage. Also jagte der Red-Bull-Boss seine KTM-Enduro an jenem verhängnisvollen Nachmittag vor drei Jahren mit Vollgas durch die Wüste nahe der tunesischen Oase Tozeur. Irgendwann war dann eine Düne zu hoch: ein acht Meter weiter Sprung, ein kapitaler Stern – und die als wildromantischer Bubenausflug geplante Sahara-Durchquerung wurde zum Albtraum.

Mateschitz: mit gebrochenem Oberarm hilflos im Sand. Ein Rettungshubschrauber: nicht verfügbar. Der rettende Jeep, den Expeditionsleiter Heinz Kinigadner per Satellitentelefon anforderte: Stunden entfernt.

Dann kam die Dunkelheit. Und mit ihr kamen die Skorpione.
Motocross-Legende Kinigadner: „Da war allen schon ein bisschen mulmig.“

Ein bisschen weniger Speed, und die Motorradkarawane wäre ans Ziel gekommen. Aber ein Dietrich Mateschitz gibt gerade dann Stoff, wenn er nicht weiß, was hinter der nächsten Düne liegt. Wer bremst, verliert.

Vor ein paar Tagen erst hat er sich wieder auf ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang eingelassen: Er kauft dem US-Automobilhersteller Ford den Formel-1-Rennstall Jaguar Racing ab: eines der glücklosen Teams im Grand-Prix-Zirkus. In der abgelaufenen Saison 2004 kamen die Raubkatzen-Rennwägen in der Konstrukteurswertung gerade einmal auf Platz sieben von zehn. Die Piloten, der Österreicher Christian Klien und der Australier Mark Webber, hatten nach 18 Grands Prix zusammen zehn WM-Punkte erobert. So viele hatte Michael Schumacher bereits nach dem ersten Rennen beisammen. Pro Woche verpulverte Ford mit Jaguar mit seinen 350 Mitarbeitern und der inzwischen ebenfalls verkauften Motorenschmiede Cosworth allein im vergangenen Jahr rund zwei Millionen US-Dollar.

Mateschitz zahlt dafür erst einmal den symbolischen Preis von einer Million Dollar. Aber das ist nur der Anfang. Pro Jahr muss er für die Möglichkeit, die Boliden wie eine Red-Bull-Dose anzupinseln, in Hinkunft mindestens 100 Millionen blechen – wahrscheinlich sogar mehr. Und das ohne vernünftige Hoffnung darauf, das Team in die vorderste Startreihe zu bringen. Die Einnahmen von Sponsoren werden allenfalls ein Drittel davon hereinspielen. Bleiben immer noch 70 Millionen. In alter Währung ist das annähernd eine Milliarde Schilling: selbst für Red Bull, den weltweit erfolgreichsten Hersteller von Energy Drinks, alles andere als ein Schluckauf.

Die Motorsportwelt steht trotzdem Kopf. Niki Lauda, begeistert: „Das ist eine echte Sensation.“ Gerhard Berger, enthusiasmiert: „Der Didi ist dabei, eine neue Dimension zu erschließen.“ Sportstaatssekretär Karl Schweitzer (FPÖ), freudig erregt: „Ein optimaler Coup.“

Und Mateschitz selbst? Ging sofort nach Bekanntwerden des Deals auf Tauchstation und ließ sich auf alle Anfragen nur die immer gleichen Stehsätze entsteißen: „Es gibt Dinge, die mir neben ihrer strategischen Richtigkeit und Sinnhaftigkeit auch persönlich große Freude bereiten. Ein eigenes Red-Bull-Team in der Formel 1 gehört zweifellos dazu.“ Punkt. Zu näheren Erläuterungen wollte er sich nicht herablassen. „Geh davon aus, dass ich weiß, was ich mache“, beschied er selbst seinem engen Freund Heinz Kinigadner knapp.

So hat er es immer schon gehalten – jedenfalls seit er Mitte der achtziger Jahre Red Bull erfand. Der Einzige, der zu wissen braucht, was in Dietrich Mateschitz vorgeht, ist Dietrich Mateschitz selbst.

Der Milliarden-Mann. Der gebürtige Steirer, der im vergangenen Mai seinen Sechziger feierte, ist einer der erfolgreichsten Unternehmer, die Österreich je hervorgebracht hat. Seine in Fuschl (Salzburg) domizilierte Red Bull GmbH verkauft heute mit 2000 Mitarbeitern weltweit rund 1,5 Milliarden Dosen im Jahr und erzielte zuletzt einen Umsatz von 1,3 Milliarden Euro. Das US-Magazin „Forbes“ reiht Mateschitz mittlerweile unter die 500 wohlhabendsten Menschen der Welt. Sein Privatvermögen wird auf 1,5 Milliarden taxiert – Euro, wohlgemerkt.

Dietrich Mateschitz ist so reich, dass er die gesamten Austrian Airlines (Börsewert: 380 Millionen Euro) kaufen könnte. Und den gesamten Flughafen Wien (1,1 Milliarden Euro) dazu. Er besitzt 15 Flugzeuge, darunter historische Pretiosen wie das Regierungsflugzeug des verstorbenen jugoslawischen Diktators Josip Broz Tito. Und den entsprechenden Hangar am Salzburger Flughafen auch. Mit angeschlossenem Gourmetlokal.

Mateschitz könnte aber auch nonchalant den Eurodisney-Park nahe Paris (Börsewert: 300 Millionen Euro) erstehen. Er investiert stattdessen in das Projekt Spielberg, nahe seiner Heimatgemeinde St. Marein im Mürztal. Auf dem Areal des A1-Rings soll schon bald ein Themenpark für Motor- und Flugsportbegeisterte entstehen. Kostenpunkt: 600 Millionen Euro.

Er könnte sich, je nach Ausstattung, auch gut 14.000 Jaguar-Limousinen kaufen. Er hat jetzt immerhin zwei erstanden – die sind allerdings Formel-1-tauglich.

Mateschitz könnte aber auch einfach aufhören zu arbeiten. Stattdessen gibt er immer weiter Gas. „Ich hab halt“, vertraute er der deutschen „Welt am Sonntag“ einmal an, „so etwas wie das Wrumm-Wrumm-Syndrom.“ Wer bremst, verliert.

Mythos Mateschitz. Attila Dogudan, als Gründer und Chef des Gastro-Imperiums Do & Co selbst nicht ganz ohne Fortüne: „Bei Mateschitz haben auch Handlungen Sinn, die keiner nachvollziehen kann. Er denkt eben in Dimensionen, die für eine Weltmarke nötig sind.“

Und genau diese Dimensionen machen den Mythos Mateschitz aus. Gefestigt wird dieser durch eine nachgerade panische Scheu vor Einblicken in sein Privatleben. Vor kurzem hat er sich, etwas schizophren, mehrheitlich ausgerechnet am „Seitenblicke-Magazin“ beteiligt – laut eigenen Aussagen hauptsächlich, um dort nicht länger vorzukommen.

Der Mann hinter Red Bull hat es in all den Jahren geschickt verstanden, nicht als Person, sondern als Legende öffentlich zu sein. Seine Vita im Telegrammstil: Anfang der achtziger Jahre entdeckt der damals reichlich frustrierte Zahnpasta-Vertreter auf einer Asienreise das in der Region boomende Geschäft mit Energy Drinks. Er schmeißt den gut dotierten und sicheren Job hin, um sich zusammen mit einem thailändischen Partner auf das Abenteuer seines Lebens einzulassen. Er riskiert sein Privatvermögen, bastelt mit Freunden ein Marketingkonzept, wartet jahrelang auf den Erfolg, weil zuerst keiner sein klebrig-süßes Produkt versteht – und dann, mit einem Mal, ist Red Bull eine Weltmarke. Intimfreund Kinigadner: „Seine Karriere ist praktisch erst mit 50 losgegangen. Das hat er selbst nicht erwartet. Das muss man erst einmal verkraften.“

Jetzt, zwei Jahrzehnte nach dem Beginn seiner zweiten Karriere, ist Mateschitz ein Gesamtkunstwerk. Mit all seinen Eigenheiten. Seine Mitarbeiter, die ihn nur „Chef“ rufen, verehren ihn wie einen Halbgott. Öffentlich freilich würde es nie einem einfallen, über ihn zu sprechen. Nicht einmal im Guten. Auch die wenigen engen Freunde, die ihn „Didi“ nennen dürfen, würden es nie wagen, ihn durch Indiskretionen zu brüskieren. Dazu zählt auch ein gewisser Karl-Heinz Grasser, Finanzminister und bekennender Red-Bull-Addict, der bei Medienauftritten schon einmal ein bisschen Schleichwerbung für das eigenwillig aromatisierte Gesöff macht.

Mateschitz, das ist der ewig juvenile Naturbursch, der es durch Tatendrang und Glück zu etwas gebracht hat, angeblich aber jedes Wochenende in einer Trafik nahe seiner Salzburger Villa den Lottoschein ausfüllt, wie hunderttausende Durchschnittsverdiener auch. Der mit seinen Kumpels um eine Kiste Bier Autorennen austrägt; der sich den Luxus leistet, auf Krawatten zu verzichten; der schon mal Formel-1-Zampano Bernie Ecclestone warten lässt, weil er gerade mit einem subalternen Angestellten plaudert; der eine ausgeprägte Ader für Kunst und Esoterik hat und sich still und leise auch sozial engagiert: Mateschitz fördert die von Königin Silvia von Schweden gegründete „Mentor-Stiftung“, die sich der Drogenprävention verschrieben hat, und auch Heinz Kinigadners Stiftung „Wings for Life“, die sich für Querschnittgelähmte engagiert.

Mit einem Wort: ein Mann, der sich von allen irdischen Zwängen frei gemacht hat.

Die andere Seite. Mateschitz, das ist aber auch der unnahbare Egomane; der in seinem Umfeld wenig bis gar keinen Widerspruch verträgt; der in seinem Unternehmen bis heute keinen Betriebsrat zulässt; der als Einziger den Red-Bull-Masterplan zu kennen scheint. Zitat aus einem Interview: „Solange das gut ist, muss ich es nicht sehen. Ist es schlecht, und ich habe es nicht gesehen, fällt es jemandem auf den Kopf. Denn wenn er zu mir gekommen wäre, hätte ich ihm vermutlich sagen können, was falsch ist.“

Mateschitz hat Macht und Geld, und er spielt mit beidem. Vor kurzem machte Red Bull einem Salzburger Fotografen das Angebot, sämtliche Mateschitz-Fotos in seinem Archiv für teures Geld aufzukaufen – soll bloß kein Konterfei in Umlauf sein, über das der Meister keine Kontrolle hat.

Seit zwei Jahren wird an der Errichtung der neuen Konzernzentrale in Fuschl gearbeitet, die einem aus dem Wasser ragenden Vulkankegel nachempfunden ist. Eigentlich sollte sie längst fertig sein, doch Mateschitz lässt jetzt große Teile wieder abtragen, weil er angeblich nicht in allen Details seinen Vorstellungen entspricht.

Zum alljährlichen Beachvolleyball-Turnier am Wörthersee pflegt er per Wasserflugzeug direkt vor dem Stadion aufzusetzen. Vor wenigen Jahren gab es mit den Kärntner Behörden dem Vernehmen nach Wickel wegen der erforderlichen Landeerlaubnis – woraufhin Mateschitz, nebenbei Sponsor der Gaudi, erfolgreich mit Liebesentzug gedroht haben soll.

Medienprojekte, von denen er bereits einige verfolgt hat, lässt er von hoch bezahlten Teams über Jahre hinweg entwickeln, um sie dann umstandslos abzublasen. Momentan ist es ein Magazin mit dem bezeichnenden Arbeitstitel „Luna“, gedacht zur Promotion seines nicht rasend erfolgreichen Esoterik-Wassers „LunAqua“. Nullnummern des Blattes werden mit einem Aufwand produziert wie sonst nur Hochglanz-Weltblätter. Zu sehen bekommt sie nur der Chef. Ob „Luna“ je erscheint, wird er – Daumen rauf, Daumen runter – irgendwann entscheiden. Alleine. Manchmal muss man ja doch bremsen.