Porträt: Erhöhter Druck

Michael Glawoggers erfrischend ungeschliffene Komödie „Nacktschnecken“ wird die diesjährige Diagonale unsanft zu Ende bringen.

Wenn man gerade nicht mit dem Gedanken spielt, kurzfristig auch nach Berg Karabach oder Phnom Penh zu reisen, ist das Ansinnen, den österreichischen Filmemacher Michael Glawogger persönlich anzutreffen, dieser Tage grundsätzlich nicht realisierbar. Seit Monaten ist er für einen Dokumentarfilm namens „Workingman’s Death“ mit Kameramann Wolfgang Thaler in Bergwerken, Minen und an anderen Schauplätzen schwerster körperlicher Arbeit unterwegs, unter anderem in der Ukraine, auf Java, in China und in Pakistan, um die letzten Menschen zu porträtieren, die ihren Lebensunterhalt noch unter solchen Bedingungen zu bestreiten haben.

Zur Diagonale, wo in wenigen Tagen Glawoggers – ungleich unernsterer – jüngster Film, die Komödie „Nacktschnecken“, vorgestellt werden soll, will er dennoch kommen, allerdings, wie er betont, „sehr knapp“: Das Flugzeug, das ihn aus dem pakistanischen Karachi nach Österreich bringen wird, wird nämlich, wenn alles nach Plan geht, erst wenige Stunden vor der Premiere seines Films landen. Den Zeitdruck, den sich Glawogger in seinem Arbeitsleben auferlegt, meint man auch in seinen Filmen noch zu spüren: Seit der international beachteten Doku „Megacities“ (1998) hat eine gewisse Beschleunigung seine Arbeiten erfasst.

Michael Glawoggers Werk auf rote Fäden oder Leitlinien hin zu durchsuchen bleibt ein eher fruchtloses Unterfangen. Der Mann ist so etwas wie ein totaler Filmemacher: ein Pendler zwischen Dokumentar- und Spielfilm („Die Ameisenstraße“, 1995), zwischen Sportessay- („Frankreich, wir kommen“, 1999) und Polit-Episodenfilm („Zur Lage“, 2002). Glawogger beherrscht, wenn es ums Filmemachen geht, fast alles, nur eines nicht: die Kunst der Selbstbeschränkung. Er ist nicht nur ein gesuchter Kameramann und Drehbuchautor, sondern eben auch ein Regisseur für alle Fälle – für Fernseharbeiten, dokumentarische Großprojekte und komödiantische Nebenwerke.

Der 1959 in Graz geborene Filmemacher hat unter anderem am San Francisco Art Institute studiert, ehe er in Österreich seine sehr unübliche, nämlich erstaunlich ungebundene Karriere begonnen hat. Glawoggers „Nacktschnecken“, geschrieben und inszeniert in Zusammenarbeit mit der Grazer Metaebenen-Spaßtruppe „Theater im Bahnhof“, fügt dieser Karriere nun eine weitere Facette zu: Als bewusst proletarisch getönte Comedy positioniert sich „Nacktschnecken“ fernab hiesiger Kabarettkomödienmodelle. Die Erzählung konzentriert sich auf eine Gruppe antriebsloser junger Leute, die beschließt, ihre viele freie Zeit sinnvoll zu investieren: Man zieht also aus, einen Amateurpornofilm zu produzieren. „Nacktschnecken“ macht sich allen Ernstes (und mit viel Selbstironie) daran, die alte Form der Sexklamotte einem Update zu unterziehen. Schon dafür muss man diesen Film mögen.

„Nacktschnecken“ startet am 5. März in österreichischen Kinos.