Porträt: Österreichs einziger Oligarch - Ein Grenzgänger zwischen Genialität & Skandal

Der Wiener Geschäftsmann und Kanzlerfreund Martin Schlaff rückt zunehmend ins Zentrum der Bawag-Affäre. Wie der geheimnisvolle Unternehmer mit besten Kontakten in alle Welt zu einem der reichsten Männer im Lande wurde. Und warum das Alfred Gusenbauer jetzt in Bedrängnis bringen könnte.

OE-INJ ist mehr als nur ein teures Spielzeug, auch wenn es auf den ersten Blick von baugleichen Modellen nicht zu unterscheiden ist. Der Businessjet Challenger CL 604 des kanadischen Herstellers Bombardier: 21 Meter Länge, 20 Meter Flügelspannweite, 7500 Kilometer Reichweite, 13 Sitzplätze. Neupreis: nicht unter 25 Millionen Dollar, Ledergestühl, Videosystem, edler Nassraum und Champagnerkühler inklusive.

Das Fluggerät schafft Strecken wie etwa Wien–New York nonstop, weshalb es sich unter besser Situierten großer Beliebtheit erfreut. Und dennoch: An die in Österreich unter OE-INJ registrierte Maschine kommt so schnell nichts heran. Ein sehr kleiner Auszug aus der Passagierliste: Jassir Arafat, mittlerweile verstorbener Palästinenser-Präsident; Avigdor Lieberman, Vizepremier Israels; Alfred Gusenbauer, SPÖ-Bundeskanzler; Wolfgang Schüssel, ÖVP-Bundeskanzler a. D.; Hubert Gorbach, BZÖ-Vizekanzler a. D.; Helmut Elsner, ehemaliger Bawag-Chef; Leo Wallner, Präsident des Österreichischen Olympischen Komitees und früherer Generaldirektor der Casinos Austria; Boris Nemsic, Vorstandschef der Telekom Austria; Ioan Hollender, langjähriger Direktor der Staatsoper.

Politiker, Wirtschaftskapitäne, Künstler, Moslems, Juden, Christen – die einen bestens beleumundet, die anderen weniger. Sie alle gingen in den vergangenen Jahren an und von Bord dieser blitzblank polierten Challenger 604. Auf Einladung eines Entrepreneurs, der im Begriff ist, in besten Mannesjahren zum Mythos zu werden: Martin Schlaff, 53.

Mit einem Privatvermögen von geschätzten zwei Milliarden Euro reiht er sich zwanglos unter die Reichsten der Reichen im Lande. Mit seiner nachgerade pathologischen Medienscheu auch unter die Geheimnisvollsten.

Fotos des gebürtigen Wieners sind Mangelware, öffentliche Statements ebenso. Genau genommen hat er sich in seinem Leben erst zweimal den Fragen eines Journalisten gestellt. Beide Male in profil (Nr. 18/02 und Nr. 04/06). Zu einem weiteren jetzt angefragten Interview war er indes nicht bereit. „Herr Schlaff ist bekanntlich als Zeuge im Bawag-Verfahren geladen“, so sein Sprecher Michael Fink. „Es ist ein Gebot der Seriosität, vorher keine Informationen über Medien zu verteilen.“

Elsners Engel. Seit Schlaff im Herbst des Vorjahres eine Kaution in der Höhe von einer Million Euro legte, um seinen Freund und langjährigen Geschäftspartner Helmut Elsner aus französischer U-Haft zu holen, ist dem Mann mit dem akkurat gestutzten Bärtchen die ungeteilte öffentliche Aufmerksamkeit gewiss. Auch der mittlerweile abgeschlossene parlamentarische Untersuchungsausschuss begann sich zuletzt für Schlaffs Rolle im Bawag-Komplex, konkret: die Mobiltel-Affäre, zu interessieren (profil berichtete ausführlich). Schlaff muss sich nachsagen lassen, Elsner beim Vertuschen von Bilanzproblemen der damaligen Gewerkschaftsbank dienlich gewesen zu sein. Auch von verdeckten Treuhandschaften für Elsner war zuletzt die Rede – als Gegenleistung dafür, dass die Bank die Übernahme des bulgarischen Mobilfunkbetreibers 2002 finanziert hatte.

Bewiesen ist nichts.

Wie so oft.

Schlaff musste sich im Laufe seiner Karriere die abenteuerlichsten Dinge nachsagen lassen. Nach dem Fall der Berliner Mauer wurde er verdächtigt, für die DDR spioniert zu haben; westliche Geheimdienste bezichtigten ihn später, auch chemische Kampfstoffe in den Arbeiter-und-Bauern-Staat geschmuggelt zu haben; er soll in Israel über die Jahre Politiker aller Couleurs mit generösen Geldspenden bedacht haben und auch in Russland in dunkle Machenschaften verstrickt gewesen sein. Nicht eines dieser Gerüchte konnte jemals verifiziert werden.

Aber sie warfen Schatten.

Auszug aus einem am 23. Jänner 2006 veröffentlichten profil-Interview:
profil: Die Person Martin Schlaff umgibt seit Jahren der Nimbus des Geheimnisvollen. Sie geben kaum Interviews, es existieren nur wenige Fotos, dafür aber viele unkommentierte Gerüchte und Spekulationen. Was verrät uns das über Sie?
Schlaff: Ich denke, es gibt diesbezüglich im Wesentlichen zwei Kategorien Menschen. Die einen sehen sich gern in Medien, die anderen weniger. Ich gehöre zu den Letzteren. Es mag sein, dass es ab und zu ein gewisses Interesse an meiner Person gab. Aber ich habe mich dem nicht gestellt. Mag auch sein, dass ich dadurch eine derartige Nachrede provoziert habe. Ich kann mich gut erinnern, was mir nicht alles in Zusammenhang mit meinen Geschäften in der ehemaligen DDR angedichtet wurde. Hätte ich ernsthaft jeden Unfug kommentiert, der damals über mich geschrieben wurde, wäre ich damit voll ausgelastet gewesen. Ich muss oft schmunzeln, wenn Schulfreunde meiner Kinder nach Hause kommen und sich wundern, dass der Papa ein ganz normaler Mensch ist.
profil: Sie haben einst Computertechnologie in die DDR verkauft, später unter anderem das Spielkasino in Jericho im palästinensischen Autonomiegebiet eröffnet, dann in Bulgarien einen Mobilfunkbetreiber von einem Geschäftsmann erworben, der kurz zuvor des Landes verwiesen worden war, und sich schließlich auch noch mit der serbischen Regierung angelegt. Unter „normal“ versteht man mit Verlaub gemeinhin etwas anderes.
Schlaff: Die Herausforderung hat mich immer gereizt. Das ist wie beim Bergsteigen. Letzten Endes geht es immer nur um die Frage: Wie hoch ist das Risiko und wie hoch die Risikoprämie?

„Martin ist im Geschäftsleben ein Borderliner. Er traut sich an Dinge heran, bei denen andere vor Angst in die Hosen machen“, sagt ein früherer Partner. „Mit allen Konsequenzen, den guten und den schlechten.“ Seinen Namen will er nicht in der Zeitung lesen. Das scheint überhaupt für jeden zu gelten, der Schlaff auf die eine oder andere Art verbunden ist. Man schätzt ihn, oder man fürchtet ihn. Aber man spricht nicht öffentlich über ihn. So auch jener Mann, der seit Jahresbeginn die Amtsgeschäfte der Republik Österreich führt: Alfred Gusenbauer. Der SPÖ-Chef zog es vor, eine profil-Anfrage am Freitag vergangener Woche unbeantwortet zu lassen.

Die beiden Herren verbindet eine langjährige wie enge Freundschaft. Am 11. Jänner dieses Jahres etwa durfte Gusenbauer den Ehrengast einer Party geben, zu der Schlaff anlässlich der Angelobung zum Bundeskanzler gebeten hatte. Ein Dutzend Leute war dort. Nur der Kanzler wollte sich anschließend partout nicht an die Fete zu seinen Ehren erinnern.

Was sich wiederum weniger mit übermäßigem Rotweinkonsum als mit schierem politischem Kalkül erklären lässt.

Die Zeitbombe. Ab 16. Juli 2007 steigt der Bawag-Prozess. Helmut Elsner wird sich als einer der Hauptangeklagten wegen mutmaßlichen Betrugs und Untreue verantworten, Schlaff als einer von zahlreichen prominenten Zeugen im Oktober aussagen müssen. Selbst wenn gegen Schlaff strafrechtlich nichts vorliegt – seine Verwicklung in die Affäre könnte den Bundeskanzler in eine delikate Lage bringen.

Wie heikel die Nähe zu Schlaff mithin sein kann, durfte zuvor schon ein gewisser Wolfgang Schüssel am eigenen Leibe erfahren. Wiewohl die Herren schon aus ideologischen Gründen – Schlaff ist bekennender Sozialdemokrat – niemals Freunde waren, konnte auch Schüssel den Lockrufen des Milliardärs nicht widerstehen. Im März 2003 ließ sich der damalige Kanzler auf einen Kurztrip in die bulgarische Hauptstadt Sofia einladen. Mit Konsequenzen. Die profil-Enthüllung des vergleichsweise unschuldigen Ausflugs kurz vor den Nationalratswahlen im Herbst könnte die ÖVP nach Aussage von Meinungsforschern entscheidende Stimmen gekostet haben.

Auch Gusenbauer war zumindest einmal an Bord des Jets. Am Abend des 17. Mai 2006 durfte er mit OE-INJ vom Finalspiel der Fußball-Champions-League in Paris die Heimreise antreten. Sein Glück, dass er damals noch nicht Kanzler war.

Bis heute ist nicht restlos klar, was Schüssel zuvor nach Sofia getrieben hatte. Er rechtfertigte sich später damit, vor Ort „Werbung“ für die Bawag-eigene Klaviermanufaktur Bösendorfer gemacht zu haben. Schlaff wiederum erklärte einem Mitgereisten damals leise lächelnd: „Schüssel ist vielleicht kein Roter, aber man kann sich auf ihn verlassen.“

Verlässlichkeit: eine Tugend, von der auch der Geschäftsmann, er selbst präferiert den Ausdruck „Investor“, mehrfach Zeugnis ablegen durfte.

Schüssels Emissär. Im Sommer 2002 etwa erwies er der Republik Österreich den bis dahin größten Dienst. Obwohl er die schwarz-blaue Regierung aus tiefstem Herzen ablehnte, ließ er auf Schüssels Bitte hin seine exzellenten Kontakte zu Israels Premier Ariel Sharon spielen, um eine Normalisierung der zuvor einseitig abgebrochenen diplomatischen Beziehungen zu erreichen. Seit 2003 hat Israel wieder einen Botschafter in Wien, 2004 stattete Präsident Moshe Katzav Österreich einen Versöhnungsstaatsbesuch ab.

Ganz en passant schaffte er es, auch im Inland hoffnungslos verhärtete Fronten aufzubrechen: Im Jahr 2001 hatte Kärntens FPÖ-Landeshauptmann Jörg Haider bei einer seiner berüchtigten Aschermittwochsreden Ariel Muzicant, den Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde, mit einem Wortspiel zutiefst verunglimpft. Nach einjährigem Gerichtsstreit wurde die Causa außergerichtlich beigelegt – auf Schlaffs Vermittlung. Darauf angesprochen meinte er knapp: „Ein Jörg Haider ist nicht ausschließlich an seinen Bierzeltsagern zu messen.“

Kaum ein Österreicher verfügt heute über ein derart fein gewobenes Beziehungsnetz, welches weit über die Landesgrenzen hinausreicht. Schlaff wandelt zwischen den Welten ohne erkennbare Berührungsängste. Das macht einen guten Teil seiner Anziehungskraft aus – der ganz offenbar nicht nur österreichische Politiker erliegen.

Nur wenige Monate nach seiner Israel-Mission eilte er in die libysche Hauptstadt Tripolis – auf Drängen des bulgarischen Regierungschefs Simeon Sakskoburggotski. Libyen hält seit 1999 fünf bulgarische Krankenschwestern gefangen, weil sie rund 400 libysche Kinder gezielt mit dem HI-Virus infiziert haben sollen. Schlaff intervenierte bei keinem Geringeren als Revolutionsführer Muammar Gaddafi. Diesmal mit weniger Erfolg. Die Bulgarinnen wurden 2004 zum Tode verurteilt, über die Vollstreckung der Urteile soll kommende Woche entschieden werden.

Natürlich verfolgte Schlaff zum damaligen Zeitpunkt auch geschäftliche Interessen in Bulgarien. Ihm darob nur wirtschaftliche Motive zu unterstellen, greift dennoch viel zu kurz. Der Unternehmer ist im Laufe der Jahre vielmehr in die Rolle eines stillen Vermittlers zwischen den Fronten hineingewachsen. Und er gefällt sich zunehmend in der Rolle des Mäzens (siehe Kasten auf Seite 50).

Bereits im Jänner 2001 hatte Schlaff in seiner Wiener Wohnung ein geheimes Treffen zwischen Ariel Sharons Sohn Omri und Mohammed Rashid, Berater des inzwischen verstorbenen Palästinenser-Präsidenten Jassir Arafat, organisiert. Über den Nahost-Friedensprozess sagte Schlaff einmal: „Es ist traurig. Die Lösung liegt auf dem Tisch, aber beide Parteien kommen derzeit nicht so weit, ernsthafte Verhandlungen aufzunehmen. Ich fürchte, es wird noch einiges Leid auf die Menschen in der Region zukommen, ehe endlich Frieden einkehrt.“

Der Osthändler. Schlaff hat sein Handwerk im elterlichen Betrieb gelernt. Seine Eltern, Juden aus Polen, waren nach dem Zweiten Weltkrieg 1947 in einem österreichischen „Displaced Persons“-Lager gelandet und hier sesshaft geworden. Der Ehe entstammen zwei Kinder: James, Jahrgang 1952, und Martin, Jahrgang 1953.

Ende der siebziger Jahre, noch während seines Wirtschaftsstudiums, trat Martin Schlaff in das von seinem Vater und den beiden Geschäftsmännern Ladislaus Moldovan und Friedrich Wiesel 1954 gegründete Handelshaus Robert Placzek ein. Das Unternehmen war vorwiegend im Großhandel mit Textilien, Holz und Papier zwischen Ost und West tätig und erzielte in guten Jahren Umsätze jenseits der 100 Millionen Euro. Der lange Zeit einträgliche Holzhandel wurde inzwischen eingestellt, das Zellulosegeschäft abgestoßen. Die an der Wiener Innenstadt-Adresse Trattnerhof Nummer 1 domizilierte Gesellschaft verwaltet heute hauptsächlich Immobilien im In- und Ausland.

Der junge Martin Schlaff lernte die Regeln des Geschäfts mit Ostblockstaaten im Allgemeinen und der DDR im Besonderen sehr schnell. Aus dieser Zeit datiert auch seine Freundschaft zu der legendenumwobenen ehemaligen KPÖ-Treuhänderin Rudolfine Steindling. Sie ging damals bei den Spitzen der SED-Nomenklatura ebenso ein und aus wie bei österreichischen Regierungspolitikern, unter ihnen SPÖ-Altbundeskanzler Franz Vranitzky oder Ex-FPÖ-Vizekanzler Norbert Steger. Nicht selten mit dabei: Martin Schlaff.

Die meisten Verbindungen überdauerten den Fall der Berliner Mauer. Bis heute halten sich auch Gerüchte, Schlaff sei – gegen gutes Geld – maßgeblich an der Verschiebung der Novum-Millionen beteiligt gewesen. Das einst von Steindling geführte Ostberliner Handelshaus hatte für die DDR-Einheitspartei SED ein Vermögen von zuletzt 253 Millionen Euro verwaltet, welches in den Wirren der Wiedervereinigung großteils und spurlos verschwand. Er selbst hat jedwede Verwicklung stets dementiert.

Die frühen DDR-Verbindungen und -Geschäfte mögen nicht unbedingt eine Empfehlung für die spätere Karriere gewesen sein. Und doch durchlebt Schlaff ein für heimische Verhältnisse letztlich nicht untypisches Schicksal. Das offizielle Österreich schätzt und hofiert ihn – aber wenn geht, bitte im Stillen. Umgekehrt ist das irgendwie nicht anders.

Anfang der neunziger Jahre etwa heftete ihm der damalige Wiener SPÖ-Bürgermeister das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien ans Revers, weil Schlaff dem Jüdischen Museum die weltweit größte Sammlung von Antisemitika überlassen hatte. Die Veranstaltung fand – dem Anlass entsprechend eher ungewöhnlich – unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Weil der Geehrte das partout nicht wollte.

Wolfgang Schüssel wiederum versuchte seine an sich nicht anrüchige „Werbereise“ für ein österreichisches Unternehmen nach Sofia über drei Jahre totzuschweigen, anstelle dies offensiv zu vermarkten. Weil Schlaff der Organisator war.

Alfred Gusenbauer freut sich bekanntlich über jede Party. Aber die eine zu seiner Angelobung soll nie stattgefunden haben. Weil Schlaff der Gastgeber war.

Von Michael Nikbakhsh