<small><i>Rainer Nikowitz</i></small>
Abendlandeier

„Abendland in Christenhand“ – die FPÖ sorgt im EU-Wahlkampf wieder einmal für den ­intelligentesten Slogan. Wie fällt diesen Teufelskerlen bloß immer wieder so was ein?

Harald Vilimsky blickte interessiert auf seine Uhr – das James-Bond-Modell, das er bei seinem letzten Cluburlaub in der Türkei gemeinsam mit dem „All you can drink“-Armband bekommen hatte – und stellte mit dem ihm nun einmal angeborenen Kennerblick fest, dass es genauso spät war wie gestern zur selben Zeit. Er spürte, wie ein leichter Schauer über seinen Rücken lief. Das passierte ihm immer, wenn ihm seine Zugehörigkeit zu einer überlegenen Rasse so richtig bewusst wurde. Oder auch, wenn er wieder einmal einen ungeheuer beeindruckenden Taser-Selbstversuch machte und gerade gelähmt auf den Boden knallte.

Der Mann, für den Harald alles gegeben hätte – außer vielleicht seine wohl einzigartige Sammlung von Schwarz-Weiß-Fotos behaarter Frauenbeine –, starrte gerade mit angestrengt zusammengekniffenen Augen dorthin, wo er immer fündig wurde, wenn es galt, neue Möglichkeiten für die FPÖ zu finden, ihre Stärken so richtig auszuspielen: ins Leere. Doch dann streckte HC mit einem Mal den rechten Arm aus und bewegte die Handfläche sachte von links nach rechts, als läse er einen Satz, der ihm von einem höheren Wesen – zweifellos einem mit langem weißem Bart – eingegeben worden war, direkt vom Firmament herunter: „Imam, i tram!“, sagte HC feierlich. Harald tat, was er in solchen Situationen immer tat. Er sprang auf, klatschte frenetisch Beifall, warf HC Kusshände zu, zerriss sich das Hemd und tanzte Pogo … bis HC hinzufügte: „Naa, dos is a net guat.“ Harald setzte sich wieder und nahm aus taktischen Gründen die Farbe des ihn umgebenden Linoleums an.

Gegenüber von HC saß Andreas Mölzer und dachte, dass er sich jetzt sicherlich gleich etwas denken würde. Er strich dabei über jenen seiner Schmisse, der aussah wie die Ostfront anno 42 – wobei ihn in der Gegend von Stalingrad schon seit Längerem ein eingewachsenes Barthaar plagte, das andere sicherlich schon in die Kapitulation getrieben hätte. Andreas wusste um seine faszinierende Wirkung auf die Menschen da draußen. Er wusste, dass sie ihn für einen Intellektuellen hielten. Vor allem diejenigen, die nicht wussten, wie man das schreibt. Er wusste, dass es selbstverständlich nicht egal war, wer bei der EU-Wahl Spitzenkandidat war. Sie hatten das natürlich ausgetestet, sie waren ja nicht von gestern.
Also, eigentlich schon. Aber sie hatten es trotzdem ausgetestet – und er hatte zum Beispiel wesentlich bessere Persönlichkeitswerte als das Feinrippunterleiberl von Hilmar Kabas bekommen.

Mit einem Mal wusste er auch, wieso. „Lieber Schweinegrippe als Kebabschnitte“, dekretierte er. Harald tat, was er in solchen Situationen immer tat. Er sprang auf, klatschte frenetisch Beifall, warf Andreas Kusshände zu, zerriss sich das Hemd und tanzte Pogo … bis HC sagte: „Naa, dos is a net guat.“ Harald setzte sich wieder und begann, aus taktischen Gründen täuschend echt den Balzruf der Hausstaubmilbe nachzuahmen.

So kamen sie nicht weiter. HC wurde langsam ungeduldig. Da saßen sie nun seit Stunden beisammen, die besten Köpfe seit der Erfindung des Flakgeschützes – und außerdem auch noch Harald Vilimsky –, und kamen auf keinen grünen Zweig. Natürlich, es war nicht einfach, den unverzichtbaren Beitrag der FPÖ zu einem gedeihlichen Zusammenleben auf dem alten Kontinent in wenige griffige Worte zu fassen. Die ungeheure Bedeutung, die ihre Präsenz in Brüssel für diese und die folgenden Generationen hatte, auch nur annähernd zum Ausdruck zu bringen …

Da läutete Haralds Handy. HC warf ihm einen Blick in einer Schärfe zu, die Harald nicht mehr verspürt hatte, seit er HC vor Jahren eimal gefragt hatte, ob die Mehrzahl von „Biermops“ eigentlich „Biermöpse“ sei. „Bei unseren Sitzungen ist das Lautgeben tragbarer Fernsprecher nicht erwünscht“, schnarrte er – wenn sie unter sich waren, pflegte er mehr so zu sprechen, wie ihm der Schnabel gewachsen war. Harald wäre am liebsten in den Boden versunken wie eine bunkerbrechende Fliegerbombe. „Entschuldige HC“, hauchte er verlegen und nestelte an seinem Sakko herum, aus dem Lale Andersens „Lili Marleen“ sang. Andreas hatte in der Zwischenzeit schon wieder eine Eingebung: „Zuerst krumme Gürken – dann Kümmeltürken!“ HC spürte eine tiefe Trauer in sich aufsteigen.

Endlich bekam Harald sein Handy zu fassen. Es war seine Frau, die seine Meinung zu dem von ihr ins Auge gefassten Reiseziel für diesen Sommer hören wollte. Denn sie wusste, ein deutscher Freund von ihm, den er von der Islamismus-Konferenz in Köln kannte, war schon einmal dort gewesen.
Harald war es extrem peinlich, ausgerechnet jetzt mit so etwas belästigt zu werden. Er hielt sich die Hand vor den Mund, damit die anderen beiden nicht mitbekamen, was er da redete, und nuschelte dann: „Arend fand – ein trister Strand.“ „Was hat er gsagt?“, fuhr HC hoch. „Es hat geklungen wie: Abendland in Christenhand“, sagte Mölzer. Und auf einmal sahen die beiden ihren treuen – aber bisher eben nur treuen – Freund mit völlig anderen Augen.

rainer.nikowitz@profil.at