<small><i>Rainer Nikowitz</i></small>
Uh! Haft!

In der Justizanstalt Josefstadt muss sich das Personal angesichts der in letzter Zeit eintreffenden U-Häftlinge auf immer neue Herausforderungen einstellen.

Jean-Pierre Plechbergé warf einen missmutigen letzten Blick in den Spiegel. Seine frühere Dienstkleidung hatte ihm doch wesentlich besser gepasst als das hier. Im Hinblick auf Raffinement und Eleganz war die Uniform der österreichischen Justizwache durchaus noch ausbaufähig, fand er. Jean-Pierre seufzte. Als er sich für diesen Beruf entschieden hatte, wäre er nicht im Traum auf die Idee gekommen, ihn einmal in dieser Umgebung auszuüben.

Er hatte von Schlössern in Burgund geträumt, in denen man auf dem Weg vom Ost- zum Westflügel „Krieg und Frieden“ auslesen konnte. Von Chalets am Arlberg, die von Tagestouristen leicht für die Valluga gehalten werden konnten. Von Palais in der Wiener Innenstadt, gegen die die Hofburg wirkte wie die notorisch unaufgeräumte Besenkammer eines Einsternhotels in Donezk. Und jetzt …

Jean-Pierre setzte sich seine Kappe auf. In seiner Größe hatten sie blöderweise keine mehr gehabt. Gut, andererseits musste er noch froh sein, überhaupt einen Job zu haben. Einige seiner Kollegen vom Butler-Seminar hatten sich schon umschulen lassen müssen. Einer war nach einem einsemestrigen Abendkurs immerhin zum Chefanalysten einer großen Rating-Agentur aufgestiegen, aber die meisten anderen hatten es weniger gut erwischt. François zum Beispiel, nach Jean-Pierre der Jahrgangszweitbeste, war völlig frustriert nach Patagonien ausgewandert und kam dort als freiberuflicher Pinguin mehr schlecht als recht über die Runden. So tief würde ein Jean-Pierre Plechbergé, der König der Butler, nie sinken. „Pleschberger!“, schallte es durch die offene Tür in den Umkleideraum hinein. „Was is, Kollege Pleschberger? Dienstbeginn!“

Jean-Pierre warf die Tür seines Spinds zu und stempelte übellaunig die Zeiterfassungskarte, auf der stand „Pleschberger, Hans-Peter“, und schloss dann die Gittertüre zum Trakt A der Justizanstalt Josefstadt auf. „Na endlich“, sagte der Kollege von der Nachtschicht. „Die Kundschaft nervt schon. Nummer vier findet das Brioche-Kipferl heute zu bröselig und die Stachelbeer-Blutorangen-Marmelade dazu absolut un-pass-end. Sein Nachbar fantasiert irgendwas von selbst geschossener schottischer Flugentenbrust, und unser Langzeitmieter will deine Meinung zu seinen neuesten Hexametern über die Justizministerin hören. Und der Sportler ganz hinten droht überhaupt mit Hungerstreik, wenn er nicht bald seine Nahrungsergänzungsmittel kriegt.“ Der Kollege nahm seine Kappe ab und wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn. „Ich weiß auch nicht, was heute los ist. Vielleicht der Vollmond. Aber das ist ja jetzt dein Problem. Ich seh dich am Abend!“

Jean-Pierre begann seinen Rundgang. Vor der Zelle mit der Nummer vier blieb er stehen. Es war ein dreckiger Job – doch irgendwer musste ihn machen. Als das Justizministerium damals eingesehen hatte, dass die Ausbildung des Wachpersonals zumindest einigermaßen zu den Bedürfnissen der U-Häftlinge passen sollte, damit diese nicht enorme psychische Probleme bekamen und dann erst recht renitent wurden, hatte er sich sofort beworben. Wer, wenn nicht er, passte denn auch in das neue Anforderungsprofil?

Er öffnete die Essensklappe der Zellentür. „Guten Morgen, Sir“, sagte er zu dem Häftling, der gerade dabei war, sich seine scharf zur Seite gekämmte Haartolle ein zweites Mal um die Stirn zu schlingen. „Wie geht es uns heute?“ „Na endlich!“, stieß Julius Meinl V. gepresst hervor.

„Was muss ein Gentleman hier eigentlich machen, um eine Nackenmassage zu bekommen? Noch einmal 100 Millionen Kaution überweisen?“
Aus der Nebenzelle war ein dumpfes Rumpeln zu vernehmen. Der Graf hatte wohl wieder einmal im Zorn seinen Sessel gegen die Wand geworfen. „Nackenmassage?“, greinte Alfons Mensdorff-Pouilly. „Hör ich recht? Ich bin schon viel länger hier und werde behandelt wie ein …, ein …, wie ein Bürgerlicher! Und der Kopf des Mohren ist gerade einmal zwei Nächte lang Klubmitglied und bildet sich ein, alles müsste sich um ihn drehen?“

Jean-Pierre spürte, wie die Hitze in ihm hochwallte. „Aber meine Herren“, kalmierte er. „Ich versichere Ihnen, ich werde sogleich Sie beide …“ Doch er wurde von der lauten Stimme des Langzeitmieters unterbrochen: „Drum leidet am gebroch’nen Wort er – von dieser Schlampe Bandion-Ortner! Wie finden Sie das, Jean-Pierre?“ „Beeindruckend, Herr Elsner. Ich darf sagen, dass ich seit meiner Beschäftigung mit den frühen Werken des großen Eichendorff nichts Vergleichbares mehr gehört habe.“

„Dann lassen S’ mich raus?“ – „Sie nicht“, sagte der Kollege Jean-Pierres, der nun den Gang entlangkam. „Aber die Herren Meinl und Mensdorff-Pouilly dürfen gehen.“ Jean-Pierre spürte einen Stich in der Herzgegend. Sollte sein Job hier doch nicht so sicher sein, wie er gehofft hatte? Andererseits – es würden schon wieder neue Kunden kommen, die seine Dienste zu schätzen wüssten. Dessen war er sich sicher. „Du, Meinl?“, rief auf einmal Walter Mayer aus seiner Zelle. „Hast du in deiner Greißlerei zuafällig a EPO a?“

rainer.nikowitz@profil.at