Reise nach Rom

Vatikan. Kardinäle aus Italien und Südamerika haben die besten Chancen auf die Nachfolge von Johannes Paul II. Sicher scheint, dass der neue Papst zumindest um die 70 Jahre alt sein wird.

Weltverschwörungstheoretiker haben wieder Hochsaison. Laut der so genannten Malachias-Prophezeiung steht in den nächsten Tagen die Ausrufung des vorletzten Papstes vor dem Weltuntergang bevor. Die Anhänger der Prohezeiung, die seit dem 12. Jahrhundert angeblich alle Päpste mit einer knappen, orakelartigen Charakterisierung à la Nostradamus vorausgesagt hat, erwarten einen Mann, auf den die Beschreibung „Gloria olivae“ (Ruhm des Ölbaums) zutrifft. Nachdem der ursprüngliche Favorit, auf den diese Charakterisierung passen würde, der aus der Toskana stammende, mittlerweile 85-jährige Kardinal Silvano Piovanelli, aus Altersgründen nicht mehr in Betracht kommt, konzentrieren sich die Auguren derzeit auf den Pariser Kardinal Jean-Marie Lustiger (geboren am 17.9. 1926). Was die Untergangstheoretiker dabei fasziniert: Der Pariser ist jüdischer Abstammung und könnte – quasi in letzter Sekunde – für eine Aussöhnung zwischen Judentum und Christentum sorgen.
Im „Totopapa“ („Papstlotto“) war Lustiger tatsächlich einmal Favorit. Doch das war bereits vor längerer Zeit. Mittlerweile gilt auch der Franzose als zu alt für den heikelsten Job des Christentums. Da der Gesundheitszustand von Papst Johannes Paul II. bereits seit Jahren und für die Öffentlichkeit wahrnehmbar schwerstens angegriffen war, wurde naturgemäß reges Rätselraten darüber betrieben, wer sein Nachfolger werden könnte. Doch die Regentschaft des Polen dauerte letztlich mehr als 28 Jahre und war damit eines der längsten Pontifikate in der Geschichte der Christenheit: So manchen ehemaligen Kronprinzen hat der Pole um Jahre überlebt.
Doch nun ist es so weit. Die jahrelang entwickelten Planspiele der Vatikan-Insider für die Zeit nach Karol Wojtyla werden in den nächsten Tagen tatsächlich zu den Grundlagen der Auseinandersetzung hinter den Mauern des Vatikans.

Die Rollen sind dabei klar verteilt: Vieles deutet darauf hin, dass es zu einem Zweikampf um den Stuhl Petri kommen wird. Auf der einen Seite stehen – traditionell – die Italiener. Bis zur Wahl von Wojtyla 1978 hatten sie eine Erbpacht auf das Papstamt. Johannes Paul II. war der erste Nichtitaliener an der Spitze des Vatikans seit 455 Jahren. Doch seit den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts und einer immer schwächeren katholischen Kirche in Europa ist es keineswegs gesichert, dass die Italiener ihre traditionelle Vormachtstellung wieder erobern können. Zwar stellen sie mit rund 20 Prozent der Wahlberechtigten immer noch einen wesentlichen Machtfaktor beim Konklave dar: Aber ohne Verbündete wird es nicht gehen. Doch selbst bei geschlossener Unterstützung durch alle westeuropäischen Kardinäle kämen die Italiener nur auf rund 40 Prozent der Stimmen im Kardinalskollegium.

Kandidaten des rechten Rands, wie etwa der Kardinal von Bologna, Giacomo Biffi (geboren am 13.6.1928), welcher der rechten Erneuerungsbewegung Communi-one e liberazione zuzurechnen ist, oder der Chef der italienischen Bischofskonferenz, Camillo Ruini (19.2.1931), dürften daher weniger Chancen haben. Die Italiener haben sich in den vergangenen Jahren vor allem um zwei sehr aussichtsreiche, weil kompromissfähige Kandidaten geschart: Zum einen ist das Angelo Scola, der Patriarch von Venedig (geboren am 7.11.1941). Von dieser Position aus haben es schon einige zu päpstlichen Würden gebracht. Doch die nach wie vor unumstrittene Nummer eins der Italiener im Nachfolgespiel ist der Mailänder Kardinal Dionigi Tettamanzi (14.3.1934). Er gilt als einer der Top-Favoriten des erzkonservativen Opus Dei, aber auch als möglicher Kompromisskandidat etwa für die afrikanischen Kardinäle.
Als Kandidat für eine sehr breite Mehrheit der Kardinäle akzeptabel zu sein ist freilich seit einer von Wojtyla 1996 durchgeführten Wahlrechtsreform nicht mehr ganz so entscheidend: Nach dem 33. Wahlgang im Konklave ist nämlich nun die bislang obligatorische Zweidrittelmehrheit nicht mehr erforderlich – gewählt werden kann dann auch mit einfacher Mehrheit. Nicht, dass es so lange dauern muss – doch vor allem konservative Kardinäle könnten der klar in der Minderzahl befindlichen Gruppe der eher Gemäßigten schon zu Beginn Beharrungswillen signalisieren. Großer und möglicherweise entscheidender Einfluss könnte in diesem Zusammenhang dem Opus Dei zukommen: Geschätzte 60 Kardinäle, also etwa die Hälfte des Kollegiums, werden dessen Einflussbereich zugerechnet.
Vieles scheint im Vatikan auch auf einen anderen Bruch mit bisherigen Traditionen hinzudeuten. Nach dem Osteuropäer Johannes Paul II., der vor allem als Signal gegen den Kommunismus gesehen wurde, könnte erstmals ein Nichteuropäer bei
der Wahl zum Zug kommen. Manche hoffen sogar auf den ersten afrikanischen Papst der Geschichte und nennen dabei vor allem den nigerianischen Kurienkardinal Francis Arinze (geboren am 1.11.1932). Doch so „progressiv“ wird die Mehrheit der Kardinäle wohl nicht sein. Weitaus wahrscheinlicher ist es, dass der neue Papst vom katholischen Kontinent schlechthin kommt: aus Südamerika. Selbst in den heiligen Hallen des Vatikans ist längst klar, dass dieser Kontinent der tatsächliche Hoffnungsmarkt der katholischen Kirche ist. Europa haben einige an den höchsten Stellen der katholischen Kirche längst als „verloren“ abgeschrieben. „Die Weltkirche spricht Spanisch, nicht mehr Italienisch“, sagt ein hoher Funktionär aus Rom.
Die Italiener hoffen zwar sehr stark, dass sich die Südamerikaner nicht auf einen wählbaren Kandidaten einigen können und daher noch einmal ein mehrheitsfähiger italienischer Kompromisskandidat – etwa Tettamanzi – durchzubringen ist. Doch die wachsende Gruppe der Lateinamerikaner verfügt durchaus über einige Kardinäle, denen beträchtliche Chancen zugebilligt werden. Einmal ist da der hochrangige Kurienkardinal Dario Castrillón Hoyos aus Kolumbien (geboren 4.7.1929). Der erzkonservative Präfekt der Kleruskongregation steht vor allem für eine Aussöhnung mit dem extrem rechten Rand der Kirche und eine Rückbesinnung auf alte Riten, wie etwa das Wiederaufleben der lateinischen Messe. In einem seiner äußerst seltenen Interviews ließ Castrillón vor wenigen Jahren gegenüber profil keinerlei Kompromissbereitschaft in den vor allem in Europa so heiß diskutierten Fragen etwa des Zölibates oder der Rolle der Frau erkennen. „Es geht nicht so sehr um Europa“, sagte er damals.

Zumindest ein wenig gemäßigter erscheinen einige andere potenzielle Favoriten des massiven Südblocks im Konklave: Zum einen sind da der Erzbischof von Sao Paolo, Kardinal Claudio Hummes (geboren am 8.8.1934) und der als Geheimtipp geltende Guatemalteke Rodolfo Quezada Toruno (8.3.1932). Von vielen wird auch Oscar Andres Rodriguez Maradiaga (29.12.1942) aus Honduras als durchaus chancenreich angesehen. Letzterer hat bloß einen Nachteil: Er könnte für das Amt schlichtweg zu jung sein. Denn der neue Papst dürfte wohl aus den älteren Kardinälen im Konklave gewählt werden. Ein derart langes Pontifikat wie jenes von Johannes Paul II. wünscht sich im Vatikan kaum jemand. Gesucht wird nach einem Übergangskandidaten. Vor allem die Kurie, die vatikanische Hochbürokratie, hat starkes Interesse, auf diesem Wege ihre Macht und ihren Einfluss zu konsolidieren.
Natürlich gibt es auch innerhalb der Kurie, die etwa ein Drittel der wahlberechtigten Kardinäle stellt, einige aussichtsreiche Kandidaten für die Papstnachfolge. Allen voran ist dabei der Präfekt der Bischofskongregation, Giovanni Battista Re, zu nennen, der in den vergangenen Jahren gemeinsam mit Glaubenspräfekt Joseph Ratzinger und Kardinalstaatssekretär Angelo Sodano das Top-Trio der vatikanischen Hierarchie bildete.
Im Gegensatz zu den beiden anderen hat der erst 71-jährige Italiener einen guten Teil seiner Karriere im Vatikan noch vor sich. Er wird im anstehenden Konklave seinen beträchtlichen Einfluss ausüben. Re gilt als Machtzentrum der gesamten Kurie und wird intern statt der für Kardinäle gängigen Bezeichnung „Eminenz“ häufig scherzhaft „Effizienz“ genannt. Auch bei der Ablöse Kurt Krenns als Bischof von St. Pölten war Re die entscheidende Kraft hinter der raschen Entscheidung des Vatikans.
Dennoch wäre die Wahl eines Kurienkardinals eine Überraschung. Seit Pius XII. in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat es kein Mitglied der Kurie mehr auf den höchsten Posten der katholischen Kirche geschafft. Zuletzt kamen durchwegs Kardinäle aus den Ortskirchen zum Zug.
Einige Außenseiter und Geheimtipps gibt es natürlich auch – wie vor praktisch jeder Papstwahl: Der Belgier Godfried Danneels (geboren am 4.6.1933) gehört dazu. Und auch der österreichische Kandidat für den Stuhl Petri, Kardinal Christoph Schönborn. Er wird in Rom zwar zum erweiterten Kreis der „papabile“ gezählt. Durch ausgedehnte Reisen etwa in die USA und nach Israel zog er im Vatikan in den vergangenen Jahren interessierte Blicke auf sich. Und als Redakteur des unter Johannes Paul II. völlig überarbeiteten Weltkatechismus gilt er als in Kernfragen sattelfest und ausreichend konservativ. Doch „bella figura“ zu machen, wie das die Vatikan-Insider nennen, wird wohl nicht genügen. Schönborn (geboren am 22.1.1945) gilt als zu jung, um zum engsten Kreis der Favoriten zu zählen.

Von Thomas Hofer