Reportage: Der Tag, als der grüne Halbmond am Himmel stand

In Nablus, der größten palästinensischen Stadt des Westjordanlands, wünschten sich die Wähler ehrliche Volksvertreter. Auch hier siegte bei den Parlamentswahlen vergangene Woche die radikal-islamische Hamas.

Der Mann hält sein Auto an, steigt aus und blickt fassungslos nach oben. Hoch über ihm steht eine Sichel am Himmel über der Stadt Nablus, aber es kann nicht der Mond sein. Der geht anderswo auf, und dieses Ding schimmert hellgrün. „Sie haben tatsächlich ein Seil quer über das Tal gespannt und ihren Halbmond über der Stadt angebracht“, sagt der Palästinenser, der mit Vornamen Arafat heißt und der Fatah-Partei angehört. Der grüne Halbmond ist das Emblem der Hamas, er symbolisiert den Islam. Eingängiger und stilvoller kann ein Logo kaum sein. Arafat fährt kopfschüttelnd weiter.

Noch weiß niemand, dass die radikal-islamische Partei bei den Parlamentswahlen mit absoluter Mehrheit den Sieg davontragen wird und dass der grüne Halbmond über Palästina bald mehr bedeuten könnte als einen Wahl-Gag.

Nablus, die größte palästinensische Stadt im Westjordanland, die malerisch zwischen zwei Bergen liegt, ist verhängt und zugeklebt mit Transparenten und Plakaten, auf denen die Parteien um Stimmen bei der ersten Parlamentswahl seit zehn Jahren buhlen. Der Großteil der Wahlwerbung gilt der Hamas, sie hat grüne Stoffbahnen gefertigt, die ganze Hochhäuser bedecken. Und jetzt steht auch noch ihr Mond am Himmel.

Es ist Montag der vergangenen Woche, der letzte offizielle Tag im Wahlkampf. Im Besprechungszimmer der Hamas-Zentrale in der Innenstadt von Nablus hängt ein Computerausdruck an der Wand, der alle Kämpfer an ein grundlegendes Prinzip erinnern soll. Überraschenderweise stammt es nicht aus dem Koran: „Das Geheimnis des Erfolgs ist es, sich die Zeit gut einzuteilen.“ Der Islam mag als Fundament allen Wirkens dienen, aber wenn es darum geht, zum allerersten Mal in der Geschichte der Hamas Wählermassen für eine Parlamentswahl zu mobilisieren, bedienen sich die bärtigen Fundis moderner Technologien wie SMS-Aufrufe, Mailings und TV-Spots und beweisen in ihrer Propagandaschlacht ähnliche Effizienz wie sonst bei der Organisation von Selbstmordanschlägen.

Yasser Manousour, einer der Hamas-Kandidaten auf der nationalen Wahlliste mit dem betont harmlosen Namen „Wandel und Reform“, nimmt vor dem Zettel mit dem Tipp für Zeitmanagement Platz und überlässt das Reden erst einmal seinem Sprecher Adnan Asfor. Zwei Tage vor der Wahl kann sich Manousour in Gelassenheit üben: Die Hamas gilt seit Beginn des Wahlkampfs als der große Herausforderer der regierenden Fatah-Partei. Dabei scheint es die radikal-islamische Bewegung nicht nötig zu haben, den Wählern große Versprechungen zu machen.

Die grüne Sichel stehe für „unsere religiösen Gedanken und unseren Glauben“, so Manousours Sprecher, denn „das palästinensische Volk ist ein islamisches Volk“. Hinter dieser Feststellung kann sich alles Mögliche verbergen, vielleicht auch die Einführung der Scharia, das Verbot von Alkohol oder der Verschleierungszwang für Frauen. Die Hamas äußert sich dazu nur vage, Kandidat Manousour ergreift das Wort: „Wir wollen einen zivilisierten Staat mit islamischem Fundament. Der Gesetzgeber ist das Volk, was immer aus ihm kommt, wird aus dem Islam kommen.“

Manousour, ein 38 Jahre alter Imam im grauen Anzug, verweigert konkrete Ankündigungen, wie die Hamas einen Wahlsieg nutzen würde. Über Verhandlungen mit Israel will er erst gar nicht nachdenken: „Der Feind will ohnehin nicht verhandeln.“ Der derzeitige Waffenstillstand der Hamas sei zu überdenken: „Nach der Wahl werden wir in Kairo darüber beraten.“ Auch in der Frage des Existenzrechts des Staates Israel, den die Hamas laut Statut zu vernichten trachtet, will er sich nicht festlegen: „Wir anerkennen keine Besatzungsmacht“, lautet die vergleichsweise diplomatische Formulierung.

Die Hamas muss vor dieser Wahl nicht den Part des polternden Newcomers geben, sie ist die Kraft, die noch nicht durch jahrzehntelange, unbefriedigende Verhandlungen mit Israel verbraucht ist wie die Fatah. Jeder weiß, was mit dem Slogan „Eine Hand baut auf, eine leistet Widerstand“ gemeint ist. Die Hamas hat sich durch bewaffneten Kampf und soziales Engagement eine Glaubwürdigkeit aufgebaut, die das Volk honorieren wird. Manousour lächelt geduldig, bis das Interview zu Ende ist. Das Prinzip des strikten Zeitmanagements vernachlässigt er gern zugunsten des Gebotes der Gastfreundschaft. Und das Gottvertrauen überwiegt die Nervosität vor einer Wahl bei Weitem.

Frust und Zorn. In dem Veranstaltungssaal, in dem die Fatah ihre Abschlusskundgebung abhält, gehen hingegen die Emotionen hoch. Vermummte Mitglieder der Al-Aksa-Brigaden präsentieren ihre automatischen Waffen vom Typ Kalaschnikow und M-16, während Revolutionslieder aus den übersteuernden Lautsprechern brüllen. Männer skandieren „Allah ist groߓ, und Frust und Zorn entladen sich, wenn der Name „Hamas“ fällt. Die Fatah, die sich für die unersetzliche Regierungspartei hält, weil sie es lange Zeit tatsächlich war, musste bei Lokalwahlen im vergangenen Dezember in allen großen Städten eine vernichtende Niederlage hinnehmen. In Nablus gewann die Hamas 13 von 15 Sitzen in der Distriktsregierung.

Die Fatah steht mit dem Rücken zur Wand und versteht nicht, warum. Als am Montagabend der Wahlkampf zu Ende geht, sitzt Amin Maqpool, der Leiter der Fatah-Kampagne, in seinem feudalen Wohnzimmer und hadert mit den ernüchternden Umfragedaten. Doch er bleibt siegesgewiss. Die Botschaft der Fatah sei beim Volk angekommen: „Wer ist denn schuld daran, dass Israel Checkpoints errichtet und die Mauer um das Westjordanland baut? Die Hamas mit ihren Anschlägen! Sie liefert der israelischen Armee einen Vorwand, um dauernd in Palästina einzumarschieren.“ Erstmals konnten Hamas und Fatah ihre Argumente bei einer TV-Konfrontation auf dem arabischen TV-Sender Al-Jazeera austauschen, und auch da habe sein Kandidat besser abgeschnitten, ist Maqpool überzeugt. Dann läutet es an der Tür. Ein Wahlhelfer der Hamas verteilt Broschüren. Auch an der Straßenkreuzung vor dem Haus stehen ein paar Jugendliche mit grünen Fahnen, obwohl es längst dunkel ist.

Am Dienstag, dem Tag vor dem Urnengang, muss der Wahlkampf vorschriftsgemäß ruhen, offizielle Kundgebungen sind untersagt. Die Nachricht von einem Mord, der sich in der Nacht in Nablus ereignet hat, durchbricht den Frieden. Yousef Hassooneh, ein 43 Jahre alter Besitzer eines Supermarktes, soll erschossen worden sein, weil er sich weigerte, ein Wahlplakat von seinem Balkon zu entfernen. Das Plakat hängt noch da, deutlich sind Blutspuren zu sehen. Sowohl Täter als auch Opfer sollen der Fatah angehören, es war ein Mord unter Parteifreunden. Die Täter, so heißt es, werfen dem Fatah-Kandidaten Gassan Shakaa, der auf dem Plakat abgebildet ist, vor, für den Tod eines Mitgliedes der Al-Aksa-Brigaden verantwortlich zu sein.

Am Tatort wimmelt es plötzlich von bewaffneten Männern, die jedes Auto kontrollieren. Sie gehören keiner Polizeieinheit an, aber niemand hindert sie an ihrer privaten Machtdemonstration. Sie fühlen sich provoziert, weil die Täter nicht sofort verhaftet worden seien. Der verworrene Fall zeigt den jammervollen Zustand, in dem sich der Behördenapparat der Fatah-Regierung befindet. Die Korruption hat Justiz und Polizei ebenso durchsetzt wie alle anderen Institutionen, besonders auch jene, die Geld zu verteilen haben. Wer der Fatah angehört, bekommt einen Job und kann seine Kinder in eine gute Schule schicken. Die bewaffneten Gruppierungen der Al-Aksa-Brigaden haben sich selbstständig gemacht, stehen aber weiter unter dem Schutz der Regierung und treiben so ihr Unwesen. Der Supermarktbesitzer Hassooneh ist bloß ein mehr oder weniger zufälliges Opfer dieses Filzes. Bei der Trauerfeier ballern Vermummte in die Luft – es riecht nach Rache.

„Die Fatah-Leute sind allesamt Diebe und Gauner“, sagt Ahmed Khdaer, ein 24 Jahre alter Hotelrezeptionist. Einen Hamas-Wähler würde man sich anders vorstellen als diesen jungen Mann in Jeans, Kapuzen-Sweater mit dem Aufdruck „Liverpool Soccer League“. Khdaer steckt sich eine Gauloise an und sagt, dass alle seine Freunde ebenfalls für die Hamas stimmen würden. Mit Hass auf Israel hat das, in ihrem Fall wenigstens, wenig zu tun. Sie wollen eine Regierung, die sich um die Lebensbedingungen aller Leute kümmert, nicht nur um die ihrer Parteimitglieder. Eine Zwangsislamisierung durch die Hamas fürchtet Khdaer nicht; das sei in der pluralistischen palästinensischen Gesellschaft nicht möglich.

Volksfest. Den Urnengang schließlich feiern die Palästinenser als Volksfest. Vor den Wahllokalen, die meist in Schulen untergebracht sind, haben alle Parteien ihre schönsten Transparente aufgespannt, und Kinder verteilen unermüdlich Zettel, die sie zur Not auch einfach in offene Autofenster werfen. Aus Lautsprechern dröhnen Musik und Propaganda, in Parteifarben geschmückte Lastwagen fahren mit dutzenden von schreienden Jugendlichen auf und ab. In den besetzten Gebieten finden selten Großereignisse ohne Beteiligung der israelischen Armee statt, allein deshalb erscheint die Demokratie als tolle Sache.

Die Palästinenser haben keine Scheu zu sagen, wen sie wählen. Sheikh Bilal, ein Schulwart, stimmt für die Hamas, weil er sich „Anständigkeit in finanziellen Angelegenheiten“ wünscht. Feryal Saleem, eine 42 Jahre alte Hausfrau, wählt ebenfalls die Hamas, weil das einen Sieg für die religiösen Leute bringen werde. Zwei junge Studentinnen, die ihre Namen lieber nicht nennen, halten der Fatah die Treue, denn für alles, was schief gelaufen sei, trage Israel die Schuld. Eine der beiden Frauen war bereits wegen des Verdachts, Selbstmordanschläge zu unterstützen, in israelischer Haft. Für sie ist ein Attentat immer noch „eine Option“.

Auch als die Wahllokale bereits geschlossen haben, nimmt die Party kein Ende. Nur in den Zentralen der Parteien telefonieren Mitarbeiter mit ernsten Mienen und notieren die Ergebnisse von Nachwahlbefragungen auf kleinen Zetteln, die sie ihren Chefs reichen. Fatah-Wahlkampfleiter Amin Maqpool glaubt nach wie vor an zehn Prozentpunkte Vorsprung seiner Partei. Im Hamas-Büro sind gegenteilige Nachrichten eingelangt, man wittert einen Sieg. Doch Kandidat Yasser Manousour bleibt ebenso gelassen wie vor der Wahl. Alle Hamas-Anhänger haben die Order bekommen, nach Hause zu gehen. Ob er Gott danken werde, wenn die Hamas die Wahl gewinnt? „Ich werde Gott auch dann danken, wenn wir verlieren“, antwortet Manousour.

Der gute Vorsatz erweist sich als überflüssig. Am Tag nach der Wahl überschlagen sich die Meldungen. Um sieben Uhr früh gibt Hamas-Spitzenkandidat Ismail Haniyah bekannt, seine Partei habe die Mehrheit erzielt. Am Nachmittag verkündet die Hamas, sie habe die absolute Mehrheit errungen, bald darauf bestätigt die zentrale Wahlkommission, dass die Hamas 76 von 132 Mandaten errungen habe, während die Fatah nur 43 Abgeordnete stelle. Euphorische Hamas-Anhänger stürmen das Parlament in Ramallah und hissen kurzfristig die Flagge der Hamas. Die Regierung unter Ministerpräsident Ahmed Korei tritt zurück. Israel und die übrige Welt fragen sich fassungslos, was in die Palästinenser gefahren ist.

Die meisten Palästinenser hingegen sehen ihre Wahl nicht als Botschaft an Israel oder die Welt. Sie haben sich von innenpolitischen Motiven leiten lassen und hoffen nun auf mehr Arbeit, eine gerechtere Verteilung der Gelder und weniger Pomp bei den Volksvertretern. Der Plan, Israel zu zerstören, spielte dabei – so unglaubhaft das klingen mag – keine Rolle. Schließlich verübten auch die Al-Aksa-Brigaden der Fatah in der jüngeren Vergangenheit Selbstmordanschläge, worauf die israelische Regierung seit Jahren hinweist.

In Nablus jedenfalls versammeln sich am Tag nach der Wahl die Hamas-Anhänger am Hauptplatz nahe der Altstadt und feiern ihren Sieg auf Palästinensisch: viel Krach aus übersteuernden Lautsprechern, viele Schüsse in die Luft, viele Sprechchöre – und das alles gleichzeitig. Die Fatah-Anhänger sitzen zu Hause und sorgen sich um den Fortbestand der relativ liberalen Gesellschaft. Es geht das Gerücht um, die Hamas werde Internet und Satelliten-TV kontrollieren.

Die Hamas-Kandidaten bedanken sich artig bei Allah, sie haben in Nablus fünf von sechs möglichen Sitzen erobert. Der grüne Halbmond leuchtet kraftvoll über der Stadt.

Von Robert Treichler, Nablus