Reportage: Die Ernte des Krieges

Die afghanischen Warlords, eben noch Alliierte des Westens, nutzten den Frieden. Sie ließen die Opiumproduktion innerhalb eines Jahres um die Hälfte wachsen. Mittendrin und zwischen allen Fronten: ein Häuflein Österreicher.

Mahbupa Haider nestelt mit kälteklammen Fingern an einem Mobiltelefon. Im Lehrerzimmer hat es keine zehn Grad. Der mit Diesel befeuerte Ofen aus blankem Blech ist dem Winterwetter nicht gewachsen. Nach einigen Mühen gelingt es der Schuldirektorin dann doch, eine Verbindung herzustellen. Sie spricht ein paar Worte, horcht nickend einem Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung zu, klappt schließlich das Handy zusammen. Das sei bloß der Assistent des „Generals“ gewesen, erklärt sie. Er habe versprochen, der „General“ werde am nächsten Tag um elf Uhr zur Verfügung stehen. „Er ist mit seinen Leuten irgendwo am Land unterwegs. Er wird morgen in die Stadt kommen“, sagt Frau Haider.

Die Stadt ist Kunduz im Norden Afghanistans, in einem Tal zwischen der 4000 Meter hohen Gebirgskette des Hindukusch und der zentralasiatischen Republik Tadschikistan gelegen. Hier an einem Ende der Welt betreibt die österreichische Caritas gemeinsam mit dem Leondinger Malereiunternehmer Otto Hirsch ein humanitäres Projekt: einen Kindergarten, eine gemischte Schule, eine Textilproduktion mit 40 Nähmaschinen für 40 Frauen und ein Frauenzentrum.

Ausgerechnet hier, wo die Selbstbestimmung der Frauen etwa so stark verankert ist wie demokratische Traditionen westlichen Zuschnitts. Und ausgerechnet hier im Zentrum jener nördlichen Provinzen, aus denen fast das gesamte Heroin der Welt stammt: Laut den Zahlen des in Wien angesiedelten United Nations Office of Drugs and Crime (UNODC) lieferte Afghanistan im Jahr 2004 87 Prozent der Weltproduktion von illegalem Opium. Gegenüber 2003 sind die Anbauflächen laut UNODC um die Hälfte auf 131.000 Hektar gewachsen. Schon 2003 waren 60 Prozent der afghanischen Wirtschaftsleistung auf die Opiumproduktion entfallen. „Das Chaos nach der Invasion ist verantwortlich für die Drogenexplosion. Afghanistans Schlafmohn-Ernte befindet sich auf einem Rekordniveau“, schrieb die „Los Angeles Times“ kürzlich in Anspielung auf die amerikanische Außenpolitik.

Präsident und General. Der österreichische Caritas-Präsident Franz Küberl, der seinen Leuten in Kunduz in diesen Tagen einen Besuch abstattet, versteht die Frage: Ob es denn einen Sinn habe, ausgerechnet dort Entwicklungshilfe zu leisten, wo sich der ökonomische Fortschritt seit dem Ende des Taliban-Terrors im schnellen Ausbau der Drogenindustrie manifestiere? „Das Projekt ist ein Symbol für andere Möglichkeiten“, sagt er, „aber es ersetzt nicht regionale Landwirtschaftspolitik und internationale Maßnahmen.“

Am nächsten Morgen soll also der „General“ anreisen. Es ist der 21. Jänner, der letzte Tag des mohammedanischen Opferfestes Eid al-Adha. „Das sind die moslemischen Weihnachten“, scherzt Said Farouqu. Er ist Bezirksvorsteher für das Schulwesen der Region Kunduz. Ein mächtiger Mann, dessen vielfältigen Verbindungen es die katholische Caritas verdankt, dass sie im moslemischen Afghanistan ein Zentrum betreiben kann, das der Männerwelt der Afghanen in jeder Hinsicht widerspricht.

Nasser Schneefall hat eingesetzt. Er verwandelt die Lehmstraßen in weißen Morast. Zwei Tage später wird die Dubaier Tageszeitung „Gulf News“ unter einem Foto des schneebedeckten, zerbombten Darul-Aman-Königspalastes von Kabul schreiben: „Einer der schlimmsten Schneestürme der vergangenen Jahre, ein willkommener Anblick für das dürregeplagte Land.“ Denn im Sommer zerfallen die Straßen bei Temperaturen von 40 Grad zu Staub. Es fällt schwer, sich die Landschaft irgendwann dazwischen mit roten Mohnfeldern vorzustellen.

Am Straßenrand steht ein vielleicht zehnjähriger Bub in dünner Kleidung. Mit einem Plastikgewehr zielt er auf die vorbeirutschenden Autos. So wie viele Männer und Frauen in der Stadt will er, dass ein Foto von ihm gemacht wird. Mit seinen dreckigen Fetzen und der Spielzeugwaffe posiert er als stolzer Krieger.

Der „General“ trifft eine halbe Stunde verspätet ein. „Die Feiertage und das schlechte Wetter“, sagt er lächelnd. Die Entschuldigung nimmt man ihm angesichts seines schwer bewaffneten Fahrzeugkonvois nicht ab. Brigadegeneral Muhammad Daoud ist eine der am stärksten schillernden Figuren Afghanistans, einer der mächtigen Warlords, mit denen sich Staatspräsident Hamid Karzai arrangieren muss, um das Land vor dem Auseinanderbrechen zu bewahren. Daoud ist Tadschike und kämpfte in der Nordallianz gegen die Taliban. Aus dieser Zeit stammt seine Feindschaft zum usbekischen General Abdul Raschid Dostum, seinem „Rivalen um die Machtverteilung, insbesondere die Einnahmequellen Drogenhandel, Waffenschmuggel und andere Formen der organisierten Kriminalität“, so ein Dossier des österreichischen Heeresnachrichtenamtes.

Erst am Abend zuvor hat das afghanische Fernsehen von einem Selbstmordanschlag auf Dostum berichtet: nur 100 Kilometer nördlich von Kunduz, angeblich drei tote Leibwächter, Dostum ist unverletzt geblieben.

Nach dem Krieg wurde Daoud Kommandant des VI. Armeekorps. „Dass ein wichtiger Teil des afghanischen Drogenhandels nur mit seinem Einverständnis abgewickelt wird, kann angenommen, aber nicht bewiesen werden“, schreibt das Heeresnachrichtenamt.

Seit Ende August 2004 ist der „General“ nicht mehr General: Denn Präsident Karzai hat den nun 35-jährigen Warlord zum „Stellvertretenden Innenminister mit dem Aufgabenbereich Drogenbekämpfung“ ernannt.

„Armee und Polizei werden besser und sind jetzt fähig, gegen den Mohnanbau vorzugehen. Die Justiz wird besser und kann die Täter bestrafen“, doziert Daoud (siehe Kasten Seite 72). „Ich bin verantwortlich dafür, dass es in über 20 Provinzen, in denen Mohn angebaut worden ist, überhaupt keinen Anbau mehr gibt. Wir haben 68 Labors zerstört und dabei 60 Tonnen Morphium und Heroin gefunden.“

Aber belegen die Statistiken der UNO nicht genau das Gegenteil: dass nämlich der Mohnanbau übers Jahr kräftig zugenommen hat? Daoud verspannt sich bei dieser Frage nicht, weicht nur leicht in seinen großen Fauteuil zurück. Er sitzt vor einem ungeheizten Kamin in einem schlauchförmigen Empfangsraum. Im Kamin lehnt eine Keramikbüste von Ahmed Shah Masood, des charismatischen Führers der Nordallianz. Der „Löwe von Panshir“ – er wurde exakt am 11. September 2001 ermordet – ist mit einer Art Heiligenschein auch in dem Kalender abgebildet, der auf einem Beistelltisch neben Daoud steht. „Ja, insgesamt ist der Mohnanbau 2004 um über 40 Prozent gestiegen.“ Genau deshalb sei er ja ins Ministerium nach Kabul beordert worden. „Das Ausland hatte Hilfe für die Bauern versprochen, aber nichts gegeben, und der Anbau von Baumwolle als Alternative zu Opium hat nicht so gut funktioniert.“ Die Bevölkerung brauche andere Einkommensformen, um überleben zu können.

Baumwolle, eines der ursprünglichen landwirtschaftlichen Produkte der Region, bringt den Bauern bestenfalls ein Zehntel des Ertrages, den der Mohn abwirft. Auch der Versuch, nach dem Ende des Taliban-Regimes Getreide als Alternative durchzusetzen, ist gescheitert. Otto Hirsch, der Partner der Caritas in Kunduz, war 2002 erstmals im Land. Er berichtet: „Es gab hier im Norden ein Jahr lang flächendeckenden Weizenanbau. Dann ist billiger Überschussweizen aus Amerika angeliefert worden. Die Ernte wurde nicht einmal mehr eingebracht.“ Im nächsten Jahr sei wieder der Mohn gestanden.

„Ich habe diese Aufgabe übernommen, weil sie die ganze Welt betrifft“, sagt Daoud ganz freundlich. „Wenn ihr im Westen die Nachfrage nach Drogen reduziert, dann können wir das Angebot reduzieren.“ Damit hat der Mann, der von der Drogenindustrie lebt und der sie zugleich bekämpfen soll, wohl Recht.

Deutscher Außenposten. Die Männer, die hier im Norden Afghanistans diesen Westen repräsentieren, sitzen wenige Kilometer entfernt in einer improvisierten Kaserne: 280 Soldaten der deutschen Armee, die als Teil der International Security Assistance Force (ISAF) in Kunduz für Ordnung sorgen. Der Stützpunkt mit Adresse „Feldpost Darmstadt“ erinnert an die Wagenburgen eines Provinzzirkus im nassen Spätherbst. Wasser trieft von Planendächern, sehnige Gestalten huschen von Container zu Container. Ein Zelt ist als Treffpunkt für „Deutsche Minentaucher“ ausgewiesen, nicht nur im Binnenland Afghanistan etwas Außergewöhnliches.

Oberst Reinhard Barz, der hier kommandiert, spricht von der Unmöglichkeit, mit Gewalt gegen den Mohnanbau vorzugehen, wie es Präsident Karsai dem Westen für dieses Jahr in Aussicht gestellt hat: „Wenn ich zu einem Bauern gehe, dann fragt mich der, ob ich sein Feld zerstören will. Darauf würden die Kriminellen nur warten. Wir wären beschäftigt.“

Über die Identität dieser Hintermänner herrscht bei den Deutschen wenig Zweifel. „Die lokalen Führer verdienen am Drogenhandel, weil sie zumindest Wegezoll verlangen. Die Strukturen sind über Jahrhunderte gewachsen. Ich habe viele Gespräche mit General Daoud geführt. Männer wie er waren es nicht gewohnt, Konflikte friedlich auszutragen.“ Diese Analyse stammt von Thomas Schultze. Der junge Jurist im grauen Anzug mit blauer Krawatte und Hornbrille scheint die wahre Macht an diesem deutschen Außenposten zu repräsentieren. Er ist vom Auswärtigen Amt dorthin geschickt worden, wo Europa die größte Gefahr ortet, die von Afghanistan ausgeht: „Natürlich ist Rauschgift das Problem Nummer eins.“ Seine Taktik ist eine politische: „Die Warlords nehmen unsere Soldaten zwar stärker zu Kenntnis als mich in Zivil. Aber wenn ich auf meine Kontakte in Kabul hinweise, dann wissen sie: Sie können in diesem Land nichts werden, wenn Schultze sich einschaltet.“

Und Schultze ist optimistisch. Die Situation sei eine ganz andere als etwa in den Drogenhochburgen Südamerikas. Der Widerstand werde von den Leuten ausgehen: „Die Bevölkerung will keinen Krieg mehr, und die Drogenbarone sind die Fortsetzung des Krieges.“ Vor allem aber seien die Menschen überaus religiös, und der Koran verbiete jede Art von Drogen: „Daher hat die Bevölkerung latent ein schlechtes Gewissen.“

Mit Gott gegen das Opium? Das ist auch die einzige gute Tat der Taliban gewesen. Caritas-Präsident Küberl wird nachdenklich. Auslöser des Krieges in Afghanistan sei doch „die überschießende Religiosität“ gewesen. Ob man den lieben Gott wohl im Griff habe, merkt er gegenüber Schultze an.

Der dritte Mann. Doch es gibt auch einen Österreicher, den das alles nicht kratzt. Auf der Visitenkarte steht „Franz K. Zenz“, und sein Unternehmen heißt „Tryco“. Anfang 60, untersetzt, blitzsaubere Barbour-Jacke, goldene Dior-Brille. Er hat seine Basis in Kabul. Er vermietet Flugzeuge und zwei russische Hubschrauber, die „mit ihren 4500 PS schon einmal den amerikanischen Apache-Helikoptern davongeflogen sind“. Er baut Tanklager an den Flugpisten. Er verkauft Flugbenzin. „Ich beliefere alle Kriegsparteien“, sagt Zenz stolz, „mich brauchen alle, mir tut hier keiner was.“

Herr Zenz ist die dritte Partei zwischen den vielen Fronten. Er ist „Der dritte Mann“ in einer hochbezahlten Rolle in Afghanistan.