Reportage: Leben am Sarkophag

Geisterstädte, Einsiedler, Arbeiterhelden, eine hell erleuchtete Bar – und Plädoyers für die Atomkraft: die verstörende Normalität in der „Todeszone“ von Tschernobyl, zwanzig Jahre nach der Nuklearkatastrophe.

Irgendjemand geht noch um in der toten Stadt. Jemand, der eigentlich nicht hier sein sollte und Zeichen an der Wand hinterlässt.

Vor der Ruine des Hotels Polissa im Zentrum von Pripyat hat er einen Stuhl aufgestellt und dahinter zwei schwarze Silhouetten auf den bröckelnden Verputz gesprüht: Die Konturen eines Menschen mit beschwörend ausgestreckten Händen, daneben eine Figur, die an der Mauer zu tanzen scheint. Und zwei Gesichter, die an japanische Manga-Comics erinnern. Eines davon, ein pausbäckiges Mädchen, lächelt mit leeren Augen die Fensterhöhlen des Plattenbaus auf der anderen Straßenseite an.

Die Graffiti müssen lange nach der Katastrophe entstanden sein, die Pripyat, keine fünf Kilometer vom Kernkraftwerk Tschernobyl entfernt, vor zwanzig Jahren zur Geisterstadt gemacht hat. Aufnahmen zeigen, dass sie um das Jahr 2000 noch nicht da waren. Wer sie geschaffen hat, bleibt rätselhaft.

Denn seit am 26. April 1986 der Reaktor 4 des Atommeilers „Lenin“ außer Kontrolle geriet und explodierte, darf Pripyat nur mehr mit Sondergenehmigung betreten werden: unter Aufsicht der ukrainischen Behörden, die aufpassen, dass sich kein Besucher zu weit ins Gelände verirrt. Und dass keine verbotenen Objekte hierher gebracht werden – Waffen, Gaskartuschen und Alkohol zum Beispiel. Aber auch Spraydosen sind untersagt.

Es ist sehr still hier unter einem eisblauen Himmel, Schneefahnen huschen über den gefrorenen Boden, am Hauptplatz rostet das Gerippe einer Telefonzelle, hinter dem Kulturpalast mit dem Sowjetstern am Dach ragt das Riesenrad des städtischen Vergnügungsparks in die Höhe. Unter dem winterkahlen Gestrüpp, das zwischen den Wohnblöcken wuchert, sind Tierfährten zu sehen.

Pripyat, das ist die „Todeszone“ um Tschernobyl, wie sie sich nach dem bislang größten Unfall in der Geschichte der zivilen Kernkraftnutzung ins Bewusstsein der Welt gefressen hat: Der Asphalt, die Erde, die Gebäude, alles kontaminiert. Derzeit beträgt die Strahlung im Stadtzentrum nach offiziellen Angaben bis zu 15.000 Mikroröntgen pro Stunde, das eintausendfache der Durchschnittswerte in Wien. Wer sich einen Tag lang in Pripyat aufhält, bekommt dabei so viel ab wie ein Mitteleuropäer in einem ganzen Jahr.

Unbewohnbar. Die Folgen des Super-GAUs sind bis heute unklar. Während die Internationale Atomenergie-Organisation IAEO von bloß 50 Todesfällen in direktem Zusammenhang mit dem Unfall und 4000 indirekt Betroffenen ausgeht, vermuten Umweltschutz- und Hilfsorganisationen bis zu 250.000 Todesopfer (profil 3/05). Darüber, wie sich etwa die Intensität der Strahlung in Pripyat langfristig auf den menschlichen Organismus auswirken würde, gibt es keine Erfahrungswerte.

Klar ist nur eines: Die Zahl der an Schilddrüsenkrebs erkrankten Kinder in der Region ist nach dem Desaster deutlich angestiegen. Und: Ein Radius von 30 Kilometern um das Kraftwerk bleibt bis in alle Ewigkeit unbewohnbar. Das Plutonium, das hier die Erde verseucht, hat eine Halbwertszeit von 24.600 Jahren.

Dennoch ist die „Todeszone“ alles andere als tot. Über die vergangenen Jahre hat sich in der Strahlenwüste verstörende Normalität eingeschlichen. Pripyat mag entvölkert sein, im 18 Kilometer südlich gelegenen Tschernobyl, das zur Chiffre für die Katastrophe wurde, herrscht aber fast beschauliches Kleinstadtleben. Hier wohnen jene Arbeiter, die nach wie vor im Kraftwerk beschäftigt sind – 3600 Menschen, die sich zwei Wochen pro Monat in der Zone aufhalten dürfen.

Es gibt Geschäfte, es gibt Gassen, die mit Verkehrsschildern als Spielstraßen ausgewiesen sind, und es gibt sogar eine halbwegs schicke Bar für die langen Abende. In den Fenstern von Mietskasernen stehen Topfpflanzen, aus den Schornsteinen kleiner Häuser quillt Rauch.

Von Tschernobyl aus pendelt die Belegschaft ins Atomkraftwerk, die Fahrt führt durch Birken- und Nadelwälder, vorbei an zwei nie fertig gestellten Kühltürmen, die noch immer von Baukränen umzingelt sind. Und wenn Schichtwechsel ist, geht es bei der Anlage gerade so zu wie vor jeder anderen Fabrik auch. Arbeiter schlendern plaudernd über den Vorplatz, keiner trägt Schutzkleidung, keiner vergeudet einen besorgten Blick nach links, wenn er auf den Eingang des AKW-Komplexes zusteuert.

Linker Hand liegt der so genannte Sarkophag – jener graue, unförmige Betonklotz, der den Reaktor 4 abschirmen soll. In seinem Inneren wabert immer noch nukleare Schlacke, laufen chemische Prozesse ab, die weit gehend unkontrollierbar sind.

Abgeschaltet. Gerade einmal tausend Meter davon entfernt, im zweiten Stock des Verwaltungsgebäudes, steht Semjon Michailowitsch Stejn, Sprecher der Kraftwerksdirektion, schaut auf ein dichtes Gespinst aus Hochspannungsleitungen hinunter und hadert mit der Welt.

Seine Leute haben zwei Aufgaben zu erfüllen: Sie müssen dafür sorgen, dass Reaktor Nummer 4 stabilisiert und mit einer neuen Schutzhülle überdacht wird – wofür nicht genügend Geld vorhanden ist, weil sich die Experten bei ihren Kostenvoranschlägen offenbar kräftig verschätzt haben. Und sie müssen das AKW, das bis zum Jahr 2000 mit drei Reaktoren am Netz war, endgültig stilllegen. 300 Millionen Dollar hat es nach dem Unfall gekostet, die Anlage zu modernisieren, ein Projekt, das gleichermaßen von Prestigedenken getragen war wie von der blanken Not an Energie.

Doch dann kam das, was Stejn diplomatisch als „internationale Verpflichtungen“ bezeichnet: die endgültige Abschaltung der gesamten Anlage. „Das war eine politische Entscheidung, keine wirtschaftliche“, sagt Stejn. „Die anderen Blöcke könnten durchaus noch in Betrieb sein. Aber als ukrainischer Bürger, der sich an die Gesetze hält, erfülle ich die Entscheidung der Regierung.“

Machen Sie sich Sorgen um Ihre Gesundheit, wenn Sie täglich hier arbeiten, Herr Stejn?

„Ich kann die Belastung selbst nicht einschätzen“, sagt Stejn. „Aber es gibt ein Gesetz, das die erlaubte Strahlendosis festlegt. Und es wäre ein Straftatbestand, die tägliche Höhe der Dosis zu überschreiten. Wir kontrollieren das ständig. Alles befindet sich innerhalb der zulässigen Normen, was das Personal betrifft.“

Und was ist mit den Menschen, die sich nach der Katastrophe wieder in der Region Tschernobyl angesiedelt haben?

„Innerhalb der Zone leben keine Menschen.“
Wirklich nicht?
„Na ja, maximal ein paar, die zurückgekehrt sind, weil es ihre Verwurzelung nicht erlaubt, anderswo zu leben. Aber wir haben ihnen schon oft angeboten, ihnen eine andere Heimat zu geben. Sie werden Samosjoli genannt, das heißt so viel wie Selbstsiedler.“

Widersprüchlich. Am Küchentisch in ihrem Häuschen, das mit seinem blitzblauen Anstrich aussieht, als sei es aus Zuckerguss, sitzt Olga Gawrilenko und knackt Nüsse vom eigenen Baum. Als Reaktor Nummer 4 in die Luft flog, wurde sie von den Sowjetbehörden evakuiert, drei Tage danach ist sie gemeinsam mit ihrem Mann wieder zurückgekehrt, auf immer. Um die Tischbeine streichen Katzen, draußen schlägt der Hund an: Durch das verwilderte Waldstück nebenan stapft ein Wildschwein auf der Suche nach Nahrung unter dem Schnee.

76 Jahre ist Gawrilenko jetzt, sie hat immer hier gelebt, sie möchte hier sterben: „Das muss doch jeder einmal, egal, ob von der Strahlung oder von etwas anderem, wie Gott eben will.“ Vor sieben Jahren ist ihr Mann an einer Lungenkrankheit zugrunde gegangen, aber das hat für die alte Frau absolut nichts mit dem Unfall im Kraftwerk zu tun: „Er war in Deutschland im Konzentrationslager, und seither hat er sein ganzes Leben lang immer stark geraucht.“

Warum wollen Sie unbedingt bleiben, Olga Gawrilenko?
„Wozu ist man denn auf der Welt, wenn man nicht auf dem eigenen Grund und Boden leben kann?“
Gawrilenko vereint die Widersprüche von Tschernobyl auf sich: Sie hat zwanzig Jahre lang Gemüse und Früchte aus ihrem kleinen Garten gegessen und ist offenbar dennoch bei guter Gesundheit. Sie darf offiziell eigentlich nicht hier sein, und trotzdem führen die fröhlichen Jungs von der staatlichen Agentur Tschernobyl Inter Inform ausländische Besucher gegen ein wenig Bakschisch bereitwillig zu ihr.
Sie bietet Nüsse an: „Fürchten Sie sich? Ach was! Ich esse die schon seit 20 Jahren. Ich habe nie Angst gehabt.“

Invalide. Angst? Nein, die hatte auch Sergej Michailowitsch Nitscheparenko nicht, als er in die „Todeszone“ ausrücken musste. Er sitzt im Seniorenzentrum „Zweite Jugend“, das von der österreichischen Caritas in der ostukrainischen Stadt Kharkov mitfinanziert wird, stemmt seine wuchtigen Pranken auf den Tisch und sieht mit 53 gut zehn Jahre älter aus.

Nitscheparenko, Leutnant der Reserve eines ABC-Abwehrregiments, ist ein ehemaliger „Liquidator“ – so werden jene rund 600.000 Soldaten und angeblich freiwilligen Helfer genannt, die nach dem GAU herangezogen wurden, die ersten Aufräumungsarbeiten durchzuführen.

Als er am Abend des 27. April 1986 von der Arbeit als Leiter einer Turbinenfabrik nach Hause kam, seine beiden Söhne an der Hand, stand schon ein Fahrzeug der Armee vor der Tür: „Genosse Leutnant, Ihr Einberufungsbefehl.“

Seine Frau war bei einem Konzert der Werksmusikkapelle, ihm blieb gerade noch Zeit, die Kinder bei einer Nachbarin unterzubringen. Er sollte seine Familie 55 Tage lang nicht mehr sehen: „Und in dieser Zeit wurde ein Strich unter mein Leben gezogen.“

Ein paar Stunden später saß Nitscheparenko bereits auf einem Militärlastwagen, ausstaffiert mit der normalen Felduniform und einer Gasmaske, am 29. April langte der Konvoi in Tschernobyl ein, tags darauf begann der Einsatz. Reaktor 4 brannte. Die Folgen der Mission für die Beteiligten seien nicht abzuschätzen, teilten die Vorgesetzten lapidar mit.

Seine Einheit demontierte technische Anlagen, trug verseuchtes Erdreich ab und setzte Betonplatten darüber: „Ich hatte keine Angst. Man fühlt nichts, man riecht nichts. Natürlich denkt man nach. Aber wir waren ja in keiner Kampfzone, in der geschossen wurde. Es war fast wie bei einer Übung.“ Aber dann kamen die ersten Symptome: der Geschmack nach Metall im Mund, trockener Hals, Husten, rote Flecken im Gesicht. Nach sieben Wochen wurde Nitscheparenko nach Kharkov zurückverlegt: „Als wir zurückgekehrt sind, glaubten wir: Es ist überstanden. Jetzt wird alles gut.“

Wenig später fällt der Leutnant der Reserve in der Straßenbahn ohnmächtig vom Sitz, im September wird ein getreidekorngroßer Tumor an seiner Schilddrüse diagnostiziert. Die Geschwulst wächst rasend schnell. Als Nitscheparenko im Oktober 1986 operiert wird, ist sie bereits groß wie eine Münze. Heute plagen ihn Bluthochdruck, Kreislaufbeschwerden und Gelenksschmerzen. Und immer wieder plötzliche Blackouts.

„Die Todesrate unter den damals eingesetzten Liquidatoren ist enorm hoch“, sagt Nitscheparenko: „Meine Kameraden sterben alle sehr jung, unter fünfzig Jahren. Sie werden krank, sie begehen Selbstmord, sie erleiden Unfälle.“ Von den 19.000 Liquidatoren, die aus dem Verwaltungsgebiet Kharkov eingezogen wurden, seien heute nur noch 4000 am Leben, schätzt der Tschernobyl-Veteran.

Jetzt kämpft er mit einem Opferverein, der 30.000 Menschen vertritt, für die medizinische und soziale Absicherung der direkt Betroffenen sowie der Angehörigen. Mehr als kleine Etappensiege konnte Nitscheparenko bisher aber nicht verzeichnen: „Wir sind Kranke, die keiner haben will. Je weiter die Zeit fortschreitet, desto mehr lässt man uns im Stich.“

Und die Nutzung der Nuklearenergie? „Atomkraft ist nichts Schlimmes. Natürlich sollten wir Atomkraftwerke betreiben. Es geht nur darum, dass die Menschen vorschriftsmäßig damit umgehen.“

Was bleibt, ist schaler Stolz darauf, als Soldat seine Pflicht erfüllt und die Ukraine vor noch schwererem Schaden bewahrt zu haben. Nitscheparenko ballt die Fäuste: „Wenn ich sehen würde, dass es den Leuten hilft, würde ich nochmals hingehen. Aber junge Leute würde ich nicht hinschicken.“

In die Region Tschernobyl ist Sergej Nitscheparenko, Leutnant der Reserve, im Alter von 34 Jahren als Invalide pensioniert, nie mehr zurückgekehrt.

Unbesorgt. „Die Menschen, die hierher gekommen sind, um zu helfen, haben damals nicht wirklich realisiert, was Radioaktivität ist und wie gefährlich sie sein kann“, sagt Julia Marusych. Ihr Arbeitsplatz liegt keine hundert Meter vom Sarkophag entfernt im Tschernobyl-Museum, ein Panoramafenster eröffnet den Blick auf die Betonwand von Reaktor 4. Bis auf die Militärs seien alle Liquidatoren Freiwillige gewesen, herbeigeeilt aus dem ganzen Sowjetreich: So wenig die ukrainischen Offiziellen die Dimension der Katastrophe herunterspielen, so vehement heroisieren sie die anschließend notwendigen, hochriskanten Aufräumarbeiten.

Marusych öffnet ein Modell von Block 4. Man weiß, wie es drinnen aussieht, denn immer wieder, etwa nach schweren Regenfällen oder Stürmen, wagen sich Arbeiter in schwerer Schutzkleidung für ein paar Minuten dorthin vor. „Das sind echte Helden“, sagt Marusych.

Was man nicht weiß: welche chemischen Reaktionen dort, unter tausenden Tonnen eilig von Hubschraubern aus hineingekipptem Schutt, Sand und Blei, wirklich ablaufen. Noch heute herrscht innerhalb des Sarkophags eine tödliche Strahlung von 3400 Röntgen pro Stunde, an der Nordwand der Anlage sind es laut Marusych immer noch 2000 Röntgen. Im Inneren des Gebäudes liegt die Temperatur bei 31 Grad Celsius. Die Hitze kommt vom Kern des Unglücksreaktors.

Und die Konstruktion der neuen Schutzhülle, die den mittlerweile rissig gewordenen Sarkophag komplett abschirmen soll, zieht sich hin. Derzeit behindern schwere Fröste und, so die Kraftwerksleitung, chronischer Geldmangel die Weiterführung der Arbeiten. Der „Shelter“, eine 108 Meter hohe Dachkonstruktion, soll die nächsten hundert Jahre halten. Plutonium braucht fast 250.000 Jahre, bis es vollständig zerfallen ist.

„Ich habe eine ganz normale Arbeit“, sagt Marusych: „Wir kommen Tag für Tag hierher, und niemand denkt: Oh Gott, wo bin ich da?“ An der Wand hinter ihr flackert die Anzeige eines Messgeräts, das im Sekundentakt die aktuelle Belastung durch Radioaktivität anzeigt.

Bei jedem kleinen Windstoß ändert sich die Strahlung. Sie steigt ein wenig. Sie sinkt ein wenig. Aber sie ist immer da.

Von Martin Staudinger, Tschernobyl